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„Lange Kurzarbeit führt häufig zu privater Insolvenz“

IG Metall im Kreis Mettmann : „Lange Kurzarbeit führt oft zu privater Insolvenz“

Der Gewerkschafter der IG Metall berät immer mehr Mitglieder und Betriebsräte wegen der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise. Er weiß: Je länger die Kurzarbeit andauert, desto gravierender die Folgen für die Arbeitnehmer.

3000 Betriebe im Kreis Mettmann sind aktuell in Kurzarbeit, so viele waren es selbst in der Wirtschaftskrise 2008/2009 nicht. Hakan Civelek, Erster Bevollmächtigter der IG Metall für Mettmann, Wülfrath, Heiligenhaus und Velbert, hat derzeit alle Hände voll zu tun. Er berichtet, wie er die Corona-Krise sieht.

Herr Civelek, welche Betriebe sind derzeit besonders betroffen von Kurzarbeit?

Civelek 60 Prozent unserer Betriebe sind Automobilzulieferer, und die sind alle betroffen. Das heißt, es ist davon auszugehen, dass alle in Kurzarbeit gehen werden. Die Schloss- und Beschlagindustrie ist derzeit noch nicht ganz so stark betroffen. Doch wenn es auf den Baustellen nicht mehr weiter geht, dann hört auch das auf.

Die Wirtschaft boomte in den vergangenen Jahren, die Restaurants saßen voll vor der Corona-Krise – wie kommt es, dass Unternehmer und Gewerbetreibende nun ab dem ersten Tag klagen, die Krise sei existenzbedrohend? Hat da keiner in guten Zeiten für die schlechten vorgesorgt?

Civelek Die Krise ist nur dann existenzbedrohend, wenn sie eine längere Zeit anhält oder wenn die Unternehmen schon vorher in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckten. Zudem möchte jeder seinen Verlust so gering wie möglich halten, daher ist jeder daran interessiert, die Last auf andere zu verteilen. Die Kurzarbeit unterstützt das: In dem Moment, wo die Produktion still steht, muss der Arbeitgeber keinen Cent mehr an Personalkosten zahlen. Damit hat er sein Risiko minimiert..

Aber die Unternehmen haben eine Chance, weiter zu existieren, und die Jobs der Mitarbeiter werden gesichert.

Civelek Das ist richtig und auch gut so. Aber die finanzielle Last kann nicht alleine auf die Mitarbeiter verschoben werden, denn das Kurzarbeitergeld zahlt die Arbeitsagentur, und die Mitarbeiter haben massive finanzielle Einbußen. Kurzarbeitergeld bedeutet, dass im Grundsatz Kinderlose 60 Prozent vom Netto und Eltern 67 Prozent vom Netto erhalten und das reicht für viele Menschen bei weitem nicht, um Miete und Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Mit dem Tarifvertrag für die Metall-und Elektroindustrie vom März wird auf Druck der IG Metall das Kurzarbeitergeld für zirka zwei bis drei Monate auf 80 Prozent erhöht. Die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld I wurde um drei Monate verlängert. Das war nötig, denn das geringere Kurzarbeitergeld stellt viele Beschäftigte vor große Probleme – vor allem dann, wenn ein Unternehmen längere Zeit Kurzarbeit fährt.

Das ist wie lange möglich?

Civelek Bis zu einem Jahr. Wir erleben dann immer wieder, dass viele Mitarbeiter Privatinsolvenz anmelden müssen, weil sie ihren Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen können. Es gibt viele Arbeitnehmer, die haben keinen finanziellen Spielraum. Deshalb fordern wir jetzt, dass der Arbeitnehmeranteil der Sozialbeiträge dringend an die Beschäftigten weiter gegeben werden muss.

Wie äußert sich die angespannte Lage bei Ihnen, ganz konkret?

Civelek Wir müssen derzeit viel reden und informieren. Ich bekomme am Tag zirka 70 bis 80 Anrufe von Betriebsräten und Mitgliedern. Einige Fragen gelten der Kinderbetreuung, aber die meisten gibt es zur Kurzarbeit.