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Champions League 2021/2022: Kevin de Bruyne ist der weltbeste Fußballer, der kein Weltfußballer ist

Kevin de Bruyne : Der weltbeste Fußballer, der kein Weltfußballer ist

Im Rampenlicht stehen Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, doch Manchester Citys Kevin de Bruyne gilt vielen als leiser Superstar der Szene. Was ihn ausmacht und was Star-Trainer Pep Guardiola über den Belgier sagt.

Als Gelegenheits-Double von Prinz Harry (37) kann er seit geraumer Zeit nicht mehr auftreten. Dafür hat sich der Duke of Sussex einen zu heftigen Wikinger-Bart ins Gesicht gepflanzt, und auch der rötliche Haarschopf lichtet sich im Bereich des Hinterkopfs bedenklich. Kevin De Bruyne (30) dagegen verfügt noch immer über volles Haar, und so heftig wie bei Harry sprießt der Bart nicht auf den Wangen, die in Gesprächen immer noch zur zarten Errötung neigen. Wie der Spross des Hauses Windsor aber ist der belgische Fußballer ein Weltstar, „weltweit einzigartig, auf seiner Position nicht zu stoppen“, wie sein Trainer Pep Guardiola unlängst schwärmte.

Mit Manchester City unternimmt er im Halbfinale gegen Real Madrid (Hinspiel am Dienstag, 21 Uhr) den nächsten Anlauf auf den Sieg in der Champions League. Das ist der Titel, auf den die Eigentümer und vor allem die City Football Group aus Abu Dhabi als Mehrheitseigentümer seit Jahren scharf sind und für den sie Abermillionen ins Team stecken. Im vergangenen Jahr zerschellten die Träume von ManCity im Endspiel am FC Chelsea im Allgemeinen und am furchteinflößenden Körper des deutschen Nationalverteidigers Antonio Rüdiger im Besonderen. De Bruyne zog sich bei einem heftigen Aufprall einen Augenhöhlen- und Nasenbeinbruch zu. Er musste nach einer Stunde ausgewechselt werden, sein Team unterlag mit 0:1.

Doch ManCity hält sich für stark genug, dieses Missgeschick zu korrigieren. De Bruyne spielt dabei die wesentliche Rolle. Er hat die Fähigkeit, auf dem Platz mit einer bemerkenswerten Ruhe und Weitsicht zu agieren, das Tempo zu variieren, dem Spiel Struktur zu verleihen. Spielsituationen ahnt er einige Züge voraus, er ist gedanklich immer schon weiter als Mitspieler und Gegner, schlägt sehr häufig den vorletzten, aber entscheidenden Pass, gibt Vorlagen, die nur noch zu verwerten sind, und er trifft selbst. Ein nahezu perfekter Spieler, was nicht nur Guardiola findet. „Er ist einer, wie es Xavi, Andrea Pirlo und Andres Iniesta in ihren besten Zeiten waren“, sagte der Coach, „man muss ihm einfach den Ball geben, dann kommt es gut.“ Wie gut, erfuhr neulich der heiß verabscheute Lokalrivale United. Beim 4:1-Erfolg von City erzielte De Bruyne zwei Treffer, einen legte er auf. Paul Scholes, Teil der großen United-Mannschaft von Sir Alex Ferguson und übrigens ebenfalls rothaarig, stellte tief getroffen fest: „Er ist der beste Mittelfeldspieler der Welt. Da kann ihm keiner das Wasser reichen.“

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Das ist gut möglich. Gleich sechsmal wurde er deshalb beim „Ballon d’Or“, der Wahl zum besten Spieler, nominiert. Ganz oben stand er nie. Das hat auch damit zu tun, dass De Bruyne auf dem Feld zwar alles kann, aber neben dem Platz ein ganz ruhiger Vertreter ist. Er spricht nicht viel, branchenübliche Selbstanpreisung ist so wenig sein Ding wie ausgiebige Tätowierung des gesamten Körpers – wodurch er sich schon in zweierlei Hinsicht von den Mitbewerbern unterscheidet.

Am Arbeitsplatz aber wird der Mann mit dem zarten Gesicht, der immer so aussieht, als sei er vom strengen Klassenlehrer gerade beim Abschreiben ertappt worden, zu einem Siegertyp. Und er ist dort auch ziemlich gesprächig. Mitspieler erfahren beizeiten ihre Fehler, und wenn es mal nicht schnell genug geht, kann der nette Herr De Bruyne ganz schön aus der Haut fahren. Das wird ein Frankfurter Balljunge sicher bezeugen, der vor sieben Jahren, als der Belgier mit großem Erfolg für Wolfsburg in der Bundesliga kickte, das Spielgerät nicht schnell genug herausgeben wollte. „Give me the ball, motherfucker!“, brüllte De Bruyne gar nicht fein. Der DFB belohnte den Ausflug in die englische Schimpfwort-Unkultur mit einer Geldstrafe in Höhe von 20.000 Euro.

Weitere Entgleisungen sind allerdings nicht bekannt. Kevin De Bruyne beschäftigt sich auf dem Platz lieber mit gewinnträchtigen Strategien, und bei einem seiner wenigen ausführlichen Interviews bekannte er im Gespräch mit dem Magazin „Socrates“: „Auf dem Rasen will ich Spaß haben. Egal, was passiert, ich habe die Gabe, alles zu relativieren.“ Deshalb fällt die Aufgeregtheit, die ihn außerhalb seiner Bühne so augenfällig beschleicht, beim Spiel einfach von ihm ab.

Zu einem Mangel an Ehrgeiz führt das aber nicht. „Wenn es geht, würde ich am liebsten alles gleichzeitig gewinnen“, sagte er, „um in die Geschichte einzugehen.“ So ein großes Wort leistet er sich von Zeit zu Zeit.

In die Geschichte ist er schon jetzt eingegangen, unter anderem als WM-Dritter mit dem dauerhaften Geheimfavoriten Belgien, als dreimaliger englischer Meister mit ManCity oder als DFB-Pokalgewinner mit dem VfL Wolfsburg. Vor allem aber als „Spieler mit einer großen Vision“, wie sein Nationaltrainer Roberto Martínez erklärte. Zu so einer großen Begabung würde die Krone der Champions League natürlich passen. Vielleicht wird es dann ja mal was bei der Abstimmung zum „Ballon d’Or“. Ganz ohne Selbstdarstellung im weltumspannenden Netz, ohne Tattoos, ohne Blingbling.