1. NRW
  2. Städte
  3. Grevenbroich

Grevenbroich: Gehörlose kämpfen für frühere Impfung

Keine Maske, um Lippen sehen zu können : Gehörlose in Grevenbroich kämpfen für frühere Impfung

Hörgeschädigte tragen ein hohes Risiko, sich mit Corona zu infizieren: Um sich etwa beim Einkaufen verständigen zu können, müssen sie die Lippen ihres Gegenübers sehen. Mit Mund-Nasen-Schutz funktioniert das nicht.

Um Gehörlose macht sich im Corona-Trubel kaum jemand Gedanken: Dabei gehen Menschen, die sehr schlecht oder nichts hören, Tag für Tag ein großes Risiko ein, sich mit dem Coronavirus zu infizieren. Der Grund: Sie selbst und ihr Gegenüber können keine Schutz-Masken tragen, wenn sie sich verständigen wollen. Rund 20 hörgeschädigte oder gehörlose Menschen aus dem Kreisgebiet kämpfen daher seit einigen Wochen dafür, in der Impfreihenfolge vorgezogen zu werden, um sich im Alltag besser schützen zu können – bisher jedoch vergeblich. Einer derjenigen, die sich dafür stark machen, ist der Kapellener Magnus Miroslawski, der seit seiner Geburt annähernd taub ist.

Der 37-Jährige kann mit Hilfe von Hörgeräten zwar Geräusche, aber keine Stimmen wahrnehmen. Um sich trotzdem im Alltag mit anderen Menschen verständigen zu können, ist er darauf angewiesen, das Lippenbild seines Gegenübers sehen zu können. In Verbindung mit Mimik und Gestik kann er Teile des Gesagten verstehen. Er bittet die Menschen, die Maske abzuziehen, wenn er mit ihnen spricht.

Miroslawski selbst muss seine Maske ebenfalls in Unterhaltungen absetzen, weil andere ihn sonst kaum verstehen würden: Durch Spracherziehung in seiner Kindheit spricht er zwar – aber beim Tragen einer Maske wäre seine Stimme für viele nur undeutlich zu hören. Effektiv gegen eine Infektion schützen kann sich der Kapellener so nicht. Gleiches gilt für viele andere Bürger im Rhein-Kreis, die schlecht hören oder taub sind.

Magnus Miroslawski und einige weitere Hörgeschädigte werben deshalb um eine Priorisierung bei der Impfung und verweisen auf andere Städte und Kreise. Miroslawskis Stieftochter beispielsweise, die ebenfalls hörgeschädigt ist, wohnt in Essen und soll dort bereits vergangenen Samstag ihre erste Impfung erhalten haben. Auch Städte wie Bottrop und Recklinghausen bieten Impfungen für diesen überschaubaren Personenkreis an.

„In vielen Städten gibt es Vereine oder Verbände, die erfolgreich auf die Situation aufmerksam gemacht haben“, sagt Eva Sandau, die sich gemeinsam mit Miroslawski und weiteren Mitstreitern für eine schnellere Impfung im Rhein-Kreis Neuss einsetzt: Denn hier gebe es keine Organisation, die für die Interessen dieser Personengruppe einsteht.

Gehörlose aus dem Rhein-Kreis haben sich in einer Whatsapp-Gruppe zusammengeschlossen und einzeln auch Kontakt zur lokalen Politik gesucht. Magnus Miroslawski etwa hat sich über den Rhein-Kreis an den Landrat gewandt, aber nach eigenen Angaben bisher keine Antwort erhalten – und keine Zusage für eine frühere Impfung. Sandau berichtet von anderen Hörgeschädigten, die mit Verweis auf die Vorgaben von Bund und Land vertröstet wurden.

Ein Sprecher des Rhein-Kreises erklärt auf Anfrage: „Gehörlose und hörbehinderte Menschen sind zwar nicht explizit in der Impfverordnung und den bisherigen Erlassen des Landes NRW genannt, jedoch nach unserer Einschätzung in der Priorisierungsgruppe 3 berücksichtigt.“ Demnach hätten Personen, bei denen aufgrund ihrer Arbeits- oder Lebensumstände ein deutlich erhöhtes Risiko einer Infektion mit dem Coronavirus besteht, einen Impfanspruch mit erhöhter Priorität.

„Derzeit sind aufgrund der noch begrenzten Verfügbarkeit von Impfstoff nur Personen aus der Priorisierungsgruppe 2 impfberechtigt. Wir sind dabei strikt an die Vorgaben von Bund und Land gebunden, auf die wir als Kreis keinen Einfluss nehmen können“, heißt es. Damit komme eine Impfung für gehörlose und hörbehinderte Menschen derzeit nur in Frage, wenn sie eine Vorerkrankung haben. „In diesem Fall empfehlen wir, sich hierzu beim Hausarzt zu erkundigen.“

Magnus Miroslawski findet das unfair. Der Lackierer kommt an seiner Arbeitsstätte jeden Tag mit mehreren Menschen in Kontakt. Dreimal pro Woche lässt sich der Kapellener auf eine Infektion hin testen – um auszuschließen, dass er infiziert ist und andere anstecken könnte. „Das Risiko einer Ansteckung ist umgekehrt auch für mich hoch“, sagt er. Eine schnelle Impfung könnte ihm und den anderen Menschen ohne Gehör helfen.