Europawahl 2019: Schüler fühlen Kandidaten vor der Wahl auf den Zahn

Junge Wähler aus Neuss bereiten sich auf die Europa-Wahl vor : Schüler fühlen Kandidaten vor der Europawahl auf den Zahn

Beim „Speed-Dating“ am Berufskolleg Weingartstraße kamen sechs Kandidaten für das Europaparlament mit jungen Wählern ins Gespräch – mit überraschendem Effekt.

Wahlkampf funktioniert und lohnt die Mühe. Diese Erfahrung machten sechs Kandidaten für die Europawahl am 26. Mai, die sich am Samstagvormittag den Fragen von 64 Schülern und Studenten am Berufskolleg Weingartstraße stellten. Denn 47 Prozent der Schüler stimmten nach der Fragerunde für eine andere Partei als vor dem politischen „Speed-Dating“. „Erstaunlich“, kommentierte Marion Werner, die Leiterin der Fachschule für Wirtschaft, das Ergebnis. Sie hatte schon zum vierten Mal vor einer Wahl gemeinsam mit der NGZ eine solche Diskussionsrunde organisiert.

Speed Dating zur Europawahl - sechs Kandidaten stellen sich den Fragen von über 60 Schülern und Studenten. Foto: Woitschuetzke,Andreas (woi)

Zu Gast waren Stefan Berger (CDU), Petra Kammerevert (SPD), Nilab Fayaz (Bündnis 90/Die Grünen), Moritz Körner (FDP), Fotis Matentzoglou (Linke) und Verena Wester (AfD), die als Kandidaten am Niederrhein antreten. Das Konzept der politischen Flirt-Runde: Im Pädagogischen Zentrum teilten sich Schüler und Studenten in sechs Tischrunden auf, zwischen denen die Politiker alle 15 Minuten wechselten. Hinsetzen, vorstellen – und Rede und Antwort stehen.

Menschen miteinander ins Gespräch bringen und einen Wettbewerb der Ideen und Argumente zu initiieren, sei Aufgabe und Interesse der Medien, nannte Chefreporter Ludger Baten als Grund, warum die NGZ gerne Partner beim Speed-Dating ist. Auf das hatten Marion Werner und Frank Huber die Schüler und Studenten im Politikunterricht vorbereitet. Mit einer Fahrt zum Europaparlament nach Brüssel will Huber mit seiner Klasse das Projekt noch abrunden. Derart gut informiert, nahmen die  Schüler die Kandidaten in die Zange.

Vor und nach dem „Speed Dating“ wurde die Sonntagsfrage gestellt und mit dem Handy abgestimmt. 47 Prozent der Schüler änderten ihre Meinung und wählten nachher anders. Foto: Woitschuetzke,Andreas (woi)

„Wie ist Ihre Haltung zum Artikel 13“, prasselte es auf Petra Kammervert ein, noch ehe sie ihren Stuhl zurechtrücken konnte. Die Einstellung der Kandidaten zur umstrittenen EU-Richtlinie zu Upload-Filtern – einer Software, die Medien und Dateien beim Hochladen prüft und gegebenenfalls abweist –  war die meistgestellte Frage des Vormittags. Insbesondere junge Menschen empfinden die geplanten Filter als Zensur, die die Freiheit des Internets gefährdet. „Ich halte Upload-Filter für unverhältnismäßig“, stimmte ihnen Kammerevert zu, die überdies für einen „europäischen Bildungsraum“ und die Stärkung der „sozialen Säule in Europa“ warb.

Im 15-Minuten-Takt mussten sich Bewerber wie Moritz Körner den Fragen einer neuen Gruppe stellen. Dabei kam niemand so gut an wie der FDP-Kandidat, den jeder Zweite wählen wollte. Foto: Woitschuetzke,Andreas (woi)

Punkten konnte beim Thema Upload-Filter auch Moritz Körner, der seine Vorher-Nachher-Zustimmungswerte auf 50 Prozent mehr als verdoppeln konnte. Er fürchtete, dass diese „Filter-Debatte das Erste ist, was viele junge Menschen von der EU wahrnehmen“ – und enttäuscht werden. Körner warb überdies für einen Ausbau des Erasmus-Austauschprogramms, sowie eine gemeinsame EU-Außenpolitik.

Diesen Punkt führte auch Stefan Berger in seinem Pro-Europa-Plädoyer auf, das die Schüler von dem CDU-Kandidaten zu hören bekamen. „Auf globale Probleme ist Europa die richtige Antwort.“ Sein Argument Pro Upload-Filter – „Europa ist der Kontent-Kontinent und muss den auch schützen.“ – verfing allerdings kaum.

Als „Aktivist“ sieht sich Fotis Matentzoglou (Die Linke). Warum man ihn wählen sollte, wollte Besnik Reqica wissen. „Wir wollen das Konstrukt EU so verändern, dass es wieder um die Belange der Bürger geht“, erwiderte der Kandidat, der dabei an Arbeitnehmerrechte und einen europäischen Mindestlohn denkt. Keinesfalls befürworte er eine Abschottung der EU gegen Europa.

Gegenteiliges vertritt die AfD und auch deren Kandidatin Verena Wester. „Die Politik der offenen Grenzen geht so nicht weiter“, sagte sie und machte sich wenig Freunde mit der Forderung, Wirtschaftsflüchtlinge konsequent abzuschieben. Wester sprach sich gegen eine EU als zentralistischen „Über-Staat“ aus aber für eine Reform der EU.

Als Grund ihrer Kandidatur nannte die Neusserin Nilab Fayaz das Ziel, die Menschen zur Teilnahme an der Wahl zu motivieren. „Ich bin Unterstützerin“, sagte die Grünen-Kreistags-Abgeordnete, die ziemlich sicher kein Mandat erringen wird. „Wenn Ihr Klimaschutz wollt, dann ist das mit den Grünen zu erreichen“, sagte sie. Ihr „Rat“ am Ende war gar nicht parteipolitisch: „Lasst Euch nicht bequatschen, informiert Euch — und geht vor allem wählen.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: „Speed-Dating“ am Berufskolleg Weingartstraße in Neuss

Mehr von RP ONLINE