Prächtiger Mercator-Hondius-Atlas bereichert Niederrheinmuseum Wesel

Kostbare Dauerleihgabe aus Spellen : Prächtiger Atlas bereichert das Museum

Das LVR-Niederrheinmuseum Wesel ist um einen bedeutenden Schatz reicher. Die Kirchengemeinde Spellen stellt einen Kartenband von 1634 als Dauerleihgabe zur Verfügung, der die Bezüge zu den Niederlanden stärkt.

Besucher des LVR-Niederrheinmuseums Wesel dürfen sich auf einen besonderen Neuzugang freuen, der schon in den nächsten Tagen zu sehen sein soll. Es handelt sich um einen Mercator-Hondius-Atlas von 1634, der dem Haus als Dauerleihgabe von der Katholischen Kirchengemeinde St. Peter Spellen zur Verfügung gestellt wird. Direktor Veit Veltzke nahm das kostbare Stück am Dienstag von Pastor Wilhelm Kolks in Empfang. Veltzke sagte, er sei sehr froh und dankbar, weil es sich um die erste niederländische Ausgabe des Kartenwerks handelt. Da für das Niederrheinmuseum die Beziehungen zu den Niederlanden – und damit natürlich auch zu niederländischen Museumsbesuchern – einen hohen Stellenwert genießen, gilt der Foliant als echte Bereicherung. Kolks ist ebenfalls glücklich, kommt der sonst im Tresor verstaute Band doch nun in kompetente Hände, kann wissenschaftlich untersucht, kulturgeschichtlich ausgewertet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Was den Wert des Atlas ausmacht, konnten Veltzke und Kolks bereits farbenfroh und tiefschürfend anreißen. So fußt das Werk wesentlich auf Arbeiten des schon Lebzeiten weltbekannten Kartographen Gerhard Mercator. Als dieser 1594 in Duisburg starb, war sein berühmter Atlas noch gar nicht erschienen. Er kam erst kurz danach heraus und veränderte die Sicht auf die Welt gewaltig. 1604 verkauften die Erben Mercators die Druckplatten des Weltatlas an den Niederländer Jodocus Hondius. Der Kartograph und Verleger fügte eigene Karten hinzu und gab den erweiterten Atlas ab 1606 unter beider Namen heraus. Heute spricht man vom Mercator-Hondius-Atlas. Er erschien in mehreren Auflagen.

Veit  Veltzke (l.) bekam von Wilhelm Kolks den Mercator-Hondius-Atlas als Dauerleihgabe der Kirchengemeinde St. Peter Spellen fürs Niederrheinmuseum Wesel. Foto: Fritz Schubert

Wie der Band von 1634 nun nach Spellen kam, ist nicht ganz klar. Laut Wilhelm Kolks gibt es keine Quittung oder Belege. Bei Arbeiten an seiner „Voerder Chronik“ stieß der Pfarrer auf den 1823 verstorbenen Amtsbruder Reiner van Dooren, der aus Amsterdam gekommen war und dessen „sehr seltene Büchersammlung“ aufgeboten wurde. Der Mercator-Hondius-Atlas könnte dazugehört haben. Aber sicher weiß man es nicht. 1990 jedenfalls war das Werk in Kirchenbesitz und in einem erbarmungswürdigen Zustand. So schlimm, dass es keiner haben wollte. „Es fiel auseinander“, schildert Kolks. Für 10.000 Mark hat es die Gemeinde damals in den Niederlanden restaurieren lassen. Noch immer ist es von Wasserschäden stark fleckig, aber es hat schon bedeutende Erfolge erlebt. Zum Beispiel bei Ausstellungen in Dinslaken und in Voerde. Heute ist Wilhelm Kolks froh, dass Veit Veltzke und seine Mitarbeiter es erschließen können.

Der Atlas selbst besticht zunächst durch seine Ausmaße. In einen Schulranzen passt er nicht zur Hälfte. Unter dem Einband schlummern rund 150 wunderschöne Karten. Mit Textanteil kommt das Werk auf 400 Seiten. Es zeugt von der aufstrebenden Handels- und Militärmacht Niederlande in jenen wirren Jahren. Ansprüche auf Gebiete und Demonstrationen der Stärke werden in zahlreichen Dekorationen ebenso deutlich wie textile Moden, die sich beispielsweise an Darstellungen von Damen ablesen lassen. Aus den Meeren tauchen nicht nur blasende Wale auf, sie werden auch von Schiffen wie der Fleute durchkreuzt, einem damals besonders erfolgreichen Typs niederländischer Bauart.

Aus niederländischer Sicht befinden wir uns im sogenannten Goldenen Zeitalter, aus niederrheinischer vor allem am Beginn des Jülich-Klevischen Erbfolgestreits, der nach dem Tod des Herzogs Johann Wilhelm 1609 zwischen Johann Sigismund von Brandenburg und Philipp Ludwig von Pfalz-Neuburg ausgebrochen war. Interessant ist deshalb, dass in der Ausgabe von 1634 noch eine Karte von 1610 verwendet wird, in dessen Beiwerk das Konterfei des Vertreters Pfalz-Neuburgs nicht mehr auftaucht. Die Niederländer lassen den Katholiken draußen und den protestantischen Brandenburger drin. Damit unterstreichen sie mitten im Dreißigjährigen Krieg die niederländischen Interessen.

Nebenbei sei erwähnt, dass 1629, also vor genau 390 Jahren, die spanische Besatzung Wesels dadurch endete, dass Niederländer mit Hilfe dreier Weseler die Stadt einnehmen konnten. Dass diese Befreiung auf Dauer natürlich auch zulasten der Bevölkerung ging, ist eine andere Geschichte ...