Alpener nimmt mit jungen Franzosen und Polen am Gipfeltreffen teil

Politische Bildung : Musiker mit großem Faible für Politik

Aaron Böttcher (21) aus Alpen nimmt von Sonntag an am Jugendgipfel in Duisburg teil – zusammen mit 45 Jugendlichen aus Polen, Frankreich und Nordrhein-Westfalen.

Manche Zeitgenossen werden denken, dass Aaron Böttcher (21) ein eher untypischer Vertreter seiner Generation ist. Er interessiert sich für Politik. Weniger für Parteien, mehr für grundsätzliche gesellschaftspolitische Fragen. Vor drei Jahren hat er das Angebot des SPD-Abgeordneten René Schneider angenommen, für drei Tage dessen Platz im Plenum einzunehmen, um im Jugendparlament des Landtages ganz praktisch Politik zu machen. Ein gute Erfahrung. Jetzt nimmt der junge Mann, der gerade am Berufskolleg in Geldern sein Vollabitur gebaut hat, von Sonntag, 18., bis Samstag, 25. August, in Duisburg mit 45 jungen Leuten aus NRW, Polen und Frankreich am Jugendgipfel teil. Dabei geht es um das Thema „Gelebte Vielfalt – Engagement für sozialen Zusammenhalt“.

Der Alpener weiß, worauf er sich da im Sportpark an der Wedau einlässt. Er hat nicht nur am Vorbereitungstreffen im Dortmunder U teilgenommen. Duisburg ist bereits sein zweiter Jugendgipfel. Sein erster war im vorigen Jahr in der nordfranzösischen Großstadt Lille. Es sei spannend gewesen, mit Gleichaltrigen aus drei Nationen über die Zeitspanne zwischen 1918, Beginn des I. Weltkrieges, und 2018, zu reden.

Die Sprache sei kein Hindernis gewesen. Die Polen kämen alle aus der Region Schlesien, wo Deutsch als Sprache weiter hoch im Kurs stehe. Seine Französich-Kenntnisse, so der 21-Jährige, reichten zwar, um im Nachbarland nicht zu verhungern. Aber bei komplexen Fragestellungen stoße er schnell an seine Grenzen. „Gut, da stehen uns wie bei einem richtigen Gipfel Dolmetscher hilfreich zur Seite“, sagt er.

In Lille habe man sich beispielsweise mit Methoden politischer Propaganda befasst. Und die hätten sich, auch wenn aus den einstigen Feinden Deutschland und Frankreich längst Freunde geworden seien, in den zurückliegenden 100 Jahren kaum verändert, so die Erkenntnis. „Es geht den Propagandisten immer mehr um Emotionen als um Fakten“, sagt Aaron Böttcher. „Es ist für mich erschreckend, dass man aus der Geschichte so wenig lernt und immer wieder auf diese Mechanismen reinfällt.“

Das Saxophonspielen gehört neben dem Rettungsschwimmen zu den Hobbys von Aaron Böttcher aus Alpen. Sein Interesse für Politik möchte er zum Beruf machen. Foto: Armin Fischer (arfi)/Fischer, Armin (afi)

Selbst als seriös geltende Redaktionen würden „Fakenews“ verbreiten. Ihn habe der Abgleich eines Fotos, das ein namhaftes Nachrichtenmagazin veröffentlicht hat, mit einem Video beeindruckt, das die im Bild gezeigte Szene in den Kontext gestellt habe. Das Foto habe nach dem Absturz eines Flugzeuges in der Ukraine einen Separatisten gezeigt, der in den Trümmern einen Stoffbären anscheinend triumphierend in Händen hielt. Dokument einer zynischen Machtpose, wie die Bildunterschrift behauptete. Das bewegte Bild aber habe gezeigt, dass der Kämpfer, seine Kopfbedeckung abgenommen und den Teddy voller Ehrfurcht an der Absturzstelle niederlegt habe.

Beim bevorstehenden Gipfel freut sich der junge Mann aus Alpen diesmal besonders auf die Begegnung mit den Polen, um mehr über die europa-kritische Haltung in deren Land zu erfahren und auch über das besondere Verhältnis der Polen zu Russland. Es habe sich ein ausgewiesener Kenner der politischen Verhältnisse in Polen angesagt. Das Land wird von der nationalpopulistischen PiS-Partei regiert.

Auch das Rahmenprogramm mit Abstechern in den Landschaftspark Duisburg und in die Landeshauptstadt sei sicher wieder sehr reizvoll. Aufmerksam geworden ist Aaron Böttcher auf den Jugendgipfel, den einst die Außenminister der drei Nationen auf den Weg gebracht haben, beim Surfen im Internet. „Die Ausschreibung hat mich angesprochen. So habe mich beworben“, sagt er. Das Interesse an Politik sei schon auf der Realschule geweckt worden. Im Geschichtsunterricht habe er sich häufig gefragt, wo’s Parallelen zur Gegenwart gebe.

Zu Hause, so erzählt er, werde am Tisch zwar über Politik gesprochen. Aber er selten. Vor allem mit seiner Mutter die aus der ehemaligen DDR kommen – von einem einst selbstbewussten Landstrich, der nach der Wende einen Niedergang erlebt habe. Mit Schwester Miriam (17) diskutiert er kaum. „Die ist mehr an Mode interessiert.“

Für Aaron gibt’s neben der Politik andere, im Notfall lebensrettende Dinge, die ihn interessieren. Als guter Schwimmer gehört er zur erfolgreichen DLRG-Ortsgruppe. Außerdem spielt er Tenor-Saxophon. „Jazz, Blues und ein bisschen Swing.“ Aber das ist Hobby. Beruflich läuft’s auf Politik hinaus. In welcher Form auch immer. Im Herbst beginnt sei Studium an der Uni Essen/Duisburg. Er ist eingeschrieben für Politikwissenschaften. Was sonst.

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