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Mönchengladbach: Pulvermeister: Naturjecke Perfektionisten

Mönchengladbach : Pulvermeister: Naturjecke Perfektionisten

So viele Karnevalsstars wie nie traten beim Generalappell der Gladbacher Prinzengrade auf. Und doch warteten alle nur auf die Amateure: Die Pulvermeister, Prominentruppe mit der Lizenz zum Durchknallen, rockten mit einem Auftritt die KFH.

Es gab in der Vergangenheit schon Generalappelle der Gladbacher Prinzengarde, bei denen der Abend angesichts des eingekauften Programms zwei Teile hatte: Warten auf die Pulvermeister — mit großem und kleinem Prinzenpaar, der Ernennung des neuen Generalappellmeisters und danach nicht weiter störendem Bühnenprogramm — und die Pulvermeister. Diesmal konnte die Sitzung es vom Papier locker mit den ganz Großen aufnehmen: Et Rumpelstilzche, die Rheinflotte, 3 Colonias und Jörg Knör, dazu noch die heimischen Garderottis, die noch jeden Saal in eine Karnevalsparty-Zone verwandelt haben — ein echtes Pfund also! Die versammelte Kölner Karnevalsprominenz bot denn auch wirklich Beachtliches. Und war nicht zu beneiden. Denn die Stimmung in der Kaiser-Friedrich-Halle blieb eigenartig zurückgenommen. Fast so, als müssten die Zuschauer ihre wahre Begeisterungskraft aufsparen bis zum ersehnten, letzten Programmpunkt.

Kaum enterten die ersten, diesmal besonders phantasievoll und mottogerecht als Piraten und allerlei Meeresgetier verkleideten Pulvermeister den Saal, war die Kaiser-Friedrich-Halle außer Rand und Band und blieb es für eine ganze Stunde: Polonaisen, Ovationen, Mitsingen, Hauptsache laut, Lachanfälle — all das bei höchster Quote an gezückten Smartphones. Die Pulvermeister sind also, nachdem sie vor zwei Jahren, auf ihrem vermeintlichen Höhepunkt, ein bisschen mit ihrem nahenden Ende kokettiert hatten, knatschbekloppt und unverzichtbar wie eh und je. Es ist ein Glücksfall, dass sich da Menschen wie ein Sparkassen-Vorstandsvorsitzender oder ein Vorstandsvorsitzender des Versorgers NEW, ein Präsident der Industrie- und Handelskammer, eine Geschäftsführerin der GEM, ein Borussia-Geschäftsführer, ein Medizin-Professor und über ein Dutzend ähnlicher Hochkaräter mehr zusammengefunden haben, die nichts und niemandem mehr etwas beweisen müssen — außer vielleicht, dass sie trotz all ihrer Verantwortung auch mal herumblödeln können wie eine Abiturientia. Nur eben mit berufsbedingtem Hang zum Perfektionismus. Wenn schon bekloppt, dann aber bitte unschlagbar bekloppt!

Da die Fallhöhe auf einer Bühne hoch ist, kann man nicht genug staunen über den Mut der Pulvermeister und ihre Bereitschaft, für die Gruppen-Gaudi reichlich an raren Freizeitstunden zu geben. Einzelne herauszuheben, ist angesichts der Mannschaftsleistung unfair. Und doch muss man einfach mal sagen, dass Friedhelm Kirchhartz — diesmal als Papagei "Nervi" — sicher im wahren Leben als NEW-Chef einen großartigen Job macht, aber doch auf einer Bühne mindestens genauso gut aufgehoben wäre. Diese Nummer, bei der er zu "Komm, lass die Hacke fliegen" mit immensem Körpereinsatz wie ein Irrwisch wild improvisierend über Bühne und Saal tobte, lauter sang als der Rest der Zuhörer zusammen, ist mit Talent und Übung nicht ausreichend zu erklären. Das ist naturjeck hoch drei. Man muss auch mal schreiben, dass Uli Hillekamp, der ewige Krankenhaus-Retter, ein grandios tänzelnder Flamingo war — ein vollkommen altersloser wohlgemerkt. Dass Gert Kartheuser ein herrlicher Willi Ostermann war, der die Mösch fliegen lässt. Dass Horst Thoren als Moderationspirat die wilde Truppe genau im richtigen Ton von der Leine ließ. Und dass dieses Riesenballett, bei dem alle Mittanzenden in einer einzigen, vielbeinigen Strumpfhose steckten, sowieso der absolute Hammer war! Am Ende gibt es dann das traditionelle Mitgröl-Medley der größten Karnevalshits, bei dem das ganze Karnevals-Gladbach so sehr bei sich ist wie selten sonst in der Session. Die Pulvermeister dürfen gerne gelegentlich mit ihrem Abschied drohen, wenn sie dann trotzdem wie einst Tina Turner einfach immer weitermachen und wieder die Perücken, merkwürdiges Schuhwerk und den ganzen Rest schürzen, als wär nix gewesen. Dieses Jahr haben sie am Ende übrigens gerufen: Bis 2015! Wir rufen zurück: Da simmer dabei, das ist prima!

(RP)