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Warum Mönchengladbach mehr Chefinnen braucht: Interview mit Sabine Hansen von She4Her

Interview Sabine Hansen : Warum Mönchengladbach mehr Chefinnen braucht

Sie hilft Firmen, Frauen für Führungsposten zu fördern, und macht Frauen fit für Spitzenjobs. In der Stadt sieht Sabine Hansen noch Nachholbedarf. Das gelte insbesondere für die städtischen Töchter.

Frau Hansen, Sie setzen sich seit Jahren für die Förderung von Frauen in Führungspositionen ein. Warum ist das nötig?

Hansen Es wird viel über Frauenförderung gesprochen, wir nennen das auch gerne Kampagnen-Management von Unternehmen und Institutionen. Aber wenn wir uns dann tatsächlich die Zahlen auf den relevanten Ebenen anschauen, also im Top-Management und die Ebenen eins und zwei darunter, dann sehen wir, dass immer noch sehr viel Luft nach oben ist. Und das Fördern alleine hilft nicht, sondern das Befördern, dass wirklich Frauen nach oben kommen.

Welcher Art ist Ihr Engagement?

Hansen Zum einen unterstütze ich Unternehmen, die an diesem Zustand etwas verändern wollen, indem wir gemeinsam schauen, mit welchen Maßnahmen man im Unternehmen fähige und aufstiegswillige Frauen befördern kann. Da gibt es Instrumente wie das Mentoring, was ein sehr scharfes Schwert sein kann. Wenn es richtig angewendet wird, führt es zu einer Veränderung der Unternehmenskultur und der Beförderungssituation der Frauen. Man kann auch gezielt mit Rekrutierungen von Frauen von außen Schlüsselpositionen besetzen. Zum Zweiten berate ich aber auch Frauen, die den nächsten relevanten Karriereschritt machen wollen. Ich helfe ihnen dabei, sich als Marke stärker zu positionieren, unterstütze sie aber auch durch mein Netzwerk.

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Sie haben Ihr Büro in Düsseldorf, aber eine Dependance in Mönchengladbach, leben auch hier mit Ihrer Familie. Als wie frauenfreundlich nehmen Sie die Stadt wahr?

Hansen Mönchengladbach ist eine sehr liebenswerte Stadt. Was das Thema Frauenbeförderung betrifft, sehe ich aber nicht nur Entwicklungsbedarf. Die Stadt ist schon sehr rückständig, was das betrifft. Man könnte sagen, das habe etwas mit der mittelständischen Struktur in Mönchengladbach zu tun, das ist mir aber zu wenig.

Inwiefern?

Hansen Na, zum Beispiel bei Santander rückt jetzt eine Frau in den Vorstand auf. Das ist so ein leuchtendes Beispiel, wie es gehen kann, von innen gefördert. Wenn man aber die anderen maßgeblichen Unternehmen in Mönchengladbach betrachtet, allen voran die städtischen Töchter, dann ist das nicht gegeben. Ich sehe gerade den Auftrag der Stadt, vor allem weil sie derzeit auch SPD-geführt ist, die Frauenentwicklung in den eigenen Stadttöchtern massiv nach vorne zu bringen. Ich sehe aber nicht, dass das wirklich passiert.

Ist Mönchengladbach dabei denn wirklich eine Ausnahme?

Hansen Es fehlen hier die großen internationalen Unternehmen. Deshalb hängt es auch von einzelnen Personen ab. Da kommt schon die mittelständische Prägung zum Tragen. Häufig stehen Inhaber selbst mit ihrer Familie an der Spitze im Unternehmen. Und entweder gibt es eine Frau in der Familie, die das Thema nach vorne treibt, oder es gibt sie einfach nicht. Und dann fehlen auch die Frauen in Führung als Rollenbilder in der Stadt. Sicherlich ist es auch in anderen Kommunen so. Aber in Mönchengladbach ist es doch sehr augenfällig. Vor allem, weil die Nähe zu Düsseldorf noch etwas anderes bewirkt: dass Frauen, die aufstiegsfähig und -willig sind,nicht hier bleiben, sondern nach Düsseldorf oder Neuss gehen. Die fragen sich, wo kann ich Karriere machen, wo bin ich akzeptiert und auch keine Exotin?

Ist Mönchengladbach also nicht attraktiv für Frauen mit Ambitionen?

