Berliner Republik: Die große Angst der populären Politiker

Berliner Republik : Die große Angst der populären Politiker

Seit David McAllisters Absturz gilt: Popularität ist keine Garantie für Wahlsiege. Nun macht sich auch die Bundeskanzlerin Sorgen. Muss sie etwa auf Inhalte setzen?

Es sind naturgemäß die im Volk eher mäßig angesehenen Politiker, die den alten Satz von Norbert Blüm zitieren: "Wer in die Politik geht, um beliebt zu werden, hat seinen Beruf verfehlt." FDP-Minister Guido Westerwelle betont gerne, dass es ihm nie um Beliebtheit gehe, sondern nur um die richtige Politik. In Wahrheit gehört der Liberale zu jenen Spitzenpolitikern, die sich die Beliebtheitsranglisten der Demoskopen täglich auf den Tisch legen lassen und akribisch analysieren.

Politiker wollen, da sind sie ganz Mensch, gemocht werden. Popularität bedeutet Einfluss. Schon Roms Staatsmann Julius Cäsar organisierte prachtvolle Gladiatorenwettkämpfe, um die Untertanen zu becircen. Eine Revolution gegen einen Volkstribun ist eben selten. Ins politische Heute übersetzt, heißt das: Popularität gewinnt Wahlen.

Nach der Niedersachsen-Wahl sind sich die Beobachter da aber nicht mehr so sicher. Zwei Drittel der Wähler fanden CDU-Regierungschef David McAllister sympathisch. Und doch wurde er vom braven SPD-Technokraten Stephan Weil abgelöst, der im Schlepptau auch noch die Popularitätsbremse Peer Steinbrück hatte. Die Wahlforscher betonen nun, dass es eben auf die Inhalte ankomme. Themen wie Studiengebühren und Tierschutz hätten Rot-Grün die entscheidenden Stimmen gebracht. Das lässt die Strategen im Kanzleramt aufhorchen. Immerhin ist Bundeskanzlerin Angela Merkel die beliebteste Politikerin der Republik. Ihre persönlichen Zustimmungswerte liegen bei soliden 60 Prozent. Dabei kommt die CDU "nur" auf 39 Prozent. Die Kluft zwischen Merkels persönlichem Kultstatus und der Zustimmung zu ihrer Partei kann Merkel die Macht kosten. Bei der Bundestagswahl werden Parteien, nicht Personen gewählt. Alleine auf Merkel zu setzen, birgt ein Risiko.

Jetzt wollen die Konservativen im Wahlkampf auch "inhaltliche Kernbotschaften" transportieren, heißt es. Auf den Plakaten soll nicht nur Merkel zu sehen sein. Die Opposition hat es da leichter. Bei der SPD ist ein personalisierter Wahlkampf ohnehin perdu, seit dem die Fettnäpfchen-Suchmaschine Peer Steinbrück Kanzlerkandidat ist. Seit Wochen versteckt die SPD ihn hinter programmatischen Initiativen und Positionspapieren. Ähnlich die Grünen: Jürgen Trittin und Claudia Roth sind nicht gerade Deutschlands Darlings. Also lieber Plakate mit bunten Windrädern oder Sonnenblumen. Diese Entwicklung könnte auch die FDP retten. Deren Spitzenkräfte Philipp Rösler und Rainer Brüderle sind fast schon tabu. "Auf die Inhalte kommt es an", dürfte zum liberalen Motto werden.

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(brö)