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Interview mit Kalle Wasong: "Eine Amtszeit ist einfach zu kurz"

Nierderkrüchtens Bürgermeister Kalle Wassong tritt erneut an : „Eine Amtszeit ist einfach zu kurz“

Kalle Wassong (parteilos) kandidiert 2020 erneut für das Bürgermeisteramt. Was er noch erreichen will.

Sie sind so gern Bürgermeister in Niederkrüchten, dass Sie bei der Kommunalwahl 2020 erneut antreten wollen. Warum?

Kalle Wassong Es ist die Motivation, die ich immer noch spüre: Ich möchte etwas bewegen in meiner Heimatgemeinde. Ich bin jemand, der gern gestaltet – und als Bürgermeister ist das sehr gut möglich. Ich bin ein guter Netzwerker, mir macht es Spaß, Menschen zusammenzubringen. Außerdem möchte ich einige Dinge, die ich als Bürgermeister begonnen habe, beenden. Dazu reicht eine Amtszeit nicht.

Wann haben Sie sich dazu entschlossen?

Wassong Beim letzten Urlaub mit meiner Frau in Nordirland haben wir darüber gesprochen. Eine solche Entscheidung trifft man nicht allein. Zudem haben mich in den vergangenen Tagen und Wochen immer wieder Mitarbeiter und Bürger gefragt, ob ich erneut kandidiere. Ich habe inzwischen meine Mitarbeiter informiert und gestern den Ältestenrat. Ich finde, rund ein Jahr vor der Kommunalwahl ist ein guter Zeitpunkt.

Nennen Sie ein Beispiel, was Sie als Bürgermeister in Niederküchten verändert haben.

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Wassong Ich habe mich intensiv mit der Verwaltung beschäftigt, das sind 150 Mitarbeiter, 55 engere. In diese Struktur musste ich erst hineinwachsen. Eingeführt wurden etwa eine verpflichtende Führungskräfte-Entwicklung oder regelmäßige Konferenzen. Das wird immer mehr gelebt. Die Verwaltung in Niederkrüchten ist sehr leistungsfähig, das Klima ist gut. Eine der wichtigen Zukunftsaufgaben wird die Digitalisierung sein. Ansonsten wollte ich der Gemeinde zu einer Zukunftsplanung verhelfen. Da sind wir auf einem sehr guten Weg.

Wie hat Sie das Amt verändert? Sind Sie immer Bürgermeister oder auch mal Kalle?

Wassong Meine Frau und Freunde sagen, ich hätte mich nicht sehr verändert. Ich bin als Sozialarbeiter reflektieren gewohnt und habe mir auch ein professionelles Coaching in den vergangenen Jahren gegönnt. Mit der Wahl wurde ich ein öffentlicher Mensch. Auch beim Brötchen holen höre ich: „Gut, dass ich Sie treffe“. Man ist permanent in der Rolle. Außer alle vier Wochen. Da treffe ich mich mit Freunden privat. Dann hat der Bürgermeister Pause.

Viele Bürgermeister sind schon einmal aus der rechten Szene bedroht worden. Sie auch?

Wassong Als wir 2015 zahlreiche Flüchtlinge unterbringen mussten, habe ich auf Kommunikation gesetzt. Aber es gab auch Diskussionen, gerade in den Sozialen Netzwerken, die persönlich und übergriffig waren. Darauf habe ich nicht reagiert. Manche Dinge muss man aushalten. Und ich bin ja nicht von schmächtiger Statur.

Gibt es für einen Bürgermeister ohne Parteibuch mehr Hürden als für ein Parteimitglied?

Wassong Ich habe 2015 behauptet, für den ein oder die andere eine blanke Irritation zu sein. Das ist wohl so eingetreten. Sicherlich bin ich manchmal etwas verhaltensoriginell, habe viele Ideen. Da steht man insbesondere im Fokus der Parteien. Aber auch das kann man aushalten. Beim Häuserwahlkampf habe ich gemerkt, wie positiv viele Menschen auf den Hinweis „Parteilos“ reagiert haben. Das halte ich für die Parteien für bedenklich. Da muss man sich fragen: Wo kommt dieser Verdruss her?

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die kommenden fünf Jahre?

Wassong Rat und Verwaltung haben den „Kompass 2025“ mit den Schwerpunkten Wirtschaft und Wohnen verabschiedet. Die größte Herausforderung für Niederkrüchten wird die Entwicklung des früheren britischen Militärgeländes. Da hoffe ich, dass wir Anfang 2020 Konkreteres dazu sagen können. Für Niederkrüchten und die umliegenden Kommunen ist das eine große Chance, weil es eine der letzten großen, zusammenhängenden Flächen in der Region ist. Aber wir müssen auch die Infrastruktur dafür schaffen. Das ist auch mein Signal an die Bezirksregierung: Wir sind jetzt am Start, wir wollen etwas machen, aber wir brauchen auch die Ressourcen dazu.

