Joe Bausch liest in der Freizeitstätte Garath

Lesung in der Freizeitstätte : Auch Gefangene haben eine Würde

Joe Bausch, der im Kölner Tatort einen Rechtsmediziner spielt, las in der Freizeitstätte aus seinem Buch „Gangsterblues“. Er arbeitet in Marl als Arzt in einem Hochsicherheitsgefängnis.

Joe Bausch, Fans von Krimi-Sendungen als Rechtsmediziner Dr. Roth im Kölner Tatort bekannt, ist am Mittwochabend anderweitig unterwegs. In der Freizeitstätte Garath stellt er auf Einladung der Buchhandlung Dietsch sein druckfrisches Buch „Gangsterblues“ vor. Der Saal ist vollbesetzt, und es ist nicht lustig, als Bausch seine so genannte „Blackbox“ öffnet. „Blackbox“ ist seine Metapher für seinen Arbeitsplatz, das Hochsicherheitsgefängnis in Werl. „Keiner will sich damit beschäftigen, wie es hinter den Mauern aussieht“, leitet Bausch den Abend ein.

Seit 32 Jahren arbeitet er dort als Arzt. In dieser Zeit haben sich im ihm Menschen anvertraut, deren Verbrechen sich wie eine Litanei des Schreckens liest: Mord, Entführung Vergewaltigung, schwerer Raub, Erpressung, Geiselnahme, Mehrfach-Täter, Schuldige die ihre Unschuld beteuern, vermutlich Unschuldige, die trotzdem „sitzen“ und – manchmal lachen sie trotzdem.

All das ist Blues, Gangsterblues genauer gesagt. Joe Bausch braucht sein Buch kaum, er erzählt: von drei knast-gealterten Einbrecher-Königen. Gerade erst in die Freiheit entlassen, gehen sie wieder auf Raub-Tour. Der unverzichtbare Tresorknacker hat keine Beine und wird vom Kumpel Huckepack zum Corpus Delikti transportiert. Als fahrbarer Untersatz dient ein auffälliger Oldtimer, weil „der Autoknacker kam mit den neuen Sicherheitssystemen nicht klar“, sagt der Autor launig. „14 Monate nach ihrer Entlassung waren sie wieder im Gefängnis“, berichtet er schmunzelnd. Dabei seien Diamantenpaul und seine Crew nichtmal besonders traurig gewesen.

Immer wieder fließen seine persönliche Einsichten zum Straf-Vollzug ein. „In deutschen Gefängnissen sitzen mehr psychisch Kranke als in psychiatrischen Kliniken“, sagt der Mann mit über 30 Jahren „Knast-Erfahrung“. Er schildert den fast tödlichen Anschlag auf einen brutalen „Knast-König“. „Die Kripo konnte die Tat nicht aufklären. Denn je schlimmer die Straftat, umso eiserner das Schweigen“. erklärt Joe Bausch das „Gesetz“ in der Backbox. „Soziale Kontrolle ist wichtig, Gefangene mit Verantwortungsbewusstsein werden gebraucht“, ergänzt er diese brutale Geschichte. Warum ein „psychopathischer Kotzbrocken“ eine erstaunliche „Metamorphose zum asozialen Millionär macht“ ist eine andere Joe-Bausch-Geschichte.

„Ich bin begeistert, es ist doch ein Thema, worüber niemand redet“, meint Zuhörer Jakob Angstem. „Ich bin ein großer Tatort-Fan und finde, er bringt das toll rüber“, sagt Gudrun Angstem aus Langenfeld. Beängstigend sei es nicht, meint Petra Haschke, denn „die können ja nicht raus.“ „Es ist sehr interessant und er erzählt es authentisch, so wie es ist “, resümiert Alexander Breddermann. Sein Stil, der lebhafte Vortrag - Joe Bausch sei ein cooler Kerl - meint Gudrun Angstem. „Aktenzeichen XY ungelöst sehen meine Patienten gerne, sie sind dafür ein Qualitätszirkel“ – ein typischer „Joe Bausch“.

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