11 Gründe, warum RB Leipzig die Zukunft gehört

Team der Stunde : 11 Gründe, warum RB Leipzig die Zukunft gehört

RB Leipzig ist das Team der Stunde, der Einzug ins DFB-Pokal-Finale nur eine weiterer Meilenstein auf dem Weg an die Spitze. Elf Gründe, warum der Red-Bull-Klub die Zukunft des deutschen Fußballs prägen wird.

Besonders weit haben sie es ja nicht. Rund 150 Kilometer trennen Leipzig vom Berliner Olympiastadion – fast noch im Derbyradius. Dennoch hat es RB Leipzig einen langen Anlauf gekostet, bis Fans und Spieler am Dienstagabend die anstehende Dienstreise nach Berlin besingen durften. Zehn Jahre nach Gründung steht Rasenballsport Leipzig erstmals im DFB-Pokal-Finale. Das taugt noch nicht zum Briefkopf, ist aber Ausweis der Zielstrebigkeit, mit der sich der österreichische Getränkehersteller in der Bundesliga einnistet. Aufmerksamen Beobachtern der Rückrunde im laufenden Wettbewerb ist es nicht entgangen: Im Schatten des Schlagabtauschs zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern ist RB Leipzig zum Team der Stunde herangewachsen. Eine hellwacher Riese, der als nächsten Punkt auf seiner To-do-Liste nichts weniger als die Machtübernahme im deutschen Fußball stehen hat. Elf Gründe, warum RB Leipzig die Zukunft gehört.

  1. Kopf über Herz Wer sagt, dass Red Bull Getränke verkauft, könnte ja gleich behaupten, Apple sei ein Telefonhersteller. Mit dem Kauf der Kraftbrause, erwirbt der geneigte Kunde doch vor allem zeitweilige Teilhabe an einem Lebensgefühl. Um das zu gewährleisten, lässt der Konzern zwecks Markenbildung Mountainbiker bergab durch südamerikanische Favelas kacheln oder Neo-Rechte Extremsportler aus der Stratosphäre auf die Erde plumpsen. Schlimmstenfalls kommen die Protagonisten dabei ums Leben, im Idealfall liefern sie spektakuläre Bilder, die auf das Image der Marke einzahlen. Allein daher rührte auch der Gedanke des Konzerns, sich im Profifußball einzukaufen. RB Leipzig schleppt keinen moralischen Überbau mit sich herum, trägt nicht an der Last eines ausgeprägten Vereinslebens. Ralf Rangnick musste nach Einzug ins DFB-Pokal-Finale, dem bislang größten Erfolg in der Geschichte des Projekts, von den TV-Moderatoren zur Freude regelrecht ermahnt werden und wirkte dabei wie die Inkarnation des Leipziger Erfolgsmodells – rational bis zur Schmerzgrenze. Niemand kommt in Leipzig auf die Idee, eine Folklore zu bedienen, die schlicht nicht stattfindet. Während Großkonzerne wie der FC Schalke 04 das „e.V.“ auf ihrem Klingelschild zur Monstranz verklären, ist Leipzigs einziger Wegweiser die kürzeste Strecke zum Erfolg. Ein Klub wie sein Getränk: hellwach und stocknüchtern.
  2. Die Farmteams Fußball zu entschlüsseln und erklärbar zu machen – das funktioniert mit Abstrichen für die Vergangenheit. Prognosen indes sind in dieser Branche zuverlässig unzuverlässig. Darum haben sich Fußballwetten als Lebensunterhalt bislang auch nur auf Anbieterseite etabliert. Schuld daran ist vor allem der Zufall, der beim gleichzeitigen Zusammenspiel von 22 Menschen und einem runden Ball eine Hauptrolle übernimmt. Diesen X-Faktor wird auch Red Bull nicht aus der Urformel des Fußballs streichen können. Doch ein System von Fußball-Laboratorien, den Red-Bull-Teams in Salzburg, New York und Brasilien, erlaubt es, eine Vielzahl von Spielern unter Wettbewerbsbedingungen zu testen - und im Erfolgsfall quasi kostenlos weiterzuverschieben. Am Ende dieser Mini-Nahrungskette steht dann sehr oft RB Leipzig. In weniger als zehn Jahren seit Vereinsgründung kamen 39 Spieler-Zugänge aus dem eigenen Hause – 16 aus Salzburg, jeweils 11 aus der eigenen U19 und vom Vorgängerverein SSV Makranstädt, einer aus New York. Und RB spinnt sein Netz längst weiter: Schon bald sollen mit Klubs in China und Südamerika die nächsten Kooperationen vereinbart werden. Sicher nicht zum Nachteil der sächsischen Filiale.
  3. Strukturen statt Stars RB Leipzig hat sich fast mit Ansage in die Phalanx der Topklubs gedrängelt. Gelungen ist ihnen das jedoch weitgehend unter Ausschluss bereits bekannter Spieler. Ibrahima Konaté, Marcel Sabitzer oder Emil Forsberg kannten vor ihrem Durchbruch in Leipzig nur Eingeweihte. Timo Werner ist einer der wenigen Profis im Kader, die sich zuvor bereits einen Namen in der Bundesliga gemacht hatten. Statt sich den schnellen Erfolg mit großen Namen zu kaufen, hat RB an der Wurzel angesetzt und sich vor allem hinter den Kulissen exzellent aufgestellt. Die Trainingsbedingungen sowohl für Profis als auch in der Jugendakademie suchen ihresgleichen, Ralf Rangnick hat mit einer seiner ersten Amtshandlungen Frieder Schrof und Thomas Albeck vom VfB Stuttgart weggelotst, die dort in der Nachwuchsarbeit reihenweise große Talente herausgebracht hatten. Viel Geld, mit dem andere Klubs immer teurere Stars alimentieren, hat RB Leipzig in Talentspäher und Nachwuchsarbeit gesteckt. Diese Strategie beginnt soeben erst, sich auszuzahlen.

