Leichtathletik : Der Stein des Anstoßes

Unter Spezialsportlern ist Dieter Wolf (74) fast schon ein Superstar. Bei den Europameisterschaften in Jüterbog avancierte der Leichtathlet mit neun Titeln und insgesamt 16 Medaillen zum erfolgreichsten Teilnehmer.

Dieter Wolf liebt die ganz dicken Brocken. Wenn es gilt, einen satte 50 Kilogramm schweren Stein möglichst weit zu stoßen, ist der 74-Jährige in seinem Element. "Seit ich 65 bin, hat mich im meiner Altersklasse keiner mehr geschlagen", sagt der Leichtathlet des TSV Bayer Dormagen nicht ohne Stolz.

Willkommen in der Welt der Spezialsportler, die sich neben dem Ultrasteinstoßen auch in so abenteuerlich anmutenden Disziplinen wie dem Eisenschleuder-Dreikampf oder Schockorama (einarmige Kugelschockwürfe aus dem Stand mit drei verschieden schweren Kugeln) messen. Steinstoßen, erklärt Wolf, "ist eine Mischung aus Speerwerfen und Kugelstoßen". Und darin ist der ehemalige Zehnkämpfer ein Meister. Kostprobe gefällig? Bei den Europameisterschaften in Jüterbog, an denen rund 200 Sportler aus den baltischen Staaten, Polen, Ungarn, Tschechien, Russland, Ungarn, England, Frankreich und der Schweiz teilnahmen, trat er in allen Wettkämpfen an, holte dabei neun Titel sowie 16 Medaillen und stellte so ganz nebenbei auch noch vier Weltrekorde auf. Besser war keiner.

Kurz darauf schloss der vielfache Weltmeister die Deutschen Mehrkampf-Meisterschaften im pfälzischen Maikammer mit zwei weiteren ersten Plätzen und neun Weltbestleistungen ab. Sein Kommentar: "Ich habe eben eine höllisch gute Kondition." Die war vor allem bei den kontinentalen Titelkämpfen gefragt. "Früher", gesteht der Kraftsportler schmunzelnd, "hätte ich mir wohl selber den Vogel gezeigt, wenn ich in allen Disziplinen gestartet wäre". Aber die Gelegenheit war günstig, trat er doch zum ersten Mal in der pro Disziplin nur mit sechs bis zwölf Startern besetzten Altersklasse M75 an. Trotzdem lotete er seine Leistungsgrenze voll aus. Nach zehn Stunden im Dauereinsatz sei er schon ganz schön kaputt gewesen, räumt er ein.

Wolf, der auf die Geduld seiner Frau Bärbel bauen kann, trainiert zweimal pro Woche am Höhenberg in Dormagen, dazu kommen ein bis Krafteinheiten im heimischen "Studio". Zeitintensiv ist indes nicht nur die Vorbereitung auf die Wettkämpfe, auch die Beschaffung der recht speziellen Arbeitsgeräte kann mitunter zu einem Vollzeitjob werden. Den 25 Kilogramm schweren Findling, den er bei der EM 3,53 Meter weit stieß, hat er im hohen Norden erst nach stundenlanger Suche gefunden, für die 50-Kilo-Kolosse (2,58 Meter bei der EM) verbrachte er schon halbe Tage in Fachgeschäften. Mit seinem 87 Kilogramm zählt er eher zu den Leichtgewichten, knackt die Konkurrenz doch mitunter sogar die 100-Kilo-Marke.

Schluss ist für das Mitglied der 4x100-Meter-Staffel des TSV noch lange nicht. "Bin ich erst mal in der höchsten Altersklasse M80, räume ich alle Rekorde ab", kündigt er an.

(NGZ/ac)