Hansen Als Wohnort ist die Stadt sehr attraktiv, auch für Führungsfrauen. Aber es fehlen Netzwerke der Gleichgesinnten. Die Gruppen sind meist homogen, es fehlen der Austausch und die Diversität. Das macht es schwer für Frauen, die zum Beispiel aus internationalen Unternehmen kommen. Wenn sie überhaupt in Gremien rücken, sind sie oft die einzelne Frau im Raum.

Unter den Spitzenverdienern im Rathaus sind 42 Männer und 13 Frauen. Ähnlich bei den Stadttöchtern: Bei 15 Herren in den Chefetagen ist Gabriele Teufel, Vorstand der Mags, die einzige Ausnahme. Muss die Stadtverwaltung nicht vorangehen?

Hansen Absolut, besonders aber eben bei den städtischen Beteiligungen. Wir wissen ja, dass die Rathäuser Durchgriffsrechte auf die Stadttöchter haben. Aber da sehen wir im Vorstand und den zwei Ebenen darunter sehr wenige oder gar keine Frauen. Wenn die SPD im Parteiprogramm schreibt, ihr sei die Teilhabe wichtig, und sie hat jetzt die Möglichkeiten, das zu verändern, dann muss sie das doch machen. Schließlich sind darunter große Arbeitgeber, man nehme die Gewährträgerschaft der Stadt bei der Stadtsparkasse oder die Beteiligung an der NEW. Am Flughafen wurde gerade die Position des Geschäftsführers neu besetzt – und wieder war keine Frau im Auswahlprozess. Da muss man sich schon fragen, ob das an bestimmten Personen liegt oder an mangelnder Konsequenz und Willen. 

Die SPD regiert aber nicht erst seit der letzten Kommunalwahl mit ... Sind Sie für eine Pflicht, bei der Stadt und ihren Töchtern, womöglich auch sonst, Frauen gleichberechtigt zu berücksichtigen?

Hansen Mittlerweile ja. Es bewegt sich nur etwas mit klaren Zielvorgaben, die auch erfüllt werden müssen. Weil diese Benachteiligung so strukturell verfestigt ist, kann nur mit Quoten gegengesteuert werden. Dass es wirkt, sieht man an der Pflichtquote für Aufsichtsräte. Unternehmen, die von Frauen kontrolliert werden, können sich nicht über schlechte Qualität beschweren.

Birgt das nicht das Risiko, dass gezielt weniger ambitionierte und selbstbewusste Frauen ausgesucht werden, um die Pflichtquote zu erfüllen?

Hansen Ja, das ist klar, man sucht sich eben manchmal das geringste Übel aus. Aber das liegt dann auch  an den Frauen, ob sie ihrer Rolle gerecht werden, weil sie am Ende mit ihrer eigenen Reputation spielen. Wenn ich nicht die relevanten Fragen stelle, die auch mal wehtun können, dann muss ich damit rechnen, dass ich ein Haftungsproblem bekomme. Das muss ich am Ende alleine verantworten, da hilft mir aber keine Frauenquote mehr.

Werden Frauen dadurch nicht zur „Quotenfrau“ degradiert?

Hansen Die Quote ist die Eintrittskarte in die oberen Ebenen. So wie der Führerschein, um Auto fahren zu dürfen. Ihre Kompetenz muss selbstverständlich auch die Frau unter Beweis stellen, wenn sie im Führungsjob ist.

Sie erwähnten den Flughafen-Posten Warum haben Sie denn  nicht aus Ihrem Netzwerk eine geeignete Frau ins Gespräch gebracht? Gab es niemanden?

Hansen In der Tat habe ich dafür unaufgeordert eine Kandidatin empfohlen. Aber die Mandatierungen sind an einen Auswärtigen gegangen. Da ist es ohne Mandat  schwierig. Angebote werden in den Auswahlprozess des anderen integriert. Der Personalberater spricht natürlich mit Personen aus seinen bewährten Feldern. Oft heißt es, man habe Frauen angesprochen, die wollten aber nicht. Aber nicht jede Frau springt direkt auf die erste Ansprache an. Bei einem potenziellen Wechsel geht  es um Vertrauen und darum, ein akzeptierter Ansprechpartner zu sein.

Welche Qualitäten bringen  Frauen Ihrer Ansicht nach ein, die Männer weniger haben?

