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Bruttoinlandsprodukt Ende 2021 geschrumpft: Warten auf den Aufschwung

Bruttoinlandsprodukt im Winter geschrumpft : Banges Warten auf den Aufschwung 2022

Die deutsche Wirtschaft ist im zweiten Corona-Jahr 2021 zwar um stattliche 2,7 Prozent gewachsen – das ist aber deutlich weniger, als vor einem Jahr erwartet worden war. Lieferengpässe und Omikron-Welle ließen die Wirtschaft im Winter schrumpfen, der Aufschwung lässt auf sich warten. Er soll nun ab Frühjahr kommen – aber die Konjunkturlage bleibt wackelig und unsicher.

Trotz der Lieferprobleme der Industrie und der anhaltenden Corona-Pandemie ist die deutsche Wirtschaft im vergangenen Jahr mit 2,7 Prozent spürbar gewachsen. Dies ist zwar der stärkste Anstieg des Bruttoinlandsprodukts (BIP) seit 2017, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag mit. Doch konnte die Wirtschaft nur einen Teil der Rezession aus dem ersten Corona-Jahr 2020 wieder wettmachen, als die Konjunktur um 4,6 Prozent eingebrochen war. Das BIP liegt heute noch zwei Prozent unter dem Niveau des Vorkrisenjahres 2019.

Zudem zeigt sich, wie anfällig der Aufschwung noch ist: Ende 2021 schrumpfte die Wirtschaft wegen der Omikron-Welle und weiterer Einschränkungen erneut. In diesem Jahr soll es nun stärker bergauf gehen - wenn nicht Omikron für noch größere Einbußen sorgt als befürchtet.

Die Exportnation Deutschland hinkt beim Wachstum den anderen Euro-Schwergewichten zwar deutlich hinterher. So geht die EU-Kommission in ihrer jüngsten Prognose davon aus, dass Frankreich (plus 6,5 Prozent), Italien (6,2 Prozent) und Spanien (4,6 Prozent) im Vorjahr teilweise mehr als doppelt so stark zugelegt haben. Allerdings sind diese Länder in der Rezession 2020 konjunkturell auch viel massiver unter die Räder gekommen.

Das Wachstum wäre ohne den geschäftlichen Erfolg von BioNTech mit seinem Covid-19-Impfstoff eine Nummer kleiner ausgefallen. Etwa 0,5 Prozentpunkte dürfte die mittlerweile weltbekannte Mainzer Firma 2021 zum BIP beigesteuert haben, schätzen sowohl das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) als auch das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW). „Es gibt einen deutlichen BioNTech-Effekt“, sagte IMK-Experte Sebastian Dullien. „Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ein einzelnes deutsches Unternehmen jemals so stark zum Wachstum beigetragen hat.“

 Der Kampf gegen die Pandemie riss das zweite Jahr in Folge ein tiefes Loch in die deutsche Staatskasse. Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherung nahmen zusammen rund 154 Milliarden Euro weniger ein als sie ausgaben. Dies ist das zweithöchste Defizit seit der Wiedervereinigung und entspricht 4,3 Prozent des BIP.

Im vergangenen Jahr belasteten Lieferengpässe, gestiegene Preise bei Rohstoffen und Energie sowie die allgemein hohe Inflation Firmen und Verbraucher. Die dritte und vierte Corona-Welle dämpften Handel, Tourismus sowie Gastgewerbe und verhinderten eine schnellere Erholung.

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Ende vergangenen Jahres forderte die vierte Corona-Welle mit weiteren Gegenmaßnahmen erneut Tribut: Die Wirtschaft sei zwischen Oktober und Dezember zum Vorquartal um 0,5 bis 1,0 Prozent geschrumpft, erklärte das Statistikamt. „Offenbar hat der Corona-bedingte Einbruch bei den Dienstleistungen das sich abzeichnende leichte Plus in der Industrie überkompensiert“, sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. „Für das erste Quartal 2022 erwarten wir wegen der Omikron-Variante ein weiteres Minus.“

Danach dürfte sich die Wirtschaft stark erholen und im Gesamtjahr drei Prozent wachsen. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) erklärte: „Wir rechnen damit, dass das Wachstum und die Erholung sich in den nächsten Quartalen gegenüber den Prognosen verlangsamt, aber nach hinten raus dann höher wird.“

Die Konjunktur steht und fällt mit dem Pandemieverlauf. „Mit der aktuellen Omikron-Virus-Welle steht der wirtschaftliche Jahresanfang 2022 unter keinen guten Vorzeichen“, erklärte Christoph Swonke von der DZ Bank. Während der Industrieverband BDI dieses Jahr mit 3,5 Prozent Wachstum rechnet, erwartet das IMK-Institut sogar ein Plus von 4,5 Prozent. „Zu einem guten Wachstumsjahr wird 2022 nur dann, wenn die Corona-Pandemie und der extreme Materialmangel nachlassen“, betonte Chefökonom Alexander Krüger von der Privatbank Hauck Aufhäuser Lampe. Es bleibe zu hoffen, dass der Inflationsanstieg auf zuletzt 5,3 Prozent die Verbraucher nicht stärker verunsichere.

„Die wirtschaftliche Erholung 2021 war enttäuschend, auch weil es noch immer nicht gelungen ist, die Pandemie in den Griff zu bekommen“, sagte Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), unserer Redaktion. „Die deutsche Wirtschaft befindet sich in einer prekären Situation, sie ist wohl im vierten Quartal geschrumpft und könnte auch jetzt im ersten Quartal schrumpfen, wenn die Inzidenzzahlen sich weiter so entwickeln und viele Menschen in den Krankenstand oder in die Quarantäne zwingen. Ich halte es für sehr unwahrscheinlich, dass die Bundesregierung 2023 wieder die Schuldenbremse wird einhalten können.“

(rtr/mar)