Aber in Niederkrüchten fehlen schon jetzt kleine Wohnungen....

Wassong Bis 2035 brauchen wir 1060 Wohnungen. Nötig sind auch mehr als 120 Wohnungen mit Service, die Hälfte schon bis 2022. Wir wollen als Kommune die Entwicklung auf dem Wohnungsmarkt mitsteuern. Das ist eine Riesen-Aufgabe. Aber ich bin sehr optimistisch, dass wir es schaffen. Auch bei Bürgerdialogen wurde immer wieder deutlich, dass die Niederkrüchtener sich mehr Wohnraum wünschen.

Gibt es denn noch Ressourcen?

Wassong Es gibt noch Baulücken und Erweiterungsmöglichkeiten. Die Zinsen sind jetzt niedrig. Warum also nicht jetzt Bauland entwickeln und sein Vermögen anreichern? Niederkrüchten muss aus dem Dornröschen-Schlaf raus. Es wird sich verändern, der Anteil an kleinen Wohnungen wird größer werden.

Welche Möglichkeiten sehen Sie in der interkommunalen Zusammenarbeit?

Wassong Die Westkreis-Bürgermeister – ein Polizist, ein Sozialarbeiter und ein Verwaltungsfachmann – arbeiten sehr gut zusammen. Doch da geht noch einiges mehr, etwa bei der Verwaltung, der Abfallentsorgung oder bei einem gemeinsamen Tourismuskonzept. Auch das Thema Interkommunale Zusammenarbeit in der Bäderfrage braucht eine Lösung. Ich bin  niemand, der vor Dingen laufen geht. Und ich glaube, dass wir dafür eine Lösung finden werden.

Der Klimawandel lässt nicht nur Jugendliche demonstrieren. Wie sieht es damit in Niederkrüchten aus?

Wassong Wir haben das Thema permanent auf dem Schirm, schließlich gibt es im Gemeindegebiet 50 Prozent Wald, jeder Quadratmeter davon ist ökologisch wertvoll. In Arbeitsgruppen beschäftigen wir uns mit dem Thema Artenvielfalt (Biodiversität). Beim ersten Treffen waren mehr als 70 Menschen.

Was werden Sie tun, um Schotter-Vorgärten zu verhindern?

Wassong Ich will niemandem eine Vorschrift auf den Tisch knallen. Ich will vielmehr die Menschen überzeugen. Sie sollen erkennen, wie sie aktiv werden können, um unsere wunderschöne Gegend zu erhalten. Und da helfen auch Projekte wie die jetzt gestarteten „Bunten Felder“, die Blühstreifen in Kooperation mit den Landwirten. Es gibt viele Ansätze, wir sind gut unterwegs. Die Frage nach dem Klimanotstand halte ich für absolut richtig.

Welche drei Dinge halten Sie für die Entwicklung im ländlichen Raum für unverzichtbar?

Wassong Mobilität, Infrastruktur, also die Grundausstattung mit Bildung und Einkaufsmöglichkeiten, sowie die ärztliche Versorgung. Die Zukunft des Einzelhandels ist eine Herausforderung. Wir brauchen eine gute Wirtschaftsförderung, die Kontakt zu den Firmen hält. Und die werden wir bald bekommen. Die Discounter-Versorgung in Elmpt und Niederkrüchten ist gut, dazu kommen die neuen Vollsortimenter. Allerdings mache ich mir keine Illusionen: Eine pittoreske Einkaufsstraße wird es in Niederkrüchten nicht geben. Auch der gastronomische Bereich ist sehr optimierbar. Ich persönlich finde es auch wichtig, Begegnungsorte zu schaffen, damit Menschen nicht einsam werden. Und dabei geht es nicht nur um Ältere und Alte. Und ... Kultur ist unverzichtbar. Deshalb habe ich selbst das Kulturkonzept geschrieben. Und man merkt: Die Leute haben Lust darauf.

Muss Niederkrüchten mehr für den Tourismus tun?

Wassong Wir haben schon einiges erreicht. Aber wir kümmern uns etwa zu wenig um  Reiter und Pferdesportler: In Niederkrüchten gibt es 500 Einstaller. Niederkrüchten soll zwar nicht das Warendorf des Niederrheins werden: aber ein Reitknotenpunkt-System wäre toll. Hier sollten sich alle Grenzkommunen hüben und drüben absprechen. Sie sollten nicht konkurrieren, sondern die jeweils eigenen Stärken betonen.

(busch-/mrö)