1. NRW
  2. Städte
  3. Mönchengladbach
  4. Kultur

Mönchengladbach: Theaterpremiere von "Der Fall D'Arc" mit Philipp Sommer

„Der Fall D'Arc“ im Theater Mönchengladbach : Heilige im Kampf um Geschlechterrollen

Das Theater widmet dem Leben der Jeanne d’Arc einen spannenden Abend. In einem 90-minütigen Monolog glänzt Philipp Sommer in einer Hosenrolle der besonderen Art.

Als sie 13 Jahre alt ist, hört das lothringische Bauernmädchen Jeanne Darc (postum zu d’Arc geadelt) Stimmen. Die Heiligen Katharina und Margareta und der Erzengel Michael übermitteln ihr eine Mission. Sie soll, im Hundertjährigen Krieg, Frankreich von den englischen Besatzern befreien. Mit unglaublichem Mut und eiserner Konsequenz folgt die Siebzehnjährige dieser Berufung. Sie bewirkt die Krönung des französischen Thronfolgers Charles VII. in Reims und reitet, in militärischer Rüstung, mit in den Krieg. 1430 wird sie von einem Gefolgsmann der mit den Engländern paktierenden Burgunder gefangengenommen, an die Besatzer verkauft und nach zwei Prozessen 1431 in Rouen auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die Jungfrau Jeanne wurde Opfer männlich dominierter Politik ebenso wie der ideologisch bornierten katholischen Kirche, die sie als Hexe denunzierte.

Als er 13 Jahre alt ist, leiht sich Philipp Sommer in einer Videothek Luc Bessons Historienfilm über die heilige Johanna aus. Seither hat ihn Jeanne d’Arc nicht mehr losgelassen. Gemeinsam mit der Regisseurin Maja Delinic entwickelte er seit 2019 über mehrere Planungsstationen ein Monodrama. Und spielte nun 90 Minuten lang die französische Nationalheldin, die aus dem peinliche Sicherheit gewährenden Abstand von 500 Jahren von der Kirche 1920 heiliggesprochen wurde. Welch grausiges Paradox!

  • Kimberley Boettger-Soller war der eigentliche Star.⇥Foto:
    Weihnachten in Lied und Wort : Kimberley Boettger-Soller war der eigentliche Star im Opernfoyer
  • Sabine Hansen, hier in ihrem Büro
    Interview Sabine Hansen : Warum Mönchengladbach mehr Chefinnen braucht
  • Stefan Heidemann (König), Carmen Artaza (Kater)
    Oper für Kinder in Düsseldorf : Der gestiefelte Kater ist zurück an der Oper

Wie nah der Schauspieler der frühen Verfechterin weiblicher Emanzipation innerlich gekommen ist, zeigte sein famoser Auftritt bei der Uraufführung von „Der Fall D’Arc“ auf der Studiobühne. Die Spielfläche ist eine von transparenten Stoffbahnen markierte Rotunde, die neben schwarz die Farben der Trikolore (blau-weiß-rot) zeigt. Ein baumähnliches Gebilde aus zusammengeknoteten Leinentüchern markiert den mystischen „Feenbaum“, unter dem sich das Mädchen Jeannette (Jeanne) so gern aufhält. Philipp Sommer trägt ein helles Gewand mit Halstuch, seinen dunklen Vollbart musste er dieser besonderen „Hosenrolle“ opfern. Denn die Jungfrau trägt, sobald sie in den Kampfmodus wechselt, Männerkleidung, hier eine Kettenhemdattrappe aus Stoff. Die Situation spiegelt ein experimentelles Konzept: Ein Schauspieler übernimmt die Rolle eines Mädchens, das sich von der aufgezwungenen Rolle ihres sozial untergeordneten Geschlechts die Freiheit zu männlichem Auftreten nimmt. Und dafür mit dem Tode büßt.

Nach wenigen Minuten des Monologs spüren wir Zuschauer: Da erzählt einer vom Schicksal einer Frau, in deren Wesen Sommer sich in höchstem Grade einzufühlen vermag. Wir reiben uns die Augen, wenn wir diesen sportlich trainierten, sehr schlanken Mann in Aktion erleben. Zu einem eingespielten Video (Peter Issig) spricht der Darsteller brillant auch die anderen Rollen (darunter ein Bischof und der Dauphin). Die Maskenabteilung und Kostümbildnerin haben eindrucksvolle Arbeit mit viel Witzeffekt geleistet. Philipp Sommer atmet, seufzt, doziert, protestiert und schreit kongenial als Jeanne seine Botschaften heraus, ohne plump weibliche Gesten zu demonstrieren. Mit Zitaten wie „Unterwegs im Auftrag des Herrn“ (aus dem Musical „Blues Brothers“) und grotesken Bezügen (so ein Querverweis auf Felix Heinrichs) sorgt die kreative Maja Delinic für tolle Unterhaltung – nah am Puls der Zeit, dabei stets anspruchsvoll in den Aussagen. Ein feiner, klug konzipierter und vom Darsteller berührend modulierter Schauspielabend!

Info Vorstellungen am 17. Dezember; 16. Januar; 8. und 25. Februar; 13. und 29. März 2022.