Internationaler Tag der Muttersprache 2019: So international klingt NRW

Tag der Muttersprache : So international klingt NRW

Der 21. Februar ist der Internationale Tag der Muttersprache. In NRW leben hunderte Nationalitäten zusammen, Sprachenvielfalt gehört zum Alltag. Welche Bedeutung die Muttersprache im Leben hat, erklären zwei Sprachforscherinnen.

In Nordrhein-Westfalen ist die Welt zu Hause. „Menschen aus allen Ländern der Erde leben in NRW“, sagt Henning Severin, Sprecher des Landesministeriums für Kinder, Familie, Flüchtlinge und Integration. Nach Zahlen des Statistischen Landesamtes IT.NRW lebten im Jahr 2017 Menschen mit 197 ausländischen Nationalitäten an Rhein und Ruhr. Dem Mikrozensus zufolge hatten 5,1 von 17,7 Millionen Einwohnern einen Migrationshintergrund – mehr als jeder Vierte. 2011 waren es noch eine Million weniger. Aufgrund dieser Entwicklung herrscht heute Sprachvielfalt – egal, ob in der Schule, in der Bahn oder am Arbeitsplatz.

„Sprachenvielfalt und Mehrsprachigkeit sind Grundpfeiler für Nachhaltigkeit und Frieden“, erklärt die Deutsche Unesco-Kommission. Vielsprachigkeit ermögliche zudem einen interkulturellen Dialog und helfe, Bildungsziele zu erreichen. Die Unesco rief daher im Jahr 2000 den Internationalen Tag der Muttersprache ins Leben, der jährlich am 21. Februar begangen wird.

„Die Muttersprache ist die Sprache, die man am besten beherrscht und meistens als erste lernt“, erklärt Marita Pabst-Weinschenk, Sprach- und Sprechwissenschaftlerin an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. „Sie hat eine zentrale Funktion im Leben: Da sie mit Wärme gelehrt wurde, ist sie emotional besetzt und kann identitätsstiftend wirken.“ Anders als bei einer Fremdsprache werde die Muttersprache im Alltag erlernt, sozusagen nebenbei. „Kinder lernen das, was sie hören“, sagt Pabst-Weinschenk. „Auch das soziale Umfeld prägt den Spracherwerb.“

In Deutschland leben und eine weitere Muttersprache haben? Im Jahr 2019 ist das völlig normal. Schulen in Nordrhein-Westfalen bieten mittlerweile bilingualen Unterricht auf Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch, Niederländisch und Türkisch an, eine Schule sogar auf Neugriechisch. Bei bilingualen Kindern ist es der Wissenschaftlerin zufolge vor allem wichtig, dass beide Sprachen im Alltag gleich stark gesprochen werden. „Was nicht passieren darf, ist, dass eine Sprache negativ konnotiert ist und ausschließlich zum Schimpfen genutzt wird“, erklärt Pabst-Weinschenk.

Im vergangenen Schuljahr wurden 16 Fremdsprachen an NRW-Schulen gelehrt. Noch länger ist nur die Liste des angebotenen herkunftssprachlichen Unterrichts: Sie reicht von Albanisch über Farsi bis hin zu Rumänisch. Im Schuljahr 2016/17 nahmen mehr als 50.000 Schüler daran teil, davon fast 35.000 in Türkisch. „Sprachbildung in den Herkunftssprachen wirkt sich positiv auf die Sprachkompetenz insgesamt aus, in Deutsch und weiteren Fremdsprachen“, teilt das NRW-Schulministerium mit. „Heute gibt es ein breites Angebot an herkunftssprachlichem Unterricht sowie einen breitgefächerten Fremdsprachenunterricht“, sagt Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). „Beides hat sich bewährt und wird auch nicht verändert.“

Die größten Bevölkerungsgruppen waren laut Ausländerzentralregister Ende 2017 Türken (497.630), Polen (216.230) und Syrer (190.360). Dabei gibt es starke regionale Unterschiede: Nach Angaben des Integrationsministeriums lebt die größte Gruppe von Türken im Ruhrgebiet, Ostwestfalen-Lippe hingegen ist eine Hochburg von Russlanddeutschen.

Dem Mikrozensus zufolge sprachen 2017 etwas mehr als die Hälfte (51,5 Prozent) der Menschen mit Migrationshintergrund im Haushalt überwiegend Deutsch, in NRW waren es 54,3 Prozent. Die meistgesprochenen Muttersprachen waren Türkisch, Russisch, Arabisch und Polnisch. Es folgten Italienisch, Englisch, Spanisch und Französisch.

Nach Zahlen von IT.NRW (Stand März 2018) wird bei jedem vierten Kind in Kindertagesbetreuung zu Hause überwiegend nicht Deutsch gesprochen. Am wenigsten Deutsch sprechen Familien in Gelsenkirchen (43,1 Prozent) und Duisburg (42,2). „Kinder aus bildungsfernen Familien mit niedrigem sozio-ökonomischen Status bekommen oft nicht genügend Input in ihrer Muttersprache“, sagt Barbara Mertins, Professorin für Psycholinguistik an der Technischen Universität Dortmund. Das betreffe sowohl monolinguale als auch bilinguale Kinder. In den Kreisen Coesfeld (11,1) und Höxter (11,9) wird hingegen fast ausschließlich Deutsch zuhause gesprochen.

Laut Mertins gibt es keinen Zwang für Eltern, zu Hause ausschließlich Deutsch zu sprechen. „Gerade von Familien, die erst vor kurzem nach Deutschland gekommen sind, kann nicht erwartet werden, dass sie zu Hause Deutsch sprechen“, sagt sie. „Das Kind lernt Deutsch auch in der Kita oder von seinen Freunden. Je mehr Interaktionspartner es gibt, desto besser ist der Spracherwerb.“

Marita Pabst-Weinschenk empfiehlt: „In Familien, in denen Mutter und Vater eine unterschiedliche Muttersprache haben, sollte jeder seine Muttersprache mit dem Kind sprechen – das ermöglicht den besten Spracherwerb.“ Mertins hingegen ermuntert Eltern, mit ihrem Kind Deutsch zu sprechen – selbst wenn sie die Sprache noch lernen. „Kinder, die genügend Input außerhalb der Familie, etwa in der Schule, bekommen, werden die Aussprache oder Fehler der Eltern nicht automatisch übernehmen.“

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