Kolumne "Himmel & Erde" von Wesels Superintendent Thomas Brödenfeld

Kolumne „Himmel & Erde“ : Es lohnt sich, den November anzunehmen

Der vorletzte Monat dieses Jahres ist angebrochen. Nach den Zeiten des langen und heißen Sommers spüren wir nun die Kraft des Herbstes und des bevorstehenden Winters.

Für viele Menschen ist der November ein unbeliebter Monat. Zu grau und zu melancholisch. Die Bäume verlieren ihre Blätter, alles atmet Endlichkeit und Vergänglichkeit. Die Gedenktage des Monats November tun ihr Übriges, um sich gedanklich schon auf den Dezember mit seinen strahlenden Advents- und Weihnachtstagen zu freuen. Allerheiligen, Volkstrauertag und Toten- bzw. Ewigkeitssonntag verheißen eher Trübsal als Freude. Eine Gesellschaft, die sich immer stärker der Zerstreuung und Oberflächlichkeit verschreibt, kann der Botschaft dieser Gedenktage immer weniger abgewinnen. Und dennoch lohnt es sich, den November nicht nur auszuhalten, sondern in ihm auch so etwas wie eine verborgene Perle im Jahreskreislauf zu entdecken.

Im November mit seinen stillen Feiertagen können wir unser eigenes Leben wie in einem Spiegel wahrnehmen. Es geht um Lachen und Weinen, Schuld und Vergebung, Leben und Tod. Alles gehört zusammen, nichts kann ohne das andere sein. Aushalten, was misslungen ist, annehmen, was zu Ende geht, darauf vertrauen, dass es kein Ende ohne einen neuen Anfang gibt, alles das ist November. Durch das Grau der Tage das kommende Licht erhoffen und erahnen, das ist christliches Bekennen gegen den Augenschein. Der November ist geprägt vom Abschiednehmen und Loslassen. Wir gedenken im November auch unserer Verstorbenen. An den Gräbern, in unseren Kirchen. Vergangener Schmerz wird wieder spürbar. Wer diesen Schmerz zulässt und aushält, erfährt, dass er davon verwandelt wird. In der Begegnung mit dem Leid, dem persönlichen und dem Leid anderer Menschen, wachse ich über mich hinaus.

Nichts ist ohne Sinn und Bedeutung. Das heißt auch: keine Zumutung ohne Ermutigung. Es lohnt sich, den November anzunehmen. Ihn Tag für Tag bewusst zu leben und sich überraschen zu lassen. Ich freue mich über das Geschenk der stillen Tage in diesem Monat und ich entdecke in ihnen die Güte und Barmherzigkeit unseres treuen Gottes.

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