Kaarst: Trümmer-Pianist rührt Publikum im Rathaus

Klavierkonzert im Rathaus : "Trümmer-Pianist" rührt das Publikum

Er bearbeitete regelrecht die Tasten, entlockte ihnen Gefühle, seine Stimme klagte dabei, weinte beinahe und manchmal lächelte sie: „Trümmer-Pianist“ Aeham Ahmad bot am 10. Dezember, dem Tag der Menschenrechte, eine berührende Vorstellung am Klavier.

Als er in seiner zerstörten Heimat Jarmouk Kindern etwas vorspielt, geht sein Foto um die Welt. Nun saß er im stimmungsvoll beleuchteten Atrium des Kaarster Rathauses unweit des leuchtenden Weihnachtswunschbaums an einem friedlichen Ort. Trotzdem lässt seine Darbietung die erlebten Schrecken des Krieges wieder lebendig werden und die Zuhörer auf allen Etagen spüren, dass es für Ahamd die einzige Möglichkeit der Traumata-Bewältigung ist. Die Kriegserfahrungen seien noch immer in seinem Kopf, erklärte er später in englischer Sprache.

Seinem Klaviervortrag gingen jeweils Zitate aus seinem Buch „Und die Vögel werden singen“ voraus, von Moderator Robert Hotstegs einfühlsam vorgetragen: Da geht es um die Hungererfahrungen während der vollständigen Blockade Jarmouks. In ihrer Verzweiflung kochten die Menschen „Kaffee“ aus Zimt und Enthaarungspaste. An anderer Stelle beschreibt Ahamd die erste Begegnung mit seiner zukünftigen Frau – und am Schluss bleibt Hoffnung, denn die Vögel haben das Singen noch nicht verlernt. Ahamd flocht Variationen über das Lied „Die Gedanken sind frei“ ein und freute sich unbändig, dass das Publikum fehlerfrei mitsingen konnte. Mit Schülern sei das nicht gelungen, sagte er, sie kennen keine Volkslieder mehr. Das bedeutet indirekt den Verlust der Heimat, was zum Motto des Abends passte: „Heimat und Heimweh“. Der Schmerz über die verlorene Heimat ist aus Ahmads Spiel und Klageliedern in seiner Muttersprache herauszuhören. Doch Hoffnung überwiegt: Ahmad betonte, wie sehr er die freie Meinungsäußerung in Deutschland schätzt, ohne dass eine Geheimpolizei sofort zur Stelle ist.

Eine Granatsplitterverletzung der rechten Hand verwehrt dem seit 2015 in Deutschland lebenden 31-jährigen Ahmad eine Tätigkeit als Konzertpianist. 2016 zogen seine Frau und die beiden Söhne nach. Und in wenigen Wochen wird wieder neues Leben erwartet, verriet Robert Hotstegs. Ein weiterer Hoffnungsschimmer trotz des erlebten Elends. Den übrigen Konzertabend bestritt das bewährte Duo Jeremias Mameghani, Rechtsanwalt und Pianist und Konzertpianistin Violina Petrychenko aus der Ukraine. Beide überzeugten sowohl einzeln wie auch gemeinsam durch virtuoses Spiel und perfekt gefühlvolle Darbietung. Das Publikum dankte allen mit Standing Ovations.