Tour über Zechengelände: Reise in die Bergbauvergangenheit

Tour über Zechengelände : Reise in die Bergbauvergangenheit

Das Stadtmarketing hat zur ersten Tour in dieser Saison über das ehemalige Zechengelände Niederberg eingeladen. Das Steigerlied und ein zünftiger Schluck Niederberger Grubenwasser gehören zum Programm.

Treffpunkt: ehemaliges Zechentor. Dort, wo noch die beiden Pförtnerhäuschen daran erinnern, dass Neukirchen-Vluyn eine Bergbaustadt war. Aus allen Richtungen kommen die Teilnehmenden, alleine oder mit dem Ehepartner. Vielleicht, um in alten Zeiten zu schwelgen, in der der Zusammenhalt der Kumpel untertage ein Leben prägte und übertage einen ganzen Ort in seiner Infrastruktur.

„Wir wollen nochmals das alte Zechengelände sehen, bevor es sich durch die Bebauung völlig verändert“, sagen die einen. „Das war für Jahrzehnte mein Arbeitsplatz. Ich habe hier gelernt“, erklären andere.

Franz Göbbels, Helmut Schary und Josef „Jupp“ Schröder sind Bergleute vom alten Schlag, die sich auch im Ruhestand nicht ihre Liebe zum Bergbau und die gemeinsame Zeit nehmen lassen. „Wir wissen ja genau, wie es auf Niederberg war“, sagt Jupp Schröder. Die Drei sind in typischer Bergmannskluft angetreten, um lebhaft über die Bergbaugeschichte vor Ort zu erzählen.

Dicht drängt sich die Gruppe zusammen, als Jupp Schröder von den Anfängen um Niederberg berichtet. 1853 wird die erste Kohle gefunden, 1857 folgt das Schürfrecht, 1911 geht die Niederrheinische Bergwerksgesellschaft an den Start. „1917 wurde die erste Kohle gefördert“, so Schröder, der mit einem knappen Zahlengerüst auskommt. Großformatige historische Bilder vermitteln einen Eindruck, wie auf dem Pütt gearbeitet wurde, welche weiteren Gewerke dazugehörten und wo welche Gebäude standen oder heute stehen. Diebe haben darin auf der Suche nach Kupfer und Gegenstände gewütet.

Den Schirrhof gibt es schon lange nicht mehr. „Dort wurden die Pferde angeschirrt“, so Schröder. Zu den Besonderheiten jener Jahre gehört auch der Fund eines versteinerten Baumes auf 300 Metern Tiefe. Heute ist er im Lehrstollen von Kamp-Lintfort zu sehen. Das Exponat konnte gerettet werden, als sich für die Zeche Niederberg das Aus ankündigte.

Die drei Bergleute erzählen abwechselnd von Grubenunglücken, beispielsweise 1958 durch Schlagwetter oder Jahre später durch einen Strebzusammenbruch. Bei der Reise in die Bergbauvergangenheit geht es um Kohlestandorte wie Tönisberg, Kapellen, Moers oder Voerde, die alle unterirdisch gut erreichbar waren. Um Bauwerke, wie das zentrale Maschinenhaus, die Schaltwarte, Abbau und Waschvorgänge, Ausrüstung wie Sauerstoffversorgung untertage oder individuelle Produkte wie die „Einblaskohle“ für Hochöfen, die der Duisburger Stahlgigant Krupp von Niederberg bezog.

„Niederberg war eine Apothekenzeche“, so Schary. Kohleprodukte wurden mit Lkw geholt oder auf die Schienen der Kreisbahn direkt ab Zeche verladen. Niederberg war Arbeitgeber wie Ausbilder und zugleich soziales Versorgungswerk mit dichtem Netzwerk.

Der Weg führt die Gruppe weg vom Backsteindreiklang über die Niederrheinallee, an die Stelle, wo sich der Schacht V befand. „Das war hier unser Leben“, so das Fazit der drei gestandenen Bergleute mit Blick auf ein heute mit schicken Ein- und Mehrfamilienhäusern bebautes Gelände, das demnächst noch um ein weiteres Wohnquartier ergänzt wird. Auch stehen die Abschlussverhandlungen über die Fläche rund um die Fördertürme aus. Der mögliche Investor hat sich mit der Gesamtkonzeption unter anderem mit Kunst, Kultur und Gastronomie einiges vorgenommen. Für die Bergleute eine positive Entwicklung. „Endlich kommt wieder Leben auf die Fläche“, sagt Göbbels.

Knapp 20 Jahre ist die Zechenschließung her. Absolutes Muss der Tour zum Schluss: das gemeinsame Singen des Steigerliedes und einem zünftigen Schluck Niederberger Grubenwasser. Die drei weiteren Termine sind bereits ausgebucht. Es gibt eine Warteliste. Wer noch altes Fotomaterial oder sonstige Gegenstände hat, wendet sich an Josef Schröder unter 02845 32865.

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