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Solingen: "Der bergische Chef ist treu"

Solingen : "Der bergische Chef ist treu"

Frau Ackerschott, fangen wir mit einer unhöflichen Frage an: Wann gehen Sie?

Frau Ackerschott, fangen wir mit einer unhöflichen Frage an: Wann gehen Sie?

Ackerschott (lacht) Ich wechsle zum 1. Juli nach Mettmann als Leiterin der dortigen Arbeitsagentur. Sie wird zurzeit aufgebaut. Dazu müssen, wie in Solingen-Remscheid auch, Teilagenturen zusammengelegt werden. Die offizielle Fusion der Arbeitsagenturen wird zwar erst zum 1. Januar vollzogen. Aber viele vorbereitende Schritte müssen schon wesentlich früher gegangen werden. So beginnen wir zum Beispiel im Herbst mit unserer Zielplanung für das kommende Jahr. Daher muss ich schon Mitte dieses Jahres in Solingen von Bord gehen. Ich war dann fast fünf Jahre hier. Es ist das erste Mal, dass ich an ein und demselben Ort so lange gewesen bin.

Ist das für Ihre Position üblich, dass man so häufig wechselt?

Ackerschott Nein, das hat auch etwas mit meiner Person zu tun. Ich wollte zwischendurch immer mal woanders hin und habe entsprechende Angebote, die mir gemacht wurden, gerne angenommen. Andere hätten das vielleicht abgelehnt. Ich hab's gemacht, und es war jedes Mal eine Bereicherung. Das wurde etwas anders, als ich meinen Sohn bekam. Da habe ich Angebote, die zu weit weg lagen, abgelehnt. Da fällt man dann die klare Entscheidung fürs Kind.

Wo haben Sie Ihre Wurzeln?

Ackerschott Ich komme aus Burscheid, mein Vater aus Wipperfürth, also habe ich bergische Wurzeln.

Sie begleiten die Zusammenlegung der Agenturen Solingen-Remscheid und Wuppertal. Für wie viele Menschen ist der Leiter der neuen Agentur dann zuständig?

Ackerschott Wir haben in Remscheid und Solingen zurzeit 7000 Arbeitslose, davon 5300 in Remscheid, für die ich verantwortlich bin. Ab kommendem Jahr ist mein Nachfolger dann für 11 500 Arbeitslose zuständig. Daneben gibt es noch 21 600 Arbeitslose in Solingen und Wuppertal, die von den kommunalen Jobcentern betreut werden.

Die Arbeitsagenturen in Mettmann und Solingen-Remscheid sind nicht die einzigen, die fusionieren.

Ackerschott Nein, in ganz Deutschland sind es 26. Die Fusionen werden nötig, weil sich mit Gründung der Jobcenter das Klientel der Arbeitsagenturen verschoben hat. Im Bergischen Land wie ganz allgemein ist zu beobachten, dass der Anteil der Arbeitslosen, die in den Bereich des Sozialgesetzbuchs III fallen, also nicht bedürftig sind, in der Langzeitbetrachtung stetig sinkt, während die Zahl der Betroffenen, die unter das Sozialgesetzbuch II fallen, also Grundsicherung beziehen, statischer ist. Diese Menschen verweilen wesentlich länger in Arbeitslosigkeit, weil sie mehr Hemmnisse haben. Für sie sind die Jobcenter zuständig. Zudem sind Agenturen betroffen, die durch kommunale Jobcenter weniger Arbeitslose zu betreuen haben. Außerdem vollziehen wir noch eine interne Reform: wir konzentrieren uns noch stärker aufs Kerngeschäft, also die Betreuung der Arbeitslosen.

Die Wirtschaft in den bergischen Großstädten ist unterschiedlich. In Solingen hat sich ein Strukturwandel hin zu mehr Dienstleistung vollzogen, Remscheid ist ein starker Standort der Metall- und Elektroindustrie geblieben, und in Wuppertal sind vor allem die Textil- und Chemieindustrie heimisch. So hat jede Stadt ihre eigenen Bedürfnisse.

Ackerschott Wir müssen uns so aufstellen, dass wir das berücksichtigen. Das muss in unserem Haus, aber auch in den Köpfen passieren. Es muss ein Bewusstsein geben, dass man es mit drei Städten zu tun hat, die sehr unterschiedlich sind. Das habe ich meinem Nachfolger bereits ans Herz gelegt. Wir haben aber auch vor Ort noch Führungskräfte sitzen, die verantwortlich und ansprechbar sind.

Remscheid ist die kleinste Stadt des neuen Verbundes. In Wuppertal, der größten, hat die neue Arbeitsagentur Solingen-Wuppertal künftig ihren Sitz. Muss Remscheid nicht Angst haben, ins Hintertreffen zu geraten?

