Corona-Krise – starke Menschen in Mettmann : Helden des Alltags

Nicht jeder Superheld trägt einen Umhang. So wie die Menschen, die wir hier vorstellen. Ihr Einsatz ist exemplarisch. Klaudia Berg betreut Flüchtlinge, Sabine Konrad und Hans Duncker fahren Essen an Senioren aus. Alle drei sind wichtige Gesprächspartner und bringen ein wenig Wärme zu sonst eher isolierten Menschen.

Klaudia Berg sagt über sich selbst, sie sei kein Gutmensch. Und davon, eine Alltagsheldin zu sein, will sie nichts wissen. Für andere da zu sein, „ist für mich selbstverständlich“. In der Flüchtlingsunterkunft an der Seibelstraße ist sie als ehrenamtliche Betreuerin dabei, „seitdem es die Einrichtung gibt“. Für Außenstehende noch bewunderungswürdiger ist: Sie ist es geblieben. Seit Anfang April steht das Flüchtlingsheim an der Seibelstraße unter Quarantäne. Denn bei einem Bewohner wurde eine Corona-Erkrankung festgestellt. Er und drei Kontaktpersonen wurden isoliert.

„Hinzuwerfen kommt für mich nicht in Frage.“ Im Gegenteil. War sie vor der Epidemie ein Mal wöchentlich da, „um beim Papierkram mit den Behörden zu helfen“, kommt sie nun täglich. Weil die positiv Getestten in eine weitere Einrichtung umzogen, die eine Straße weiter liegt, pendelt sie zwischen den Adressen, um theoretisch für alle 84 Geflüchteten, ausschließlich Männer, da zu sein. „Wir sprechen viel“, die Ängste und Sorgen – manche der unter Quarantäne stehenden sind Familienväter, die ihre Kinder nicht mehr sehen können – versucht sie zu nehmen. Wenngleich das Drumherum nicht gerade einfach ist: Klaudia Berg ist durch einen Zaun von ihren Gesprächspartnern getrennt. „Diese Variante kannte ich bislang nicht“, beschreibt sie die Situation unter freiem Himmel auf der Straße – im Hintergrund Security und Polizeibeamte.

„Wieso sollte ich Furcht um meine Gesundheit haben?“, fragt sie und verweist auf Maske, Desinfektionsmittel und Abstandsregeln. „Meine Sorge ist: Wie halten die Geflüchteten, abgeschirmt von allem, die Situation aus, ohne Schaden zu nehmen?“ Viele sorgen sich um ihre Jobs, manche haben bereits Kündigungen erhalten. Das spiegelt sich in der Verfassung der Betroffenen, „die Gefühlslagen wechseln schnell und oft“. Gerade deshalb ist es wichtig, dass es immer die gleichen Bezugspersonen sind, „wir haben ja schon ein Vertrauensverhältnis zueinander“, erzählt sie. „Auch deshalb kommt es nicht in Frage, jetzt nachzulassen.“ – „Ich bin ja schon viele Jahre professionelle Seelsorgerin“, berichtet sie über ihren Beruf als Pfarrerin. „Und ich bin nicht allein“, verweist sie auf das Team der Diakonie um Christiane Müschenich. „Ich bin froh, jemandem helfen zu können und etwas Sinnvolles zu tun zu haben.“

Als am 16. März der Awo-Treff an der Gottfried-Wetzel-Straße geschlossen werden musste, stand das Awo-Team vor einer schweren Entscheidung. Denn mit dem Treff hätte auch der Mittagstisch ausfallen müssen. „Wir haben uns zusammengesetzt und überlegt, was können wir tun“, erzählt Sabine Konrad, Leiterin des Awo-Treffs, „denn wir wollten die Versorgung aufrechterhalten.“ Also wurde beschlossen, den Menschen ein Mittagessen unter allen Sicherheitsvorkehrungen weiter anzubieten.

Klaudia Berg bleibt für die Bewohner des Flüchtlingsheims in Mettmann aktiv. Gerade weil sie unter Quarantäne sind. Foto: "Köhlen, Stephan (teph)"/Köhlen, Stephan (teph)

So entstand ein kleines geschlossenes Team, das sich um die Mittagessen kümmert: Koch, Essensausgabe, Fahrdienst. Sie sind die Corona-Helden, die für die Mettmanner Menschen auch in dieser Krise da sind. Diejenigen, die die Möglichkeit haben, zum Treff zu kommen, warten in angemessenem Abstand vor der Tür. „Die bekommen dann einen Henkelmann in die Hand gedrückt und müssen wieder gehen“, erklärt Konrad.

Sie ist für die Essensausgabe zuständig und weiß, wie sehr die Menschen unter den Kontaktbeschränkungen leiden. „Die, die an unserem Mittagstisch immer teilgenommen haben, sind ja nicht nur wegen des Essens gekommen“, sagt sie, „es war die Gemeinschaft.“ Das fällt nun weg. Und nicht nur das, für viele ist die kurze Übergabe des Essens überhaupt der einzige Kontakt am Tag. „Die Menschen sind froh, wenn sie ein paar Minuten mit uns haben“, weiß Sabine Konrad. „Das Menschliche geht weit über die Versorgung mit Essen hinaus.“

Das sagt auch der Vorsitzende Hans Duncker, der gemeinsam mit seiner Frau den rund 20 Menschen ihr Essen nach Hause bringt, die nicht mehr das Haus verlassen können oder wollen. „Da entstehen richtige Rituale“, meint er, „wenn die Wohnungstür aufgemacht wird, stehen da die Leute mit ihrem Rollator. Dann gehen sie zurück und ich stelle das Essen auf dem Rollator ab. Die Tür schließen dann wieder die Leute.“ So bleibt immer der vorgeschriebene Abstand gewahrt. „Gestern hat jeder zum Nachtisch ein Eis bekommen“, erzählt Duncker weiter. „Die Leute haben sich gefreut wie die Kinder. Oder über selbstgebackenen Bienenstich, so wie früher.“

Diese Freude über Kleinigkeiten zu sehen, lohnt allein den ganzen Aufwand. „Der Bringer bekommt ganz viel zurück“, betont Duncker. Natürlich sind die Leute vom Awo-Team auch Ansprechpartner für Sorgen und Ängste. „Gestern sagte eine Frau, dass ihre größte Angst sei, dass ihr Enkel sich von ihr entfremden könnte“, erzählt Sabine Konrad. Seit Wochen habe sie ihr Enkelkind nicht mehr gesehen, das vor Corona immer so gerne bei ihr gespielt hätte.

Doch die Corona-Krise hat auch einen positiven Effekt, wie Duncker betont: „Die Vernetzung mit der Nachbarschaft ist verstärkt. Auch wenn es mit Abstand geschieht.“ Und Sabine Konrad fügt hinzu: „So bekommen wir mit, wenn es den Leuten nicht gut geht. Sie kommen einzeln hierhin und dann erzählen sie.“ Auch am Telefon werden neben den Fragen nach Infos vor allem Gespräche gesucht. „Ich hatte heute schon 20 Anrufe“, meint Duncker. Ebenfalls den Corona-Maßnahmen geschuldet ist es, dass das Team nun auch am Wochenende Mittagessen ausgibt. „Und das ist alles selbst gekocht“, betont Duncker, „mit frischem Gemüse von regionalen Bauern.“ So gelinge es nicht nur, die Menschen mit gesundem Essen zu versorgen, sondern ihnen auch ein kleines bisschen menschliche Wärme zu schenken – wenn auch mit dem nötigen Abstand.