4. Drill Tolle Trainingsbedingungen, die besten Trainer und eine stringente Fußball-Philosophie – was klingt wie eine spaßige Fußballfreizeit, ist zugleich ziemlich erbarmungslos. Leipzig macht gar keinen Hehl daraus, dass die Nachwuchsarbeit im Hause RB einen Charaktertest darstellt. Für die Nachwuchsspieler gelten eisenharte Regeln: Keine extravaganten Frisuren, keine protzigen Autos, keine Tätowierungen. Wer über die Sommerferien mehr als ein Kilo zunimmt, muss für jede 100 Gramm extra 50 Euro zahlen. An Trainingstagen herrscht selbst für volljährige Spieler ab 20 Uhr Bettruhe, berichten ehemalige Jugendspieler. Wer diese Schule durchläuft, ist willensstark genug, um im Profifußball zu bestehen. Wer ausschert, bleibt zwangsläufig auf der Strecke.

5. Taktik Fußball ist theoretisch ein sehr einfaches Spiel – das gilt allerdings im Grunde auch für Schach. Ralf Rangnick kann seine Fußballphilosophie in fünf Minuten skizzieren. Sie mit Leben zu füllen, braucht ein halbes Fußballerleben. Um den Transfer von Spielern sowohl aus der Jugend- in den Profibereich als auch von Filiale zu Filiale so reibungslos wie möglich zu machen, vereinheitlichen alle Teams des Konzerns ihre Taktik so weit wie eben möglich. In der brasilianischen U17-Mannschaft soll derselbe Fußball wie in New York und Salzburg gelehrt werden. Stark vereinfacht: Den Gegner in Ballbesitz so früh wie möglich attackieren und sobald man ihm die Kugel abgejagt hat, den kürzesten Weg zum Torabschluss suchen. Möglichst innerhalb von zwölf Sekunden, weil die Unordnung nach Balleroberung in diesem engen Zeitkorridor die höchste Wahrscheinlichkeit auf einen Torerfolg verspricht. Fußball als Wissenschaft. Die Durchlässigkeit zwischen den Teams bestätigt die Theorie. Der RB-Fußball ist inzwischen hinlänglich bekannt, dennoch haben die anderen 17 Bundesligisten unverändert große Probleme damit, das Team von Ralf Rangnick daran zu hindern, ihn zu spielen.

6. Das Uhrwerk-Prinzip Der österreichische Fußball-Export funktioniert nach dem Prinzip eines Schweizer Uhrwerks. Bei RB ist das System stets größer als alle Einzelspieler zusammen. Da alle Komponenten perfekt aufeinander abgestimmt sind, ist es den Leipzigern frappierend geräuschlos gelungen, den Verlust etwa eines Schlüsselspielers wie Naby Keita zu kompensieren oder Trainer Ralph Hasenhüttl zu ersetzen. Auch einen Abgang von Timo Werner etwa könnte der Klub vermutlich geräuschlos verarbeiten.

