Historische Atlanten in Krefeld: Als Kalifornien noch eine Insel war

Historische Atlanten in Krefeld : Als Kalifornien noch eine Insel war

Das Museum Burg Linn verfügt über eine wertvolle Sammlung seltener und historisch bedeutsamer Atlanten. Der „Atlas minor“ von Visscher aus dem 17. Jahrhundert wird derzeit in Berlin restauriert. Einblicke in ein Weltverständnis einer anderen Zeit.

Als am 12. Oktober 1492 ein Schiff an unbekanntem Land anlegte, war das ein Markstein der Weltgeschichte: Christoph Columbus hatte Amerika entdeckt. Ein neuer Erdteil: die Neue Welt. Die Geschichte der Seefahrt änderte sich – und damit die Geschichte der Menschheit. Der Forscherdrang, Neuland zu erkunden, war nicht mehr zu bremsen. Die Menschen wollten sich Bilder von der Welt machen. Dazu brauchten sie Karten. Es war der Beginn einer neuen Branche, die im 17. Jahrhundert ihre Blütezeit hatte: Kartographie und Verlag.

Die Bilder der Welt waren vor allem prachtvoll. Denn sie waren teuer. Eine Entdeckerflotte aufs Meer zu schicken, das kostete viel Geld, das nur die großen Königshäuser und Regenten ausgeben konnten. „Für die Seefahrt waren Karten überlebensnotwendig“, sagt Christoph Dautermann, stellvertretender Leiter des Museums Burg Linn. Das Haus verfügt über eine kostbare Sammlung prachtvoller Atlanten. Viele sind  von Zeit und Licht geschädigt und benötigen dringend eine Restaurierung, das Papier droht zu zerfallen, die Farben verblassen oder schädigen mit giftigen Partikeln den Untergrund, auf den sie aufgebracht worden sind. Ein hervorragendes Beispiel ist der „Atlas Minor“ von Nicolaes Visscher aus dem 17. Jahrhundert, der zurzeit von Experten in Berlin restauriert wird. Er zeigt auch: Die Karten aus der Vergangenheit sind prachtvolle Geschichtsbücher, die ein Weltbild einer früheren Zeit eröffnen

Der Niederländer Visscher, 1618 in Amsterdam geboren und dort 1679 gestorben, war Kupferstecher, Kartograph und Verleger und gehörte zur niederländischen Kunsthändler- und Kupferstecherdynastie Visscher. Es war ein hoch angesehener und einträglicher Beruf, denn in jener Zeit wandelte sich das Weltbild rasant: Visscher und seine Kollegen waren gefragt.

Es war die Epoche des Rationalismus, der großen naturwissenschaftlichen Entdeckungen. Galilei. Kepler. Newton. Und die im 16. Jahrhundert begonnene Vernetzung der Kontinente durch den Handel nahm Fahrt auf. China und Indien waren weltweit die größten Volkswirtschaften. Von dort kamen Gewürze und feine Seide, die in Europa heiß begehrt waren – von denen, die bezahlen konnten. „Herrscherhäuser haben Flotten von drei Schiffen ausgestattet, die zu Forschungszwecken aufbrachen“, erzählt Rolf Stefan, der die Restaurierungsprojekte der historischen Schätze im Museum koordiniert. Denn die Neue Welt war immer noch zu großen Teilen unerforscht. Der Atlas Minor zeigt, dass im Verständnis der Zeitgenossen Kalifornien im 17. Jahrhundert  noch eine Insel im kalifornischen Meer war, vor der Küste New Mexicos, wo die Apachen lebten. Die Landesgrenzen waren vereinfacht und ungenau.

Noch besser offenbart sich der Stand der Weltentdeckung an einer Karte von Südamerika. Die brasilianische Küste ist detailliert aufgeführt. Es war Kolonialgebiet der Portugieser, heftig umkämpft von den Niederländern.  Um 1600 war Brasilien der größte Zuckerproduzent der Welt.  Es gab einen florierenden Dreieckshandel: Manufakturprodukte wurden in Afrika gegen Sklaven verkauft, die wiederum in Süd- und Nordamerika gegen Edelmetalle, Zucker, Kakao und Gewürze eingetauscht wurden, die nach Europa transportiert wurden. Das Landesinnere – noch weitgehend unerforscht – stellten sich Visschers Zeitgenossen als Wüste mit einigen Bergen vor.

Seekarten waren in der Darstellung meist einfach. Ihr Zweck war es, den Seeleuten Küsten und Ankerplätze zu weisen, damit der Handel über die Meere funktionierte. Doch Visschers Branche war auch Kunsthandwerk. Denn Atlanten hatten nicht nur Gebrauchsfunktion. Kunden kamen aus dem Adel. „Es waren oft auch Staatsgeschenke, Ausdruck großer Wertschätzung“, sagt Stefan. Wo das Wissen fehlte, blühte die Fantasie. Die Karten sind prächtig mit Details verziert, es gibt Stiche von exotischen Tieren und  nicht minder exotischen Einwohnern. „Je mehr Arbeit in einem Atlas steckte und je mehr Leute daran mitgewirkt haben, desto wertvoller war er“, erklärt der Experte. Umgerechnet 20.000 bis 25.000 Euro habe ein Kunde Mitte des 17. Jahrhunderts für einen Visscher-Atlas zahlen müssen.

Um die Kunst der Darstellung ging es vor allem, da blieb die Genauigkeit oft auf der Strecke. Dass Maßstäbe dabei großzügig behandelt wurden, lag einmal an den Möglichkeiten: Die Landvermessung sollte erst ein gutes Jahrhundert später ihren Durchbruch haben. Zum anderen passte es zum Geschichtsbild – auch bei den Karten aus den erforschten Gefilden in Europa: Es war außenpolitisch die Zeit der Kriege um Kolonien; innenpolitisch rangen die Landesfürsten mit ihren Ständen um Recht, Macht und Einfluss. „Wer immer ein Gebiet erobert hatte, wollte eine Karte mit den neuen Grenzverläufen haben. Da ging es weniger um Wissenschaft als um Status und Machtanspruch“, erklärt Historiker Dautermann. Jeder kleine Ort zählte, und es war entscheidend, ob er diesseits oder jenseits einer Landes- oder Fürstentumsgrenze lag.

Crefelt ist im Atlas Minor innerhalb der Grenzen der Comitatus Murs (=Grafschaft Moers) zu finden. Kleinere Ansiedlungen heißen Cracou, Bukum oder Salbruggen, größer waren Lyn und Ordingen. Wer sich auf den historischen Karten tummelt, um bekannte Städte auszumachen, darf sich nicht von seinem Orientierungssinn leiten lassen. Denn nicht nur Maßstäbe sind Auslegungssache, auch die Himmelsrichtungen. Damals waren Karten noch nicht genordet. Aber sie zeigten deutlich, dass der Mittelpunkt der Welt immer dort ist, wo das meiste Geld oder der größte Einfluss herkommen.

Etwa drei Monate wird der Visscher-Atlas in Berlin bleiben, bis er gut konserviert wieder nach Linn zurückkehrt.

Hier geht es zur Bilderstrecke: Burg Linn zeigt historische Atlanten in Krefeld