Supercup 2019: Borussia Dortmund untermauert mit Sieg gegen FC Bayern München Titel-Ansprüche

Sieg im Supercup : Dortmund untermauert Titel-Ansprüche

Der BVB hat mit dem Supercup den ersten Titel der Saison geholt. Spätestens jetzt weiß Meister Bayern München, dass es eng wird in der Liga.

Joshua Kimmich hatte sich so richtig in Rage gekickt. Und weil er die Bemühungen seiner Kollegen von Bayern München um vernünftige Aktionen im Spiel um den Supercup beim großen Rivalen Borussia Dortmund so gar nicht mehr mitansehen wollte, gab er den Ball einfach nicht mehr her. Die halbe Dortmunder Mannschaft umkurvte er Mitte der zweiten Halbzeit bei einem Lauf nach vorn. Schließlich umkurvte er allerdings auch noch den BVB-Torwart Marwin Hitz und anschließend die Möglichkeit, den Ball auf oder ins Tor oder wenigstens zu einem Mitspieler zu bringen. Zwei Minuten nach diesem im Nichts endenden Auftritt erzielte der Dortmunder Stürmer Jadon Sancho das 2:0, den Endstand in diesem ersten Pflichtspiel der Fußball-Saison.

Und da hatte Kimmich dann endgültig genug. Als es ihm bei einem Einwurf nicht schnell genug gehen konnte, trat er dem leise verzögernden Sancho tüchtig auf den Fuß. Schiedsrichter Daniel Siebert ließ selbst nach Rücksprache mit dem Video-Assistenten im Kölner Keller Gnade vor Recht ergehen. Kimmich kam mit Gelb davon.So richtig beruhigen konnte das den deutschen Nationalspieler nicht. Weil er gerade ordentlich auf dem Baum war, redete er auch das Spiel um den Supercup in Grund und Boden. „Es war ein Spiel auf nicht so hohem Niveau, in der ersten Halbzeit war es ganz schwach. Dortmund hat uns viele Fehler angeboten, das Problem war, dass wir noch mehr gemacht haben“, sagte er. Das ist nur teilweise die Wahrheit über den Auftritt der beiden besten deutschen Mannschaften vor 81.000 Zuschauern im ehemaligen Dortmunder Westfalenstadion. Phasenweise war es nämlich sehr unterhaltsam, was Dortmund und Bayern boten, und es war manchmal ziemlich Zug in der Begegnung. Dass es auch tüchtig Fehler zu bestaunen gab, gehört vielleicht zur frühen Phase der Saison.

Vielleicht, und das wird Kimmichs Ärger dann wieder verständlich machen, gehört es auch zu einem Schuss Leichtfertigkeit, der sich gelegentlich in das Spiel des deutschen Meisters begab. Eigentlich war er von Anfang an zu besichtigen. Schon mit seiner ersten Ballberührung lieferte der ziemlich hölzern herumstolzierende vermeintliche Münchner Abwehrchef Niklas Süle so etwas wie den Entwurf des Spiels. Er verdaddelte an der Mittellinie den Ball, Dortmund zog in Gestalt von Raphael Guerreiro davon, und nur weil Torwart Manuel Neuer mit einer Weltklasse-Parade den Schuss von Marco Reus am Überschreiten der Torlinie hinderte, ging Dortmund nicht schon in der ersten Minute in Führung.

Ein derartiger Schnitzer unterlief in der Folge Jerome Boateng, der dennoch eine Art Führungsanspruch in der Mannschaft unterstrich, die er nach Meinung des Präsidenten Uli Hoeneß schon vor ein, zwei Monaten eigentlich verlassen sollte. Und solche Schnitzer unterliefen vor allem Thiago, einem der ballsichersten Spieler auf dem Planeten. Dortmunds Trainer Lucien Favre aber hatte, wohl weil er einst selbst ein Feingeist auf dem Platz war, Thiagos Hang zur übertriebenen Schönheit im Spielaufbau erkannt. Deshalb wies er seinen Kapitän Marco Reus an, den Spanier bei jedem Passversuch zu attackieren. Das war ein goldenes, ein spielentscheidendes Rezept. Dem ersten Tor von Paco Alcácer ging Thiagos Ballverlust im Aufbauspiel voraus, Sanchos entscheidendem Treffer Thiagos viel zu leichtfertiger Doppelpass-Versuch im Angriff. Wahrscheinlich war Kimmich deshalb so sauer.

Dem überwiegend auf Dortmunder Seite stehenden Publikum gefiel das natürlich, weil ihr BVB sich auch gegen wütendere bayerische Attacken tapfer schadlos hielt. „Wir haben gut verteidigt“, befand Sportdirektor Michael Zorc. Und Sebastian Kehl, seit einem Jahr Leiter der Lizenzspielerabteilung, versicherte: „Wir nehmen den Titel gern mit, weil er uns helfen wird, Schwung bringt und die Euphorie trägt.“ Und natürlich gibt er Anlass, sich endgültig und mit dem Recht der Statistik in der Rolle des erklärten Bayern-Herausforderers einzurichten.

Auf dem Weg zu den großen Zielen hat Favre vor allem mehr defensive Stabilität verlangt. „Wir müssen weniger Gegentore bekommen“, hat er gesagt. Weniger als keines wie im Supercup werden ihm seine Spieler nicht anbieten können. Deshalb fand der Schweizer die Vorstellung „schon okay“. Er hatte aber auch nicht übersehen, was Kimmich auf dem Platz festgestellt hatte. Die Dortmunder Gegentorlosigkeit hatte auch mit bayerischer Schlamperei zu tun.

Dortmunds Marco Reus reckt den Supercup in die Höhe und feiert mit dem Team den ersten Titel der neuen Saison. Foto: AP/Martin Meissner

Es fehlte im Dortmunder Abwehrspiel der ordnende Geist, den der Verein in Mats Hummels verpflichtet zu haben glaubt. Der teuerste Zukauf der Sommerpause verzichtete wegen eines „Ziehens, das er gespürt hat“ (Zorc), auf einen Einsatz. Sein fußballerischer Geist schwebte in diesem Spiel aber über den Wassern, wenn man so will. Dortmund fehlte er als Autorität, die sein Vertreter auf Erden, der eher schlichte Fußballer Ömer Toprak, einfach nicht sein kann. Er fehlte Dortmund auch als kreativer Spieleröffner aus der Tiefe des Raumes, da knirschte es doch beachtlich. Und (schöne Ironie): Er fehlte auch den Münchnern. Besser vielleicht: Einer wie er fehlte den Münchnern, deren Spiel zu stereotyp aus der Deckung immer über Thiago lief. Süle hatte aus der Abwehr wenig Kreatives zu bieten. Boateng gab dem Spiel schon mal Tiefe. Aber die Wirkung des späten Hummels bei den Bayern im Frühjahr 2019 erreichte er nicht. Vielleicht dachten die Münchner Führungsherren Karl-Heinz Rummenigge und Hoeneß auf der Tribüne solche Gedanken. Sehr glücklich sahen sie jedenfalls nicht aus. Und dass ihr Aufgebot für große Ansprüche viel zu knapp besetzt ist, wissen sie bestimmt nicht erst seit Samstag. Seither wissen sie es aber noch besser.

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