7. Geld Rund 7,6 Milliarden Menschen leben derzeit auf der Welt - Red Bull verkaufte 2017 6,3 Milliarden Dosen, Tendenz steigend. Es ist zu vermuten, dass Dietrich Mateschitz schon schlechtere Ideen hatte, als die Vertriebsrechte für einen ursprünglich thailändischen Energydrink zu erwerben. So durchdacht die Strategie des Getränkeriesen auch sein mag - sie ist natürlich nur möglich unter dem Einsatz größter finanzieller Mittel. Andere Klubs beklagen sich etwa, dass schon Jugendspieler mit vierstelligen Gehältern weggelockt werden. Hier liegt zweifellos einer der großen Wettbewerbsvorteile gegenüber anderen Klubs, denn die finanziellen Möglichkeiten sind höchstens durch die Regeln des Financial Fairplay beschränkt.

8. Das Umfeld Dietrich Mateschitz holte sich an einigen anderen Standorten Absagen ab, ehe er sich schließlich dafür entschied den SSV Markanstädt zu Rasenballsport Leipzig zu machen. Mitten in der darbenden Fußball-Landschaft des Ostens am Reißbrett einen Bundesligisten zu entwerfen, war ein genialer Schachzug. Der Erfolgshunger überwiegt bei vielen Zuschauern die Skepsis gegenüber dem Projekt und lockt zumindest bei Heimspielen eine beachtliche Zahl von Zuschauern ins Stadion. Schon geringfügigste Änderungen am Logo und das ungelenke Namenskonstrukt „Rasenballsport“ haben DFB und DFL davon überzeugt, dass der ursprünglich als Werbeträger konzipierte Klub in der Bundesliga mitspielen darf. Auch die wenigen Mitglieder dienen allein der Erfüllung der Statuten. Red Bull fällt keinem Fan in die Arme, bietet aber ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis für Menschen, die gerne guten Fußball sehen. In einem solchen Biotop kann kaum Unruhe aufkommen.

9. Konstanz Leipzig markiert das vorläufige Ende der RB-Karriereleiter. Wer das hauseigene System nicht verlassen will, der bleibt ganz einfach hier. Peter Gulácsi, Willi Orban, Marcel Sabitzer, Marcel Halstenberg, Yussuf Poulsen und Emil Forsberg sind mindestens seit vier Jahren im Verein. Auf nationaler Ebene gibt es kaum noch Konkurrenten, die mit großen Standortvorteilen wuchern könnten - aus finanziellen Zwängen heraus müssen die „Roten Bullen“ schon gar keinen Spieler abgeben. Somit bleibt Naby Keita der bislang einzige unfreiwillige Abgang der Klubgeschichte - und das nach vier Aufstiegen.

10. Ruhe Schwere Rückschläge musste RB Leipzig auf dem Weg an die Spitze des deutschen Fußballs nicht verkraften – gleichwohl hat auch dieser Erfolgskurs einige Dellen. International mussten die Leipziger bislang einige Enttäuschungen wegstecken, ließen sich davon aber nicht aus der Ruhe bringen. Durch das Konzept, das dem Konzern weitgehende Alleinherrschaft gewährleistet, gibt es praktisch keine Störfeuer und Machtspiele in den eigenen Reihen, auch das Gros der Fans versteht sich nicht in erster Linie als Korrektiv mit ausgeprägten Eigeninteressen. So kann sich Rangnick auch in sportlich bescheideneren Zeiten voll auf die tägliche Arbeit mit der Mannschaft konzentrieren.

11. Zukunftsplanung In aller Ruhe und mit Weitsicht haben die Verantwortlichen die Neubesetzung des Trainerpostens nach dem Abgang von Ralph Hasenhüttl moderiert und in Julian Nagelsmann einen der heißesten Kandidaten auf dem Trainermarkt verpflichtet, der überdies bestens zur Leipziger Fußballlehre passt. Wenn man allein bedenkt, was er mit vergleichsweise übersichtlichen Mitteln bei der TSG Hoffenheim bewegt hat, dürfte RB Leipzig unter seiner Führung kurzfristig zum Titelkandidaten werden - wenn sie das nicht bereits sind.

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