Ackerschott Die Gefahr besteht, aber das möchte die Bundesagentur gar nicht erst zulassen. Alle drei Städte sollen gleichwertig behandelt werden, so lautet die Vorgabe. Remscheid ist zwar klein, hat aber hochkarätige Arbeitgeber und ist eine Stadt mit einem hohen Einpendlerstrom. Die höchste Ausbildungsquote im Bergischen Städtedreieck hat die Stadt Remscheid.

Wie werden Sie Ihren neuen Kollegen beschreiben, woher Sie kommen?

Ackerschott Ich würde immer wieder erzählen, wie viele hochkarätige Arbeitgeber es hier gibt, die einen Weltruf haben. Sie sind der breiten Bevölkerung vielleicht nicht so bekannt, aber in ihrer Branche sind sie Marktführer.

Die Wirtschaft ist immer noch stark männlich geprägt. Wie sind Sie als Frau zurechtgekommen?

Ackerschott Also, ich bin das gewohnt, weil ich schon in jungen Jahren, mit Ende 20, Führungskraft war. Damals hatte ich noch überwiegend mit männlichen Gesprächspartnern zu tun und habe dabei auch einiges Lustige erlebt.

Was denn zum Beispiel?

Ackerschott Ich weiß noch ganz gut, als ich Verwaltungsleiterin in einer Arbeitsagentur war, hatte mein Chef eine Gesprächsrunde zu sich eingeladen — Verbandsvertreter, Arbeitgeber alles nur Männer. Ich saß mit ihnen an einem Tisch und beteiligte mich an dem Gespräch. Als nach den Getränkewünschen der Gäste gefragt wurde, schauten alle schlagartig mich an und sagten "Ja, bitte, einen Kaffee". Ihnen schien es selbstverständlich zu sein, dass die einzige Frau in der Runde die Getränke holen würde. Aber ich hatte einen ganz tollen Chef, der sofort aufsprang und eine Mitarbeiterin im Vorzimmer gebeten hat, die Getränke zu holen. Inzwischen sind es die Männer gewohnter, mit einer Frau umzugehen. Und wenn es um härtere Verhandlungen geht, dann sind wir alle gleich.

Inwieweit ist der Fachkräftemangel aus Ihrer Sicht auch beherrschend für das Bergische Land?

Ackerschott Als es nach der Krise ab 2010 wieder aufwärtsging, haben die Arbeitgeber erst die Kurzarbeit eingestellt und ihre Beschäftigten, die sie damals entlassen mussten, wieder eingestellt. Dann wurden über Monate verstärkt weitere Arbeitskräfte gesucht. Da gab es ein paar Monate, in denen hatte ich schon Sorge. Es gab keine freien Kräfte mehr auf dem Markt, wie sie gesucht wurden. Ich kann sagen, das hat sich beruhigt. Der Markt ist nicht mehr so dynamisch. In manchen Bereichen tun wir uns allerdings immer noch schwer. Der normale Dreher ist zurzeit Mangelware. Doch das eigentliche Problem wird kommen: Im Jahr 2025 werden wir schon allein aufgrund des demografischen Wandels einen Fachkräftemangel haben.

Wie wird sich der Arbeitsmarkt in den kommenden zehn Jahren wandeln?

Ackerschott Die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe ist bereits sehr hoch. Außerdem gibt es schon ein sehr starkes Engagement der Wirtschaft in den Schulen, um Jugendlichen eine Ausbildung zum Beispiel in der Metallindustrie schmackhaft zu machen. Aber wir werden uns Gedanken darüber machen müssen, wie man Frauen stärker einbindet. Wir werden mehr für Familien tun müssen. Künftige Fachkräfte wollen den Ausgleich, nicht nur Karriere. Die schauen sich auch das Umfeld genau an. Gibt es gute Kindertagesstätten, gibt es vernünftige Schulen? Habe ich da einen hohen Freizeitwert?

Wenn Sie nach Mettmann gehen, was nehmen Sie mit aus dem Bergischen?

Ackerschott Ein bisschen Wehmut. Ich habe mich sehr wohlgefühlt. Ich habe eine Bereicherung erfahren und teilweise auch Freundschaften knüpfen können. Außerdem konnte ich mein Fachwissen erweitern. Ich nehme die Erinnerung an ein spezielles bergisches Selbstbewusstsein mit. "Mir san mir", also "Wir sind wir", das kennt man ja eigentlich nur aus Bayern, aber diese Haltung ist mir oft auch im Bergischen Land begegnet.

Alexandra Kemp führte das Gespräch mit Ute Ackerschott.

(RP/rl)