Mönchengladbach: Neues Amazon-Logistikzentrum in Rheindahlen

Logistikzentrum in Mönchengladbach : Amazon nimmt in Rheindahlen Fahrt auf

Das neue Logistikzentrum des Online-Riesen hat zwei Monate nach seinem Start knapp die Hälfte seiner Kapazität erreicht. Die gesamte Logistik ist digitalisiert, dennoch arbeiten dort derzeit rund 1300 Beschäftigte– und es werden noch mehr.

Die Regale fahren scheinbar chaotisch und durcheinander über den grauen Betonboden. Fürs menschliche Auge sieht das planlos aus, der Computer-Algorithmus hingegen versteht genau, was er dort tut: Jedes Regal zu dem Mitarbeiter fahren, der es benötigt, um eine bestellte Ware herauszunehmen und weiterzuleiten auf dem Weg zum Kunden. Oder den umgekehrten Weg: Ware nach den Vorgaben des Computers in die gelben Regale einzusortieren. Playmobil-Spielzeug ist direkt neben Windeln zu finden, CDs neben Zahnbürsten.

Oberbürgermeister Hans Wilhelm Reiners und Wirtschaftsförderer Ulrich Schückhaus lassen sich von Amazon-Mitarbeiterin Marion Vogels ihren neuen Arbeitsplatz zeigen, an dem ihr das System mit zahlreichen Hilfestellungen genau zeigt, was sie aus welchem Regal nehmen muss. Dabei bewegt sie sich kaum einen Meter durch das riesige Logistikzentrum Amazons in Rheindahlen. Die rund 35.000 Regale Regale werden von mehreren Hundert Robotern zu ihr und den anderen „Picker“ genannten Kollegen gefahren. Die nehmen den vom Computer eigens angezeigten Artikel aus dem Regal, scannen ihn ein, und von dort aus gehen diese Bestellungen ihren Weg durch das Zentrum, bis sie etwa bei Einpackerin Peggy Winkens im Erdgeschoss ankommen. Sie arbeitet seit knapp einem Monat bei Amazon und verpackt Bestellungen in Versandkartons, klebt diese zu und legt sie aufs Band, von wo aus sie weiter zur Etikettiermaschine transportiert werden. Wenn sie den Artikel einscannt, gibt ihr das System genau den richtigen Karton vor, und die exakt benötigte Menge Klebeband spukt ein Drucker ebenfalls aus.

„Es ist schon erstaunlich, wie hoch digitalisiert und automatisiert das Logistikzentrum ist und wie viele Menschen trotzdem hier arbeiten“, sagt Wirtschaftsförderer Ulrich Schückhaus. Vieles ist noch Handarbeit, aber in nahezu jedem Arbeitsschritt wird die Ware oder später das Paket per Strichcode eingescannt, damit das System genau weiß: Was ist wo und an welcher Stelle gerade auf dem Weg wohin?

Amazon hat nach Auskunft des Standortleiters Ernst Schäffler bei den Beschäftigten die Tausender-Marke längst überschritten. Es dürften inzwischen rund 1300 Mitarbeiter sein in dem Neubau, der im August seinen Betrieb aufgenommen hat. Davon sind mehr als 1100 Mönchengladbacher. „Wir haben Arbeitsplätze in der Stadt geschaffen“, sagt Schäffler. Gegen Kritik an der Bezahlung und am seit Jahren schwelender Tarifkonflikt mit Verdi wehrt sich Amazon mit Verweis auf seine Bezahlung, die zum Start 11,61 Euro Stundenlohn vorsieht. Nach zwei Jahren könne ein Mitarbeiter mit einem Stundenlohn von gut 14 Euro in der Logistik so auf gut 2600 Euro kommen, inklusive Zuschläge und Zusatzleistungen, wie Amazon-Sprecher Thorsten Schwindhammer vorrechnet. „Das ist weit weg vom Mindestlohn“, sagt Schückhaus.

Dabei hat das Logistikzentrum längst noch nicht die volle Kapazität erreicht. Schäffler beziffert sie derzeit auf rund 45 Prozent, was bedeutet, dass also noch nicht einmal die Hälfte der möglichen Waren in den Regalen liegen. „Wir verschicken im Moment schon mehr als 100.000 Artikel am Tag“, sagt Schäffler. Im Weihnachtsgeschäft könnten es demnach deutlich mehr als 500.000 Artikel werden, so die Erfahrung aus vergleichbaren Logistikzentren. Das entspräche bei mehreren zusammen verschickten Artikel mehr als 300.000 Paketen, die von Mönchengladbach aus an die Amazon-Kunden verschickt werden könnten. Dafür hat Amazon allein in die Technik in dem Neubau mehr als 100 Millionen Euro investiert, etwa in fast 17 Kilometer Fördertechnik mit 192 Paketrutschen und mehr als 8200 Fördermotoren.

Dass das Zentrum derzeit seine Kapazität noch hochfährt, erkläre laut Amazon auch den vielen Lastverkehr, der derzeit Rheindahlen erreicht. Am Ende würden knapp elf Millionen Artikel in den von den Robotern gefahrenen Regalen lagern. „Im Weihnachtsgeschäft können das auch schon 15 bis 16 Millionen sein“, sagt Sprecher Schwindhammer. Dann wird es noch chaotischer im Lager – nur nicht für den Computer.

Hier geht es zur Bilderstrecke: So funktioniert das Amazon-Logistikzentrum in Rheindahlen

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