Studie der Heine-Uni: Armut macht krank

Studie der Heine-Uni : Armut macht krank

Familien mit geringem Einkommen können sich gesundes Essen kaum leisten. Der schwierige Alltag einer alleinerziehenden Mutter mit drei Töchtern wird durch wissenschaftliche Untersuchungen der Heinrich-Heine-Uni untermauert.

Jeden Tag ist Kassensturz angesagt, bevor die alleinerziehende Mutter von drei Töchtern im Alter von zehn, zwölf und 14 Jahren zum Einkaufen geht. Denn die Düsseldorferin muss mit dem Mindestsatz für den Unterhalt auskommen, weil sie nach drei Schlaganfällen keine Arbeitsstelle hat und ihr Mann sich von ihr trennte. "Ich muss genau rechnen, um die Familie satt zu bekommen", sagt sie. Deshalb muss sie auch Abstriche von einer gesunden Ernährung machen. "Teures Gemüse können wir uns nicht leisten, nur die billigste Margarine ist bezahlbar oder die billigste Wurst im Supermarkt", berichtet sie aus ihrem Alltag.

Die schlechtere Ernährung der Armen beeinträchtigt ihre Gesundheit. Menschen aus sozial unteren Schichten werden häufiger und früher krank, sie haben auch eine geringere Lebenserwartung, weiß Nico Dragano vom Institut für medizinische Soziologie der Heinrich-Heine-Universität aus seinen Forschungen. Mit Hilfe dieser Forschungsergebnisse will das Ethik-Forum der evangelischen Kirche in Düsseldorf diese Probleme bewusst machen.

Probleme, die die Mutter jeden Tag hat. "Als erstes muss ich Sonderangebote ausfindig machen. Danach richtet sich der Speiseplan", sagt sie. Sind beispielsweise Kohlrabi besonders billig, gibt es ein paar Tage dieses Gemüse mit Kartoffeln. Generell wartet die Mutter auf Gemüse aus der Saison, weil es eine kurze Zeitspanne lang preiswert sein kann. Allerdings kann sie nicht immer zugreifen, weil die Zahlungen der Mindestsicherung, der kleinen Renten oder des Unterhalts vom Ex-Mann zu unterschiedlichen Terminen im Monat gezahlt werden: "Wenn dann die Miete abgebucht worden ist oder die Gebühr für Telefon und Internet, ist erst einmal die Geldbörse leer." Fixe Ausgaben wie Internet sind kein Luxus, betont die Mutter. Denn in der Schule wird der Zugang zum Internet für die Hausaufgaben vorausgesetzt: "Und ich muss meine Kinder doch fördern."

"Ich muss genau rechnen, um die Familie satt zu bekommen"

Dann muss schon mal am Essen gespart werden. Auch wenn die Mutter auf jeden Cent schaut, stets die Angebote der Discounter vergleicht, ob sie nicht billigere Frischsachen anbieten als die Konkurrenz, sind an manchen Tagen nur Konserven wie Linsensuppe oder einfache, billige Nudeln drin.

Wie schwierig das Auskommen ist, zeigen wissenschaftliche Erhebungen, die Dragano vorliegen. So sieht die staatliche Regelleistung etwa für die Ernährung von Kindern von zehn bis zwölf Jahren 2,57 Euro pro Tag vor, aber für die nötigsten Nahrungsmittel im Discounter sind 4,65 Euro nötig.

Ohne die Hilfe der Düsseldorfer Tafel käme die Mutter daher nicht zurecht. Wenn es dort einmal Pfirsiche oder Bananen gibt, ist das ein Festtag in der Familie. Trotzdem schämt sich die zwölfjährige Tochter, dass ihre Mutter zur Lebensmittelausgabe in die Berger Kirche geht. Sie will nicht als Arme abgestempelt sein.

Diese sozialen Nachteile schlagen auch auf die Psyche. Dragano verweist auf Untersuchungen, die in unteren sozialen Schichten mehr psychosoziale Krankheiten und Fehlentwicklungen feststellen. Die Ursachen seien oft schon in der Kindheit zu finden.

Auch die Mutter macht sich Sorgen. Ihre Töchter haben kaum Kontakte zu Kindern aus ihren Schulklassen. Sport im Verein ist beispielsweise nicht bezahlbar. Dabei ist die 14-Jährige turnerisch talentiert. Schon allein zwanglose Treffen oder Unternehmungen mit Freundinnen sagen die Töchter ab, weil sie nicht mithalten können. Bereits ein einzige Kugel Eis reißt ein tiefes Loch in den Haushaltsetat der Familie.

Bevor sie sich blamieren, bleiben die Töchter lieber zu Hause. Hunger müssen sie trotz aller Schwierigkeiten dort nicht leiden. "Als eiserne Reserve habe ich immer festes Brot und Marmelade im Haus", sagt die Mutter. Das mache wenigstens satt.

(RP)