Hansen Gerade wenn man sehr homogene Strukturen hat, hilft es, einen Blick von außen zu haben. Eine Frau schaut, ohne das jetzt zu verallgemeinern, oft  jenseits der normalen Machtstrukturen drauf. Wenn eine oder noch besser mehrere Frauen in einem Gremium sind, kommen weitere Gesichtspunkte rein, der produktive Diskurs wird angefeuert. Dadurch kommt man insgesamt zu besseren Entscheidungen.

Diversität ist ein großes gesellschaftliches Thema. Dabei geht es nicht nur um die Mischung Männer und Frauen, auch um unterschiedliche Altersgruppen oder Migrationshintergründe. Warum ist das wichtig?

Hansen Um eben die unterschiedlichen Blickwinkel zu bekommen. Unternehmen müssen sich heute dem globalen Wettbewerb und unterschiedlichen Käufermärkten stellen, die ganz unterschiedliche Anforderungen haben. Mit divers besetzten Vorständen, kann ich unterschiedliche Perspektiven in meine Entscheidungsprozesse einbeziehen. Es geht ja nicht nur darum, bestimmte Prozesse zu konservieren, sondern transformatorische Veränderungen proaktiv anzugehen. Veränderung ist etwas, das häufig durch Druck von außen erfolgt. Und homogene Strukturen sind damit aber überfordert.

Weshalb?

Hansen Weil sie durch das jahrelange Einspielen gelernt haben, in einem bestimmten Set-up gut zu sein. In einem Veränderungsprozess gelten aber die bekannten Spielregeln nicht mehr. Corona ist da ein Brandbeschleuniger.

Wie divers ist Mönchengladbach?

Hansen Die Stadt als solche ist in ihren Bevölkerungsstrukturen natürlich sehr divers. Es gibt einen großen Anteil von Menschen mit nichtdeutschen Wurzeln, eine sehr große Spreizung zwischen Akademikern und Nicht-Akademikern, von Wohlhabenden und Menschen in Armut. Das spiegelt sich aber nicht in den Unternehmen, auch nicht im Stadtrat oder bei den Stadttöchtern. Dabei kann ich gezielter und damit effektiver agieren, wenn ich diese Lebenswirklichkeiten kenne. Fatal finde ich auch das Abgrenzen einzelner Stadtteile. Denn wir wissen, dass der Austausch und Kontakt immens wichtig ist. In Mönchengladbach bleiben die Milieus zu sehr unter sich.  Das ist schlecht für die Leistungsfähigkeit. Besonders bei Schülern wäre es wichtig, die Lebenswirklichkeiten auszutauschen und jenen aus einkommensschwächeren Familien, die wirklich wollen, den sozialen Aufstieg zu ermöglichen.

Wenn wir noch mal zurück zur Frauenförderung kommen. Viele Personaler schrecken bei jüngeren Frauen zurück, weil sie die Sorge haben, dass sie Kinder bekommen und dann in Elternzeit gehen. Verständlich?

Hansen In sehr tradierten Unternehmen ist das oft so. Da können sich manche gar nicht vorstellen, dass eine Frau  Mutter und erfolgreiche Führungskraft sein kann. Ich weiß von einem Beispiel, wo eine Frau Führung in Teilzeit mit einer Reduzierung auf 80 Prozent wollte und man davor zurückschreckte. Sie ist heute eine sehr erfolgreiche Führungsfrau. Wir brauchen  also eine Kultur, dass Familie und Karriere vereinbar sind, auch mit Elternzeit. Das ist nicht nur für Frauen, sondern auch für junge Männer ein wichtiges Signal.

Zum Schluss bitte ein Tipp: Frauen, die etwas kritisieren, werden oft als nervig wahrgenommen. Wenn Männer dasselbe sagen, ist das ernsthafte Kritik. Was raten Sie Frauen?

Hansen Sie sollen sachlich fundiert auftreten und sich bei Gegenkritik nicht persönlich angegriffen fühlen. Denn Kritikern schallt niemals Wohlwollen entgegen. Das sollte man bewusst einplanen, souverän und gelassen damit umgehen. Wenn die Gegenkritik gute Argumente enthält, nehmen Sie sie auf. wenn nicht, bleiben Sie bei der Sachlichkeit.