Gerresheim : Die Leistens

Hanno Parmentier hat aus den Aufzeichnungen von Herbert Leisten die Chronik einer Gerresheimer Familie erstellt.

Seit das Bogart's an der Benderstraße geschlossen hat, weiß Hanno Parmentier manchmal nicht so recht wohin, wenn er Lust auf ein Bier hat. Meist fällt seine Wahl dann auf das Neusser Thor. Dort lernte der Autor des Buchs "Der Würger von Düsseldorf" (Leben und Taten des Serienmörders Peter Kürten) eine nette verheiratete Dame kennen, die dort jedes Fortuna-Spiel schaute. Helma heißt sie, ihr heutiger Nachname tut bei dieser Geschichte nichts zur Sache, der Mädchenname ist von Bedeutung: Leisten.

"Sie fragte mich, ob ich bereit wäre, die Aufzeichnungen ihres Vaters herauszugeben", erzählt Parmentier. "Mach was draus": Mit diesen Worten habe Herbert Leisten der Tochter auf dem Totenbett drei dicke Kladden überreicht, die er im Rentenalter von 68 Jahren begann, mit seinen fast schon fotografischen Erinnerungen zu füllen. "Alles war gut lesbar, zwar hektisch in Druckbuchstaben ohne Punkt und Komma niedergeschrieben, aber schillernd in der Darstellung. Denn es war ein generationsübergreifendes Sittengemälde aus Gerresheim, das ein Leben in eher ärmlichen Verhältnissen schildert", fasst der Autor zusammen. Als die Tochter dann noch bereit war, ihr umfangreiches Fotoarchiv für ihn zu öffnen, war die Entscheidung gefallen: Parmentier erstellte die Chronik der Leistens.

Die beginnt im Jahr 1895 mit dem Umzug der Familie von Pommern nach Gerresheim. Herbert Leistens Opa Julius kann in der Glashütte arbeiten, die Familie mit fünf Kindern bekommt eine mietfreie Werkswohnung an der Büdingenstraße - ohne Wasser, Strom, Klosett, dafür mit Stall. Immerhin. Im Stall werden Schweine gemästet und später geschlachtet. An den Sommerabenden sitzt man vor dem Haus, trinkt Bier, Schnaps und Kaffee mit den Nachbarn. Den Ersten Weltkrieg überstehen die Leistens gesund, feiern 1923 Goldene Hochzeit. An Rente erhalten sie 20 Reichsmark monatlich, "Oma und Opa leben insgesamt 59 Jahre zusammen", schreibt Herbert. 1932 stirbt Oma Emilie, sieben Jahre später Opa Julius.

Es gibt kaum ein Mitglied der Familie Leisten, das nicht als Glasmacher arbeitet. So auch Herbert Leistens Papa Emil. Es ist ein schwieriger Job, das flüssige Glas fließt mit 1500 Grad aus dem Schmelzofen, wird mit den Händen, dem Mund und den dazugehörigen Werkzeugen geformt. Die Arbeitszeit beträgt kurz nach der Jahrhundertwende 60 Stunden in der Woche. Emil Leisten heiratet nach dem Krieg Helene, die sowohl in einer Schrauben- wie auch in einer Seifenpulverfabrik arbeitete. Die Eheleute beziehen eine Wohnung an der Scheerenburgerstraße. Am 2. Weihnachtstag 1919 erblickt Herbert Leisten das Licht der Welt. "Es war eine miese Nachkriegszeit mit Arbeitslosigkeit und Inflation, 1923 kostete ein Brot Milliarden", berichtet Herbert. Er findet auf dem Schulhof eine Katze, nimmt sie mit nach Hause, nennt sie Pussi. "Sie war ein guter Mäuse- und Rattenfänger, davon gab es bei uns im Hinterhof genug." Wie schwierig diese Zeit ist, lässt sich an der Person Eisenhut ablesen. Der kontrolliert zwei- bis dreimal am Tag, ob krankgeschriebene Glasbläser tatsächlich krank sind. Nebenbei schneidet er Haare, zieht Zähne und betreibt einen Tabakladen. 1931 muss die Familie zu Oma und Opa an die Büdingenstraße ziehen. Dennoch bleibt Zeit für Vergnügen: Mit dem Opa streunt Herbert samt Bollerwagen durch die Felder und sammelt Disteln, er spielt Fußball, später Handball, geht in der Düssel baden und sonntags für zehn Pfennig ins Kino zur Kindervorstellung.

Am 30. Januar 1933 wird Adolf Hitler Reichskanzler, ein Jahr später geht die Schulzeit von Herbert Leisten zu Ende. Arbeit ist rar gesät, um das berüchtigte Landjahr zu verhindern, schleppt Mama Herbert zum Arbeitsamt, wo er tatsächlich eine Lehrstelle bei der Firma Ballauf als Klempner und Installateur bekommt. Nach seiner Lehrzeit begibt sich der Geselle auf Montage, doch am 1. August 1940 folgt der "Gestellungsbefehl", Herbert Leisten muss zur Kriegsmarine. Nach der Ausbildung in Swinemünde landet der Rekrut über den Umweg Zirchow auf der griechischen Insel Salamis, wo ein U-Boot-Stützpunkt mit Flakgeschützen und Schweinwerfern gesichert werden muss. Herbert findet noch die Zeit zu Ausflügen nach Athen, auf Heimaturlaub erfreut er seine Familie in Gerresheim mit Tabakwaren, Schnaps und Bohnenkaffee. Auf Umwegen schlägt sich der junge Soldat über Sarajevo, Graz und Wien zurück nach Kiel durch, er wird noch einmal in Dänemark als Scheinwerferführer gebraucht, am 8. Mai 1945 ist der Krieg vorbei.

"Herbert Leisten war kein Literat, Intellektueller und auch kein politischer Mensch, er war Handwerker, aber er hatte mit scharfem Blick etwas Authentisches zu erzählen. Seine Ausdrucksweise ist einfach, aber präzise", sagt Parmentier. Und Leisten hatte immer auch etwas mehr Glück als andere. Bereits im September 1945 fand er wieder Arbeit bei Ballauf, war in den Folgejahren an Bauprojekten von Karstadt bis zum Rheinstadion beteiligt.

1947 heiratete er Adele, die er in der Gaststätte Zur Schönau kennen gelernt hatte, und die zwei Kinder mit in die Ehe brachte. In der Wohnung an der Hardenbergstraße wurde 1949 Tochter Helma geboren, später ging es zur Benderstraße 81. 1961 ließ er sich von Henkel abwerben, arbeitete auch für die Abteilung Tierversuche, "das war wegen des guten Lohns ein Sechser im Lotto", urteilt Parmentier: 31.625 Mark brutto im Jahr, 624 Mark Spareinlage, Mittagessen, Waschmittel und Weihnachtstüte. Am 12. März 1994 verstarb Herbert Leisten in einem Altenheim am Lohbachweg.

(RP)
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