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Ein Dorfspaziergang im beschaulichen Kalkar-Hönnepel

Dorfspaziergang in Kalkar-Hönnepel : Es blüht am Brüter

Das beschauliche Hönnepel ist durch seine Anti-Atomkraft-Bewegung berühmt geworden. Die Einwohner des Dorfes packen bis heute gerne selbst mit an – etwa auf der neuen Apfelwiese. Ein Spaziergang mit Norbert van de Sand.

Die Zeichnungen an der Außenwand einer Scheune an der Griether Straße sind mittlerweile verblasst. Sie dürften eine der letzten sichtbaren Erinnerungen an die turbulentesten Jahre von Hönnepel sein: jene der Anti-Atomkraft-Proteste in den 70er Jahren. Damals schlossen sich 30.000 Demonstranten zusammen, um den „Schnellen Brüter“ zu verhindern – mit Erfolg. „Wir wollen leben“ prangt bis heute an dem bröckeligen Gemäuer.

Norbert van de Sand war damals zwar nicht Teil der Protestbewegung. Dennoch sagt er heute: „Wir Hönnepeler dürfen froh sein, dass das Atomkraftwerk nie ans Netz gegangen ist.“ Der 73-Jährige ist der Vorsitzende der Vereinsrunde Hönnepel und so etwas wie der Lautsprecher des Dorfes. Jahrzehntelang saß er für die CDU im Kalkarer Rat, später gründete er das Forum mit. Van de Sand, der ursprünglich aus Kranenburg-Niel stammt, war es auch, der Henny van der Most vor 25 Jahren den Kauf des Wunderlands schmackhaft machte. Dabei kam der Niederländer nach Hönnepel, um beim Antiquitätenhändler im „Mühlenhof“ eine Dampfmaschine zu kaufen. Die Brüter-Ruine aber hatte es ihm gleich angetan.

Besonders stolz ist van de Sand auf die Historie Hönnepels. „Über das 775-jährige Jubiläum der Stadt Kalkar 2017 konnten wir hier nur schmunzeln“, sagt er. Immerhin sei die Ortschaft am Deich, in der heute knapp 900 Menschen leben, weit über 1000 Jahre alt. Der erste Ort, den van de Sand zeigen möchte, ist die 1442 fertiggestellte Kirche St. Regenfledis. Immerhin würden dort auch die Wurzeln Hönnepels liegen. 2006 nämlich pflanzten Vertreter der Partnergemeinde Denain in Frankreich eine Blutbuche auf dem Vorplatz der Kirche.

Der Grund: Denain ist die ehemalige Wirkungsstätte der Heiligen St. Regenfledis. „In den vergangenen Jahren ist der Baum prächtig gewachsen. Es ist bis heute ein schönes Zeichen der Verbundenheit, dass die Franzosen damals Muttererde vom Klostergrund aus Denain mitgebracht hatten“, sagt van de Sand. Der Vereinsrunden-Chef hat ohnehin einen Sinn für Historie. Immerhin wohnt er selbst in einem kleinen Museum, der denkmalgeschützten ehemaligen Volksschule des Dorfes.

Ein Beispiel für gelebtes bürgerschaftliches Engagement ist das Ritter-Elbert-Zentrum. Norbert van de Sand hat selbstverständlich einen Schlüssel für den Treffpunkt. Nach dem Schließen der Dorfschenke wurde die Vereinsrunde im Jahr 2017 aktiv. Die Ehrenamtler sanierten die ehemalige Schule in Eigenleistung und mit Hilfe des Kirchenvorstands. „Da haben wir alle kräftig mit angepackt“, sagt er. Gewissermaßen ist das Zentrum ein Ort der Kontraste. An der Wand hängen Fotos der Kriegs-Heimkehrer, gegenüber steht eine nagelneue Theke mitsamt moderner Zapfanlage.

Heute wird das Ritter-Elbert-Zentrum für Stammtische, Dorffeste und Privatfeiern genutzt. Bis zu 100 Personen haben dort Platz. Zudem befindet sich in den Räumen die kleine Bücherei. Sonntags von 10 bis 11.30 Uhr öffnet sie ihre Türen. „Der Höhepunkt des Jahres ist der kleine Weihnachtsmarkt hier auf dem Schulhof. Der hat einen ganz besonderen Charme. Ich fürchte nur, dass es in diesem Jahr nichts wird“, sagt van de Sand. Corona könnte der Tradition einen Strich durch die Rechnung machen.

Einige Straßen weiter steigt Spaziergängern der Duft frischer Brötchen in die Nase. Severin und Anni Bettray führen die Bäckerei an der Rheinstraße seit 2008. „Hier gibt es den leckersten Spekulatius der ganzen Welt“, sagt Norbert van de Sand. Er sei froh, dass das kleine Dorf überhaupt noch über ein solches Geschäft verfüge. Ohnehin ist die Theke von Bettray gut aufgestellt: selbstgemachte Pralinen, Kirschplunder, Laugenstangen, dutzende Brötchen- und Brotsorten – der Traditionsbäcker bietet ein breites Sortiment. Und dennoch sei es nicht einfach, eine Dorfbäckerei in die Zukunft zu führen: „Manchmal würden wir uns wünschen, dass die Hönnepeler auch wirklich im Dorf bleiben und verstärkt bei uns einkaufen. Viele aber fahren lieber nach Kalkar“, sagt Anni Bettray. Allerdings profitiere man stark von dem hohen Verkehrsaufkommen an der Rheinstraße. So halte man sich erfolgreich über Wasser.

Apropos Verkehr: Der ist vielen in Hönnepel ein Dorn im Auge. „Seit Jahren treibt uns das hohe Verkehrsaufkommen um, jetzt wird es langsam etwas besser“, sagt van de Sand. Tatsächlich ist die Landstraße durchs Dorf bemerkenswert hoch frequentiert – dem Wunderland sei Dank. Zwar wurde eigens für den Verkehr zum Freizeitpark eine Umleitung eingerichtet, die das Dorf Hönnepel entlasten sollte. Da Navigationsgeräte jedoch nicht zu dieser hinführen, staute sich der Verkehr in den vergangenen Jahren immer wieder im Ortskern. „Das hat mitunter für unglaubliche Bilder gesorgt, wenn ich daran denke, wie voll es bei uns war“, sagt van de Sand. Mittlerweile aber hätten Maßnahmen des „Wunderlandes“ und der Stadtverwaltung gefruchtet, die Verkehrssituation habe sich beruhigt.

Und es gibt noch einen weiteren Grund zum Optimismus in Hönnepel. Das Dorf hat nämlich auf der Fläche eines ehemaligen Treibhauses einer Gärtnerei eine neue, 13.000 Quadratmeter große Streuobstwiese im Schatten des Deiches gepflanzt. Fast täglich spaziert van de Sand dorthin. Finanziert wurde die Initiative aus Mitteln für Ausgleichsmaßnahmen für drei 2017 gebaute Windräder in der Peripherie.

„Dieses Projekt ist in zweierlei Hinsicht ökologisch wertvoll: Auf der einen Seite wird durch die Windräder umweltfreundlicher Strom produziert, auf der anderen Seite entsteht auf einer bisher brachliegenden Betonfläche ein neues Biotop“, sagt van de Sand.  Im kommenden Jahr sollen die ersten Äpfel geerntet werden, dann will die Dorfgemeinschaft zur Premiere des Apfelfestes laden. Das aber in beschaulichem Rahmen. Die wilden Zeiten großer Menschenmengen in Kalkar-Hönnepel liegen mehr als 40 Jahre zurück.