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Interview mit Hans Wilhelm Reiners (CDU): Ich will und kann die Stadt voranbringen

Interview mit Hans Wilhelm Reiners (CDU) : Ich will und kann die Stadt voranbringen

Der am Samstag offiziell gekürte Oberbürgermeister-Kandidat der CDU erklärt, was Norbert Bude richtig gut kann, woran es in der Stadt hapert, warum er kein Schauspiel-Coaching haben will und mit welchem Gefährt er im Wahlkampf unterwegs ist.

Wie haben Sie Ihrer Frau beigebracht, dass Sie Oberbürgermeister werden wollen?

Hans Wilhelm Reiners Die Idee ist ja nicht von jetzt auf gleich entstanden. Das war ein Prozess. Wir haben natürlich viel darüber in der Familie diskutiert. Und am Ende besonders viel.

Und wenn Ihre Frau das nicht gewollt hätte...

Reiners ... hätte ich es nicht gemacht. Ohne diese Rückendeckung kann man so eine Aufgabe nicht angehen. Aber ganz ehrlich: Es wäre mir sehr schwer gefallen, das nicht zu versuchen.

Warum?

Reiners Mir geht es wie manchem Bürger in der Stadt: Ich habe den Eindruck, dass es an vielen Stellen nicht gut läuft, vieles könnte man besser machen. Mäkeln ist das eine, Verantwortung übernehmen das andere. Ich kann und will anpacken, will mit dafür sorgen, dass es mit unserer Stadt bergauf geht.

Was muss sich denn Ihrer Meinung nach in der Verwaltung ändern?

Reiners Mein Eindruck ist, dass die Motivation knapp über dem Nullpunkt ist. Niemand traut sich, etwas anzupacken, aus Angst, einen Fehler zu machen. So werden viele Entscheidungen wegdelegiert — und zwar nach oben. Und da stapeln sie sich dann. Ich sage Ihnen mal ein scheinbar banales Beispiel. Da geht ein Brief an einen Gewerbetreibenden heraus, der beginnt mit dem Satz: "Sie haben es unterlassen, Ihr Fahrzeug abzumelden." Dieser Ton stört mich. Die Stadt ist Dienstleister, und Freundlichkeit kostet nichts. Die Verwaltung hat oft ein eigenwilliges Verständnis vom Bürger.

So wie bei der Sepa-Umstellung?

Reiners Genau. Ich bekomme als normaler Bürger gerade täglich Post in dieser Frage. Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass fast alle Bürger dasselbe wollen: weiter die Dinge zu bezahlen, die halt bezahlt werden müssen, und dafür den geringstmöglichen Aufwand betreiben zu müssen. Bei dieser Verwaltung hat man oft den Eindruck, dass die Dinge schnell sehr kompliziert werden.

Kann die Verwaltung mehr, als sie im Moment zeigt?

Reiners In der Verwaltung arbeiten richtig gute Leute. Davon bin ich überzeugt. Es braucht dringend eine bessere Zuordnung: Wer macht was? Welche Aufgaben müssen wir als Stadt wirklich erledigen?

Was macht Norbert Bude richtig gut?

reiners Er ist ein ganz guter Repräsentant. Wobei ich die Gewichte anders legen würde als er. Repräsentation ist wichtig — in etlichen Fällen frage ich mich aber: Wird der Oberbürgermeister woanders gerade nicht doch dringender gebraucht?

Heißt also, Sie sagen den Gladbachern: Wählt mich — und ich komme nicht mehr zu Eurem Vereinsjubiläum?

Reiners Die Bürger können sicher sein, dass auch ich als Oberbürgermeister bei allen großen Veranstaltungen sein werde — und mich bei allen anderen Ereignissen die ehrenamtlichen Bürgermeister tatkräftig unterstützen werden.

Vor welcher Aufgabe, die zum Amt gehört, haben Sie am meisten Respekt?

Reiners Ganz klar: vor der Führung von mehr als 3000 Mitarbeitern. Für jeden, der sich um das Oberbürgermeisteramt bewirbt, ist das eine Riesenherausforderung. Aber ich bin sicher, dass ich das kann, weil ich die nötigen Voraussetzungen mitbringe. Ich kann gut zuhören, komplexe Dinge verstehen und Entscheidungen treffen. Daran scheint es mir heute oft zu hapern. Wenn ich mir jetzt die Diskussion um die Zukunft des JHQ ansehe: Da fliegen zig Ideen durch die Luft, und es wird so getan, als ginge dies alles gleichzeitig. Da fehlt die ordnende Hand.

