Sat 1 Serie „Über Geld spricht man doch!“ Promis in der Armutsfalle – eine Warnung für die anderen

Meinung | Düsseldorf · Vom Millionär zum Bürgergeldempfänger: Torwart-Legende Eike Immel gibt im Fernsehen Einblicke in seinen Alltag als finanziell Abgestürzter. Auch Cora Schumacher fürchtet die Altersarmut, lebt aber noch immer recht luxuriös. Zu viel Mitleid mit den beiden ist fehl am Platz – eine wichtige Botschaft gibt es trotzdem.

Julia Rathcke
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Über Geld spricht man doch: Cora Schumacher (47) in der gleichnamigen TV-Sendung beim Einkaufen.

Über Geld spricht man doch: Cora Schumacher (47) in der gleichnamigen TV-Sendung beim Einkaufen.

Foto: obs/SAT.1

Eike Immel schiebt seinen Einkaufswagen durch die Discountergänge. Unscheinbar sieht er aus, blaue Steppjacke an und Lesebrille auf, in Jeans und Pullover gekleidet; höchstens das Kamerateam um ihn herum könnte daraufhin deuten, dass der Mann mit dem grau melierten Meckischnitt einmal berühmt war. „Da ist der Eistee, den ich so gerne trinke“, sagt Torwartlegende Immel, packt zwei Tetrapacks in den Wagen und wirkt stolz, dass er hier nur 1,39 Euro pro Stück zahlt statt vier Euro an der Tankstelle. „Aber das wäre ja auch dumm, den da zu kaufen“, betont er – und lässt die Szenerie für einen Moment normal wirken.

An vielen anderen Stellen der neuen Staffel der Sat 1-Serie „Über Geld redet man doch!“ scheinen die Dimensionen jedoch verschoben, einige den Bezug zur Realität zumindest zeitweise verloren zu haben. Es geht um Menschen mit finanziellen Problemen, um Prominente und Normalos, um Spekulationen und Schulden, falsche Entscheidungen und Zukunftsängste. Die Sozialreportage-Reihe läuft nicht zufällig zur Primetime in einer Zeit, in der Inflation, steigende Energie- und Lebensmittelpreise inzwischen die Mitte der Gesellschaft treffen. Sie ist aber auch deshalb für viele interessant, weil sie ein sehr deutsches Tabu bricht: Über ganz persönliche Finanzen zu sprechen.

Die Angaben der Personen lassen sich nicht unabhängig prüfen, aber besonders bei den prominenten Teilnehmenden der Sendung wie Eike Immel und Cora Schumacher wäre fraglich, ob sich jemand bewusst die Blöße gäbe, wenn es gar nicht stimmt. Deshalb verlangt es zunächst einmal Respekt ab, einen ehemals so erfolgreichen Nationaltorwart auf seinem vermeintlichen Tiefpunkt erleben zu können. Er lässt das sehr offen zu, wirkt dabei reumütig geläutert, aber auch gefasst. „Wie Gott in Frankreich habe ich gelebt“, berichtet Immel, als Spieler beim BVB habe er durch Sponsorenverträge und Prämien bis zu 400.000 Mark netto verdient. „Meinem Manager habe ich gesagt: Das Wichtigste ist, dass ich immer 20.000 Mark in der Tasche habe und mein Porsche Turbo fahrbereit vor der Tür steht.“ Unmengen an Geld habe er für Klamotten ausgegeben, 3000 Mark für Versace-Hemden, 27.000 Mark für Geschenke von Prada, Gucci, Cartier für neue Freundinnen. „In St. Tropez habe ich 50 Mark für einen Kaffee gezahlt, weil das Frühstück so teuer war, ich aber gar nichts essen wollte“, sagt Immel, „war alles egal“.

Vom Millionär zum Tellerwäscher beschreibt er sein eigenes Schicksal, das auch genauso andere treffen kann: Früh und viel Geld verdient, nie damit umgehen gelernt, falsche Berater getroffen, Fehlinvestitionen gemacht. Es folgten enorme Forderungen vom Finanzamt, Gerichtsvollzieherbesuche, Schulden, die Scheidung, eine Unterhaltsklage – und 2008 schließlich die Privatinsolvenz. Heute bezieht der einstige Bundesliga-Rekordspieler Bürgergeld, lebt von 480 Euro im Monat, geschenkten Möbeln und Freunden, die seine Handyrechnung zahlen. „Ich habe zu wenig an später gedacht“, sagt der 63-Jährige heute.

Bei Cora Schumacher (47) scheint das noch nicht zu spät. Im Gegensatz zum Fußballer hat sie schon als Kind lernen müssen, was es heißt, zu arbeiten und Geld zu verdienen. So beschreibt sie es in der Sendung: „Wenn andere Kinder in den Ferien verreist sind, habe ich an der Tankstelle meiner Eltern geholfen“, erzählt die gebürtige Düsseldorferin. Statt einer schlecht bezahlten Ausbildung habe sie sich nach der Schule direkt um einen gut bezahlten Job bemüht, dann als Filialleiterin einer Modekette in Köln gearbeitet – bis sie „leider weggeheiratet wurde“. An der Seite von Formel 1-Rennfahrer Ralf Schumacher habe sie keine Geldsorgen gehabt – jetzt schon. Abgesehen von ihrem angeblich unfreiwilligen Leben in der Öffentlichkeit ein häufiges Schicksal von Frauen mit besser verdienenden Männern: Angst vor der Altersarmut, wenn die Beziehung oder Ehe scheitert.

Am Existenzminimum lebt Cora Schumacher aber wohl nicht: Monatlich zahle sie sich von ihrem Vermögen 10.000 Euro aus, „aber nicht, um sie auf der Kö spazieren zu tragen“, sagt sie in der Sendung. Davon ab gingen 4800 Euro Hauskredit, Nebenkosten von rund 925 Euro, außerdem Versicherungen, Strom und Fixkosten wie 500 Euro für die Auto-Leasingrate, Handy- und Streaminggebühren sowie Besuche im Beautysalon für gut 700 Euro im Monat. 2006 Euro blieben ihr der Rechnung nach zum Leben übrig – sie arbeite deshalb auch immer weiter. Momentan lebe sie von Einnahmen aus Funk und Fernsehen.

Zu großes Mitleid ist weder für die Ex-Frau des Rennfahrers noch für den früheren Nationaltorwart angebracht. Beide sind auf ihre Weise zu Geldmengen gekommen, von denen Normalverdiener nur träumen können. Beide scheinen nicht für die Zukunft vorgesorgt zu haben, aus Unwissen oder Unbekümmerheit. Dass Eike Immel nach eigenen Angaben gut 20 Millionen Euro Steuern eingezahlt hat, berechtigt ihn weder mehr noch weniger dazu, staatliche Unterstützung zu erhalten. 3,9 Millionen Bürgergeldempfänger müssen mit genauso viel Geld auskommen wie der einstige Millionär – ohne je so privilegiert gewesen zu sein wie er. „Natürlich ist es schöner, du kannst dir alles kaufen“, sagt der 63-Jährige, während er sich in der Sendung ein Paar Schuhe im Discounter kauft. Das viele Geld ausgeben, das habe wohl aber auch etwas mit Mangel an Selbstvertrauen zu tun, sagt Immel und spannt damit ungewollt den Bogen zu Cora Schumacher. Die lässt sich vom Kamerateam zu ihrer Schönheitsbehandlung beim Friseur begleiten. Kostenpunkt: 385 Euro.

(jra)
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