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Leverkusener Clan-Chef soll Villa von Auswanderern erworben haben

Großrazzia in Leverkusen : Clan-Chef soll Villa von Auswanderern erworben haben

Ist Leverkusen ein Dorado für betrügerische Clans? Das müssen nun Staatsanwälte nach einer Großrazzia in Rheindorf prüfen. Drei Clanmitglieder bleiben in Haft. Die FDP verlangt Aufklärung vom Jobcenter.

Die am Dienstag bei der Razzia durchsuchte Villa in Rheindorf ist nicht mehr im Besitz der Clan-Familie. Es gab einen richterlichen Beschlagnahmebeschluss für das Haus. Das bestätigt Innenminister Herbert Reul auf Anfrage unserer Redaktion: „Seit Dienstag ist das Haus nicht mehr im Eigentum der Familie. Wir sind den Clans an ihr Vermögen und ihre Existenz gegangen. Wie es nun weitergeht, muss endgültig die Justiz entscheiden.“ Die Beschlagnahme werde im Grundbuch vermerkt. Allerdings: Bis zur endgültigen Entscheidung des urteilenden Gerichtes darf die Immobilie noch weiter von der Familie genutzt werden, etwa von der Frau (42) des hochranigen Clan-Mitglieds (46), die am Mittwoch unter Auflagen frei gelassen wurde. Sie kümmert sich um die beiden jüngeren Kinder.

Dienstagmorgen ging alles ganz schnell: „Ich war im Homeoffice und habe alles verfolgt“, berichtet ein Nachbar. „Es gab einen Riesendonnerschlag, dann fuhr ein gepanzertes Fahrzeug vor. Und plötzlich war hier alles voller Menschen, es waren am Ende bestimmt 100 Leute hier.“ Die Haustür war aufgesprengt worden. Widerstand sollen die Mitglieder eines libanesischen Al Zein-Clans nicht geleistet haben, als Spezialkräfte der Polizei die Villa an der Straße Auf der Grieße in Rheindorf stürmten. Polizeiexperten hatten auch den Boden im Garten mit Radar sondiert. Insgesamt wurden 290.000 Euro Bargeld sichergestellt.

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Am Donnerstag ist Ruhe eingekehrt an der Villa. Nur der „Katastrophentourismus“, wie der Nachbar es nennt, ist den Ereignissen gefolgt. „Das ist hier fast wie beim Hochwasser in Köln“, sagt er. Tatsächlich stoppen immer wieder Radler vor dem Haus und schauen sich um. Autos bremsen ab und fahren im Schneckentempo an dem Haus vorbei. Hinter der Natursteinmauer und dem mit goldfarbenen Ornamenten verzierten Gittertor herrscht geschäftiges Treiben. Zwei Frauen, ein Kind und ein junger Mann gehen ein und aus und räumen offenbar auf. Eine provisorisch eingesetzte Tür steht halboffen.

Die Familie sei vor zwei oder drei Jahren in die Villa gezogen, erzählt der Nachbar. Sie hätten sie einem älteren Ehepaar abgekauft, das nach Amerika ausgewandert sei. Daraufhin hätten seine neuen Nachbarn die Mauer hochgezogen und das Tor eingebaut. Nein, Kontakte habe es so gut wie keine gegeben. Auch keine größeren Auffälligkeiten. „Da gab es viel Besuch, es war ein ständiges Rein und Raus“, sagt der Rheindorfer. Häufig seien größere Wagen vorgefahren, SUVs, S-Klasse und dergleichen.

Wie die RP aus anderer Quelle erfuhr, soll es sich bei den Autos um Leihwagen handeln, da diese nicht beschlagnahmt werden können. Die Familie soll nicht erst seit dem Umzug in die Villa in Rheindorf ansässig, sondern seit mehr als 20 Jahren. Die Kinder des Paares besuchten oder besuchen dort Kita und Schule.

Zeitgleich fanden am Dienstag in mehreren NRW-Städten Razzien statt – unter anderem im Ruhrgebiet, wo der Familienvater als führendes Mitglied des Clans festgenommen wurde. Insgesamt sind 31 Objekte durchsucht worden. Darunter auch ein Barbershop an der Wupperstraße in Rheindorf, unweit des Familienwohnsitzes gelegen. „In oder bei dem Objekt wurde der 24-jährige Sohn festgenommen“, bestätigt die Polizei, „die Mutter und der 28-jährige Sohn in der Villa“, berichtet ein Behördensprecher weiter. Der Shop ist am Donnerstag bereits wieder geöffnet. Zwei junge Männer tippten dort auf ihren Handys, die Rasierstühle waren leer.

Nach RP-Informationen sollen sich zum Zeitpunkt der Festnahmen zehn Familienangehörige in der Villa aufgehalten haben. Sie ist die wohl teuerste Liegenschaft in der Straße, macht allerdings einen abgewohnten Eindruck. Dachschindeln sind abgefallen, es fehlt an manchen Stellen an Putz.

Ob von dort kriminelle Fäden gezogen wurden, ist unklar. Als wahrscheinlicher gilt, dass die Familie Leverkusen als Rückzugsraum genutzt hat. Bisher ist sie in der Stadt offenbar noch nicht mit als clantypisch geltenden Delikten wie Schutzgelderpressung, Körperverletzung, Drogenhandel auffällig geworden. Vorgeworfen wird den Festgenommenen Geldwäsche und Sozialhilfebetrug in erheblichem Maße. Innenminister Herbert Reul sprach am Dienstag von einem „großartigen Tag“ im Kampf gegen die Clan-Kriminalität.

Der Al-Zein-Clan ist neben dem inzwischen weit über die Stadtgrenzen bekannten Goman-Clan der zweite, der für bundesweite Schlagzeilen mit Ortsmarke Leverkusen sorgt. Was macht die Stadt für mutmaßliche Sozialhilfebetrüger attraktiv? Die Stadtverwaltung nimmt zu möglichen Vorwürfen gegen Clanmitglieder etwa im Hinblick auf den Sozialhilfebezug keine Stellung. Die Polizei geht derzeit von einer Summe von 400.000 Euro aus.

„Wir dürfen uns während laufender Ermittlungen nicht äußern“, heißt es aus dem Rathaus. Im politischen Leverkusen rumort es: Nach Auffassung des FDP-Politikers und früheren Ratsherren Friedrich Busch „gibt es im Jobcenter Leverkusen allem Anschein nach strukturelle Defizite, wenn Mitglieder von deutschlandweit bekannten Clans Hartz IV beantragen und bewilligt bekommen, ohne das ein Auge auf deren Wohnverhältnisse vor Ort geworfen wird.“ Busch fordert: „Im Jobcenter Leverkusen muss der Fall Al-Zein kritisch aufgearbeitet werden. Ein öffentlich zugängiger Abschlussbericht mit den getroffenen Konsequenzen muss der Leverkusener Kommunalpolitik und der Leverkusener Öffentlichkeit abschließend vorgelegt werden.“

Hier geht es zur Bilderstrecke: Razzien gegen Clankriminalität in mehreren NRW-Städten

(RP )