Galopp : Konzeptlos in den Tod auf Raten

Analyse Über das Aus für die Neusser Galopprennbahn nach 144 Jahren ließe sich ein (Kriminal-)Roman schreiben. Viele Faktoren, hausgemachte wie externe, haben zu ihrem Untergang geführt. Über die wurde am Ende aber gar nicht mehr gesprochen.

Dick Francis hat 43 Kriminalromane geschrieben, die sich alle um die Welt der Galopper und Zocker drehen – kein Wunder, feierte der Engländer bis zu einem schweren Sturz, der im Jahre 1957 seine Karriere als Jockey beendete, mehr als 350 Siege im Rennsattel. Nach dem Tod des Vaters vor neun Jahren setzt sein Sohn die Familientradition fort.

Vielleicht sollte sich Felix Francis mal mit dem unrühmlichen Ende der Neusser Galopprennbahn beschäftigen. Die Story hat alle Zutaten, die es für einen Thriller braucht. Eine Leiche kommt allerdings nicht vor – bis auf die, die etliche der Beteiligten wohl in ihren Kellern liegen haben.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht Jan Antony Vogel. Der 67-Jährige, der nicht nur vom Äußeren her die Idealbesetzung für die Rolle eines pommerschen Landjunkers in einem Historienfilm wäre, lenkt seit 21 Jahren als Präsident des Neusser Reiter- und Rennvereins die Geschicke der Bahn am Hessentor. Von seinen acht Vorgängern war nur einer länger im Amt – Franz van Endert von 1906 bis 1941 – als der sich stets jovial gebende Jurist, der mal in einer Kanzlei mit Alt-Bürgermeister Herbert Napp und der aktuellen CDU-Fraktionschefin Helga Koenemann saß, bevor er im Frühjahr 2013 auf die Position des Chefmanagers beim Direktorium für Vollblutzucht und Rennen in Köln wechselte.

Eigentlich beste Voraussetzungen, um als strahlender Held aus der Story hervor zu gehen, um am Ende wie jene Kämpfer gegen das Böse, die bei Dick Francis schlimmeres Unheil verhindern, mit Dankesbezeugungen überhäuft zu werden. Das Gegenteil ist der Fall – in dieser Geschichte gibt es nämlich nur Verlierer. Auch auf Seiten von Stadt und Politik, denn wer eine Einrichtung schließt, vor allem eine mit einer 144 Jahre währenden Tradition, kann sich kaum als Gewinner fühlen. Die jetzt von Bürgermeister Reiner Breuer ins Spiel gebrachte Idee eines „Landschaftsparks“ kann ja wohl kaum als großer Wurf gelten – und hätte wahrscheinlich auch unter Einbeziehung von Galopprennen realisiert werden können.

Doch darum ging es zuletzt ja gar nicht mehr. Über Sachthemen, über Perspektiven oder Nicht-Perspektiven der Bahn, die mit ihrer Innenstadtnähe einmalig in Deutschland ist, wurde ja gar nicht (mehr) diskutiert. Was letztlich zu ihrem „Aus“ führte, war die – berechtigte – Kritik an Verhalten und Vorgehensweise des Rennvereins-Präsidenten. Und das wirft Fragen auf: Hat Jan Antony Vogel das Ende der Galopptradition in Neuss billigend in Kauf genommen? Hat er es sogar bewusst herbei geführt? Oder war alles nur eine Mischung aus Selbstüberschätzung und Dilettantismus, mit der Vogel seine Entscheidungen nach Gutsherrenart getroffen hat – bis hin zu jener, den für Sonntag angemeldeten letzten Renntag nach Dortmund zu verlegen und damit die Chance zu verbauen, mit einem grandiosen Finale voller Emotionen und gutem Besuch der Politik zu zeigen, dass diese Bahn doch ihre Daseinsberechtigung besitzt.

Ob es etwas genützt hätte, darf bezweifelt werden. Doch Vogel hat es nicht einmal versucht. So wie er auch die Steilvorlagen ungenutzt ließ, die ihm die gut besuchten Renntage zu Beginn des Jahres lieferten, als sich selbst Bürgermeister Reiner Breuer bei der Siegerehrung zum „Preis der Stadt Neuss“ mit einem Galopper am Halfter ablichten ließ. Und aus beiden großen Ratsfraktionen – die SPD war bei ihrem eigenen Workshop vom klaren Votum der Anwesenden pro Galopp überrascht worden – Signale für einen Fortbestand der Bahn zu hören waren.

Vogel hat danach ein halbes Jahr verstreichen lassen, bis er 13 Stunden vor Beginn der entscheidenden Sitzung des Beteiligungsausschusses, morgens um zwei Uhr, einen neuen Vertragsentwurf an seinen Vermieter schickte. Handelt so jemand, der sich wirklich Hoffnungen auf eine Vertragsverlängerung macht? Dass sich danach Michael Vesper einschaltete, ist auch nicht auf Vogels Mist gewachsen – die Intervention des Verbandspräsidenten kam zu spät, um der Sache noch eine Wendung zu geben.

Jetzt ist Neuss nicht nur um eine Tradition ärmer, sondern auch um eine Institution. Die Rennbahn war ja kein Zockerparadies, sie war – zumindest in früheren Jahren – ein gesellschaftlicher Treffpunkt für die Bürger dieser Stadt. Wer zum Pferderennen ging, tat das, um Nachbarn, Freunde, Kollegen zu treffen. Diesen sozialen Aspekt hatte bereits Vogels Amtsvorgänger Winfried Engelbrecht-Bresges mit dem Umbau zur „Winterbahn“ vernachlässigt und damit auf lange Sicht der Bahn das Grab geschaufelt. Denn bei drei Grad und Nieselregen feiert es sich nun einmal nicht so gut wie an lauen Sommerabenden. Der Abriss von Tribüne und des Kultstatus genießenden Rennbahn-Restaurants und der Ersatz durch ein vollkommen untaugliches „Haus am Rennbahnpark“ bildeten dann den passenden Sarg. Auf den hat Jan Antony Vogel nun den Deckel geschraubt – und mit seiner Absage des letzten Renntags dem zuvor nur scheintoten Patienten die letzte Luft zum Atmen genommen. Auch das kommt in Kriminalromanen vor – Felix Francis, übernehmen Sie.