1. NRW
  2. Städte
  3. Grevenbroich

Kolumne aus dem Kloster Langwaden: Was es bedeutet, Verwundbarkeit anzunehmen​

Kolumne aus dem Kloster Langwaden : Die Verwundbarkeit annehmen

Durch die großen Krisenthemen merken wir unsere Verwundbarkeit. Eine Möglichkeit, innere Stabilität zu entwickeln, könne der Glaube sein, meint unser Kolumnist, Prior Bruno Robeck aus dem Kloster Langwaden.

Auch wenn der kommende Donnerstag von vielen als „Vatertag“ bezeichnet wird, hat er doch seinen Ursprung in der Osterzeit. Am fünften Donnerstag nach Ostern feiern wir in der Kirche Christi Himmelfahrt. Die Osterzeit geht dann noch neun Tage weiter. Bis Pfingsten steht die Osterkerze als „Eyecatcher“ unübersehbar in unserer Klosterkapelle. Sie ist reich verziert. Besonders fallen fünf verzierte Nägel auf, die an die Wundmale Jesu am Kreuz erinnern. Ohne Wunden ist der auferstandene Jesus nicht vorstellbar. Und ohne Wundmale stellt er sich den Seinen nie vor.

In diesem Zusammenhang fragt auch der Apostel Thomas nach den Wundmalen Jesu. Thomas geht gleich ans „Eingemachte“. Er hat keine Scheu und keine Berührungsangst, den Dingen auf den Grund zu gehen. In meinen Augen ist er nicht ungläubig, sondern sehr mutig, denn er verschließt seine Augen nicht vor den Verwundungen Jesu. Der Blick auf die Wunden Jesu wird auch seine eigenen inneren Wunden aufreißen lassen. Er hat schließlich mit den anderen Jüngern Jesus in seinem Leiden allein gelassen.

  • Pater Bruno Robeck, Prior im Zisterzienser-Kloster
    Spiritueller Zwischenruf : Lebenskraft und Stärke
  • Bruno Robeck ist Prior der Zisterziensermönche
    Kolumne Spiritueller Zwischenruf : Nach welchen Träumen leben wir?
  • „Die Passion“ auf RTL : So grell und bunt war die Passionsgeschichte noch nie

Thomas stellt sich seiner schwierigen Geschichte. Er nimmt die Verwundbarkeit an. Er erfährt, dass Wunden heilen können und dass Leiden gewandelt werden kann, wie es der christliche Osterglaube ausdrückt. „Ich hielt mich für unverwundbar.“ Dieses Gefühl, das hinter der Überschrift eines Zeitschriftenartikels steckt, haben wohl viele Menschen gehabt, bis die Corona-Pandemie, der Ukrainekrieg oder die Themen des Klimawandels sie eingeholt haben.

Wir sind nicht unverwundbar, wir waren es auch noch nie. Wahrscheinlich hatten wir bis jetzt nur einen guten Panzer angelegt, der nicht nur körperliche Krankheiten gut abwehrte, sondern auch emotionale Betroffenheit von uns fernhielt.

Durch die drei großen Krisenthemen merken wir die körperliche und seelische Anfälligkeit. Die diesjährige Jugendstudie hat die besonders hohe Belastung für die Kinder und Jugendlichen herausgearbeitet. Gerade sie müssen Unterstützung und Beistand erfahren. Diese Hilfe könnten sie idealerweise von ihren nächsten Bezugspersonen wie Eltern oder Lehrerinnen und Lehrern erfahren. Kritisch wird es, wenn diese selbst alle Kräfte dafür einsetzen müssen, um Halt für sich zu finden.

Eine Möglichkeit, eine innere Stabilität zu entwickeln, kann der Glaube sein. Er blendet die Verwundbarkeit nicht aus und verherrlicht nicht die Stärke und Unbesiegbarkeit. In Jesus nimmt Gott unsere Verwundbarkeit an. Er begibt sich mit uns auf Augenhöhe. Er zeigt uns, dass wir verwundbar sind und sein dürfen. Im Erfahren der eigenen Verletzlichkeit und im Einlassen auf die Wunden der anderen kann Heilung geschehen. Nicht den Panzer noch härter machen, führt uns zum Leben, sondern ihn abzulegen.

Der Panzer, den jemand trägt, ist nicht ein Ausdruck von Stärke, sondern von Schwäche. Wer einen Panzer anlegt, meint, sich so schützen und der Berührung mit der eigenen Verwundbarkeit entgehen zu können. In Thomas und Jesus begegnen uns zwei Personen mit ihrer verwundeten Lebensgeschichte. Sie finden zueinander und zu einer neuen Perspektive. Diese Erfahrung wünsche ich uns allen.