Frankreich - Deutschland: Joachim Löw vertraut jungen Spielern wie Leroy Sané und Serge Gnabry

Fußball-Nationalmannschaft : Deutschlands neue Boyband

Bundestrainer Joachim Löw hat gegen Frankreich vielen Nachwuchskräften das Vertrauen geschenkt. Und die Jungen machten ihren Job so gut, dass es für manch erfahrene Kraft wohl schwer wird in Zukunft.

Thomas Müller ist auch in diesen Tagen ein gefragter Mann, denn er liefert ziemlich zuverlässig, was man sich von ihm erhofft – vor den TV-Kameras. Dort brilliert er noch immer in seiner stärksten Rolle: als Thomas Müller. Der Berufsfußballer Müller dagegen ist in die Jahre gekommen. Das Unberechenbare. Das Leichte. Das Besondere. Es war einmal. Müller ist zum Symbol einer überaus erfolgreichen Spielgemeinschaft geworden, deren beste Zeit in der Vergangenheit liegt. Im Spiel gegen Frankreich kam der 29-Jährige nur zu einem Kurzeinsatz. In der 88. Minute wurde er für den emsigen Serge Gnabry eingewechselt.

Vielleicht hat Müller damit seine Rolle im Team gefunden. Seit Jahren schon läuft er seiner Form hinterher, als Typ für ein Mannschaftsgebilde ist er aber immer noch wertvoll. Wie einst Lukas Podolski im Spätherbst seiner Karriere könnte nun auch Müller die wichtige Aufgabe zu Teil werden, den Übergang der Generationen zu moderieren. Denn die Zukunft hat mehr als deutlich an die Tür geklopft. Und die wird vertreten durch Leroy Sané, Timo Werner, Thilo Kehrer, Niklas Süle und eben Gnabry.

Junge, hungrige Spieler, die in ihren Vereinen nicht alle als Stammspieler agieren, weshalb Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff auch vor überzogenen Erwartungen warnt. „Wir müssen mit ihnen Geduld haben“, sagt er. „Ich bin stolz, wie die jungen Spieler das angenommen und ein gutes Spiel gemacht haben. Wir hätten sicher zumindest ein Unentschieden verdient gehabt. Es ist ein Umbruch da. Wir müssen nur weiter Einsatz zeigen. Ich bin zuversichtlich, dass wir diesen Weg gut weitergehen werden. Wir müssen aber gewisse Fehler abstellen. Was mir Mut macht, ist, dass die Maßnahmen der Trainer von der Mannschaft umgesetzt werden."

Serge Gnabry, 23, vom FC Bayern München. Timo Werner, 22, von RB Leipzig. Leroy Sané, 22, von Manchester City. Schier unbegreiflich, wie schwer sich Löw zumindest in zwei Fällen (Sané und Gnabry) getan hat, ihnen tragende Aufgaben zu geben. In Frankreich haben sie geliefert. Gewiss war das zum Teil noch zu verspielt, nicht kaltschnäuzig genug, wie man es im Fußballerjargon ausdrückt. Doch die Anlagen sind unverkennbar. Da wächst etwas Vielversprechendes heran. „Ich denke, dass wir in keinster Weise schlechter waren als Frankreich. Wir haben das Spiel gut gestaltet“, findet Gnabry. „Hintenraus war es schwer. Wenn wir die Konter besser ausspielen, können wir sogar 2:0 in Führung gehen.“ Die Jungen übernehmen Verantwortung. Die Jungen regeln Fehler auch mal selbst untereinander. Gegen Frankreich fühlte sich Kehrer, 22, von seinem Flügelpartner Werner arg im Stich gelassen bei der Absicherung der rechten Seite. Resultat war eine gewaschene Standpauke, die man in dieser Deutlichkeit nur selten auf großer Bühne sieht.

Und es gibt durchaus Anlass zur Hoffnung, dass die Boyband noch weiteren Zuwachs bekommt und zu einem echten Männergesangsverein anwächst. Nico Schulz, 25, und Niklas Süle, 23, haben Eindruck hinterlassen und nicht zu vergessen Matthias Ginter, 24. Der Angestellte von Borussia Mönchengladbach hat sich als ein Sachbearbeiter und nicht Selbstdarsteller wie andere in der Defensive mit sehr starken Darbietungen für weitere Aufgaben empfohlen. Bliebe noch Julian Draxler. Der wäre zu gerne Anführer dieser neuen deutschen Spielergeneration. Dummerweise halten seine Leistungen bislang noch nicht mit seinem Ego Schritt. Aber auch das kann ja noch werden. Er ist ja schließlich auch „erst“ 25.

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