Mönchengladbach: Stadttouren mit dem Nachtwächter

Unterwegs in Mönchengladbach : Die Rückkehr des Nachtwächters

Erst wenn es dunkel wird, fängt Franz Josef Wirtz an zu arbeiten. Dann zieht er sein langes, schwarzes Nachtwächtergewand über, nimmt seine Hellebarde und zeigt den Menschen die Stadt, wie sie früher einmal war.

Ich kenne die Stadt nicht. Noch nie bin ich die Treppen zum Münster hinauf und die „blaue Treppe“ am westlichen Ende des alten Benediktiner-Klosters wieder hinunter, noch nie habe ich vorm Karnevalsmuseum gestanden oder mir überlegt, was vielleicht im Mittelalter auf dem Alten Markt so los war. „Um 1511 hat es hier Hexenverbrennungen gegeben“, sagt der Mann in langem, schwarzen Gewand neben mir. Es ist Franz Josef Wirtz. Er ist der Nachtwächter. „Und früher war auf dem Alten Markt noch das Rathaus. Davor stand der Kacks.“ Das Wort „Kacks“ spricht er sehr deutlich aus, mit Betonung auf dem „ck“ und sehr scharfem „s“. Kack... was?

Wir laufen langsam nebeneinander an der alten, in einem warmen Gelb angestrahlten Stadtmauer unterhalb des Dicken Turms entlang. Es ist stockduster. Außer uns ist niemand hier. Nur der Nachtwächter und ich. Nur das gleichmäßige Aufstoßen seiner Hellebarde – einer Art mittelalterlichen Stoß-Waffe – auf dem Boden, das Wippen seiner Laterne und das Klackern seines an der Hüfte hin und her wackelnden Nachtwächter-Horns sind zu hören. In meinem Kopf der eindringliche Klang des Nachtwächter-Liedes, das Franz Josef Wirtz kurz zuvor mit kräftiger, tiefer Stimme an die Wände des Innenhofes des Gladbacher Rathauses gepresst hatte: „Menschenwachen kann nichts nützen, Gott wird wachen, Gott wird schützen. Herr, durch Deine Güt‘ und Macht, schenk’ uns eine gute Nacht“, lautet der Refrain.

Die Vorstellung von „Kacks“ schwirrt mir erneut im Kopf herum. Gruselig. Franz Josef Wirtz scheint das zu spüren. Er löst auf: „Der Kacks ist der sogenannte Pranger, wie man ihn später nannte“, sagt er. (Aha!..?) „Dort wurden Menschen, die kleinere Delikte wie Diebstahl begangenen hatten, stundenlang festgehalten.“ (Aha!)

Franz Josef Wirtz macht das alles schon seit langer Zeit. Im Grunde kann er in diesem Jahr sogar sein zehnjähriges Jubiläum als Stadtführer feiern. So lange studiert der 73-Jährige schon die Historie seiner Stadt – seiner Heimat, der er sein ganzes Leben lang treu geblieben ist. Um sich sein immenses Wissen anzueignen, hat der gebürtige Rheydter, gelernte Friseur und spätere Bankmitarbeiter jahrelang das Stadtarchiv und die Stadtbibliothek nach den spannendsten Geschichten durchforstet. Ob er jemals das Internet für seine Recherchen genutzt hat? „Nein!“, entgegnet er mit energischem Kopfschütteln.

Um ein guter Nachtwächter zu werden, hat Wirtz außerdem nicht nur sein Kostüm selbst entworfen und einen Waffenschein gemacht, um seine Hellebarde in der Öffentlichkeit tragen zu dürfen. Er hat sich im vergangen Jahrzehnt auch auf eine Art Studienfahrt begeben: In mehr als 15 deutschen Städten hat Wirtz immer wieder Nachtwächterführungen besucht – bevor er vor etwa dreieinhalb Jahren seine erste eigene Tour anbot.

Plötzlich taucht hinter uns wie aus dem Nichts eine zarte Stimme auf. „Wer sind Sie?“, fragt ein kleiner Junge, sichtlich verwirrt vom ungewöhnlichen Anblick meines Spazierpartners in seiner Aufmachung, zu dieser Nachtzeit an diesem Ort. „Ich bin der Nachtwächter“, erwidert Franz Josef Wirtz. „Was ist das!?“, fragt der Junge. „Ein Nachtwächter sorgte im Mittelalter für Ruhe und Ordnung.“ Kurzes Schweigen. „Bewachen Sie auch die Leute hier???“ Ich frage mich, ob der Junge vielleicht etwas angestellt hat. „Nein. Das heißt, früher ja, heute nicht mehr“, entgegnet Wirtz. Die Antwort lässt der Junge gelten. Zufrieden zieht er von dannen, und Franz Josef Wirtz setzt seinen Weg fort. Mit kleinen, aber bedächtigen Schritten schreitet der Nachtwächter von Mönchengladbach voran – und ich folge ihm treu, meinem außergewöhnlichen Stadtführer der Nacht.