Daniel Kempin singt in Waldniel Lieder auf Jiddisch

Gedenken in Schwalmtal: Eindrucksvoller Abend mit jiddischen Liedern

Daniel Kempin, Kantor der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, war zu Gast in Waldniel. Ergreifend sang er vom Widerstand.

Zum 80. Mal jährt sich in diesem Jahr das barbarische Ereignis, das die Nazis in ihrem zynischen Jargon die „Reichskristallnacht“ nannten. In Waldniel führen seit vielen Jahren die beiden christlichen Kirchen und die Gemeinde Schwalmtal gemeinsam eine Gedenkveranstaltung durch. Dabei erinnerten sie meist mit einem Gottesdienst und einem Friedhofsbesuch an die Nacht, in der die SA und ihre Helfer die Fensterscheiben jüdischer Geschäfte demolierten und Synagogen in Brand steckten.

In diesem Jahr wurde ein anderer Rahmen für den Vorabend des 9. November gefunden. Man darf sagen, es wurde ein sehr eindrucksvoller, würdiger und dabei zugleich informativer Abend. Ja, trotz des schlimmen Anlasses war die Veranstaltung interessant und auf eine dezente und seriöse Art und Weise sogar unterhaltsam.

Arne Thummes, seit 2000 Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Waldniel, hatte den Kantor der Frankfurter Jüdischen Gemeinde, Daniel Kempin, kennen gelernt und ihn nach Schwalmtal zu einem Liederabend eingeladen. Das war eine gute Entscheidung. Kempin, ausgestattet mit einer kraftvollen, ausdrucksstarken Stimme und außerdem noch ein vorzüglicher Gitarrist, erinnerte mit hebräischen und jiddischen Liedern im ersten Teil des Abends an an die jüdische Kultur vor Hitler. Während sich für liberale deutsche Juden die Grenzen zwischen dem jüdischen Lichterfest Chanukka und dem christlichen Weihnachten allmählich zu verwischen begannen, entstand in Osteuropa eine ganz eigene, jiddische Kultur mit eigener Sprache und einer Fülle von Liedern. Von denen gab Kempin Kostproben.

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Bei einigen erhielt er Unterstützung durch ein spontan gebildetes Vokalensemble aus politisch engagierten Jugendlichen der Waldnieler Janusz-Korczak-Realschule, geleitet von ihrem Musiklehrer Marcel Franken. Dem industriellen Massenmord der Nazis, der Shoa und ihren Nachwirkungen, war der zweite Teil des Abends gewidmet. Ergreifend trug Kempin Lieder aus dem ostjüdischen Widerstand vor, so wie „Es brennt“ aus der Feder von Mordechaj Gebirtig, der 1942 im Krakauer Ghetto von einem deutschen Soldaten erschossen wurde. Im Wilnaer Ghetto entstand 1943 „mir leben ejbik“ (Wir leben ewig). Damit wurde in einer Zeit individueller Hoffnungslosigkeit die verbliebene Hoffnung auf ein Überleben der jüdischen Kultur artikuliert.

Zwischen den Liedern informierte Pfarrer Thummes über die Geschichte der Waldnieler Juden. Eine Synagoge ist für das 18. Jahrhundert nachweisbar, ebenso ein jüdischer Friedhof. In der Pogromnacht kam es auch in Waldniel zu Gewalttaten. Drei Waldnieler Juden überlebten die Shoa. Jüdische Geschichte verläuft seit Jahrhunderten zwischen Verfolgung und Hoffnung. Das letzte Lied des Abends fasste zusammen: „A bisserl Sonn, a bisserl Regen“.

(gho)
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