Wollen Sie noch Schauspielunterricht nehmen oder sich sonst wie coachen lassen?

Reiners Ganz sicher nicht. Tatsächlich flattern eine Menge Angebote auf den Tisch. "Mensch oder Marke" hieß eines dieser Seminare. Ich kann sicher in vielen Bereichen noch eine Menge lernen und bilde mich auch entsprechend weiter. Aber ich werde der bleiben, der ich bin.

Woran sollen wir Sie an ihrem 100. Tag als Oberbürgermeister erinnern? Welche drei Dinge versprechen Sie, als erstes angehen?

Reiners Drei-Punkte-Pläne für die ersten 100 Tage halte ich für populistisch. Ich werde sicher nicht als aktionistischer Besserwisser aufschlagen, sondern erst einmal viel zuhören, um die Abläufe zu verstehen. Eine Verwaltung ist meiner Überzeugung etwas anderes als ein Unternehmen und braucht deshalb auch andere Führung. Der Vergleich hinkt.

Fühlen Sie sich bei der Wahl als Außenseiter?

Reiners Ich fühle mich als Kandidat der größten Partei, die ein noch größeres Potenzial hat, als sie in den vergangenen beiden Jahren bewiesen hat. Dass der Amtsinhaber bei den Bürgern immer einen Bonus hat, ist aber auch klar. Darum gehe ich von einem knappen Ergebnis aus.

Und wenn Sie nach dem ersten Wahlgang klar hinten liegen?

Reiners Wäre das so wie meiner Bewerbung um ein Ratsmandat 2009. Da habe ich sogar in zwei Wahlgängen klar verloren. Und selbst Wohlmeinende haben mir geraten, es lieber sein zu lassen. Im dritten Wahlgang habe ich ebenso klar gewonnen. Ich gehe diese Herausforderung sehr ehrgeizig an; die Mitglieder haben mit ihrem Votum ja gezeigt, was sie von mir erwarten. Aber ich werde sicher nicht verbissen sein. Das entspricht nicht meinem Naturell.

Ihre Partei hat Sie mit überwältigender Mehrheit zum Kandidaten gewählt. Wissen die, worauf sie sich eingelassen haben? Sie werden Ihre Partei oft enttäuschen müssen.

Reiners Ein Oberbürgermeister ist für alle Bürger da — und muss oft unbequeme Entscheidungen treffen. Die können nicht immer allen Christdemokraten gefallen. Das ist aber auch jetzt schon so. Von der Entscheidung, nicht für die Errichtung eines Baumarkts in der City Ost zu stimmen, waren auch nicht alle in der CDU begeistert. Im Übrigen ist es oft so, dass es bei richtig guten Ideen erst mal Widerstand gibt. Ich kann mich gut erinnern, wie die Stimmungslage am Anfang war, als es um ein neues Fußballstadion im Nordpark ging.

Bekämen wir denn unter einem Oberbürgermeister Reiners einen Verkehrsentwicklungsplan?

Reiners Wir bekämen ein Mobilitätskonzept — das Wort trifft es besser, weil wir nicht nur über Autos reden. Wie ich überhaupt finde, bei diesem Thema muss man nach dem viel zu lange verschleppten Prozess sagen: Wir fangen noch mal von vorne an. Und beteiligen dabei von vornherein die Bürger, die zuletzt bei verschiedenen Projekten in der Stadt bewiesen haben, dass sie richtig gute Ideen haben.

Das sind vergleichsweise ungewohnte Töne aus der CDU. Gibt es tatsächlich eine neue CDU?

Reiners Das Verständnis von Diskussions- und Entscheidungskultur hat sich bei uns in den letzten Jahren markant verändert. Die CDU ist längst eine Mitmach-Partei.

Wird man das auch im Wahlkampf erleben?

Reiners Ich bin sicher, dass sich die CDU-Mitglieder richtig reinhängen werden, und mich wird man im Wahlkampf genauso erleben wie immer. Und das heißt: Ich fahre mit einem Smart und nicht mit einer großen Limousine durch die Gegend, weil ich das immer tue. Und in den Sommermonaten bin ich in der Stadt am liebsten mit dem Fahrrad unterwegs.

Auch mal ohne Krawatte?

Reiners Selbstverständlich. Aber genau so klar ist: Ein Oberbürgermeister braucht bei vielen Anlässen eine Krawatte. Ich habe genügend.

RALF JÜNGERMANN, DIETER WEBER, GABI PETERS, JAN SCHNETTLER, INGE SCHNETTLER UND DIRK RICHERDT FÜHRTEN DAS GESPRÄCH.

(RP)