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Radevormwald: Wie sich die Alkoholkrankheit besiegen lässt

Radevormwald : Wie sich die Alkoholkrankheit besiegen lässt

Vor 20 Jahren wurde in der Fachklinik Curt-von-Knobelsdorff-Haus die "Stationäre Motivierung" eingeführt. Sie hat sich sehr bewährt.

Für viele Menschen ist es der Schritt in ein besseres Leben, wenn sie die Schwelle des Curt-von-Knobelsdorff-Hauses an der Hermannstraße überschreiten. Hier werden seit 50 Jahren alkoholkranke Menschen behandelt. Die Männer und Frauen wagen den Bruch mit einem Leben, das oft geprägt ist durch Konflikte in der Familie, Probleme am Arbeitsplatz, finanzielle Sorgen oder den Verlust des Führerscheins. Sie werden von einem Mediziner eingewiesen, auf dessen Rat oder auf eigene Bitte.

1997 gab es eine gesundheitspolitische Entscheidung, die fast das Aus für die Klinik bedeutet hätte. "Die Behandlungszeit für alkoholkranke Menschen wurde deutlich verringert", berichtet Leiter Bernd Wessel. Viele Kliniken mussten schließen. Die Radevormwalder Einrichtung überlebte nicht zuletzt, weil die "Stationäre Motivierung" eingeführt wurde. Das war vor 20 Jahren, ein kleines Jubiläum also.

Der leicht abstrakte Begriff bedeutet, dass die Kranken in einer dreiwöchigen Maßnahme die Chance haben, sich mit ihrer Situation auseinanderzusetzen. Das geschieht unter anderem in Einzel- und Gruppengesprächen. Die Krankenkasse übernimmt die Kosten dieser Maßnahme.

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"Zu Beginn steht allerdings die Entgiftung des Patienten", erläutert Wessel. Diese findet beispielsweise im Sana Krankenhaus an der Siepenstraße in Radevormwald statt, mit dem das Curt-von-Knobelsdorff-Haus kooperiert. Eine Entgiftung ohne ärztliche Aufsicht ist riskant, kann sogar tödlich enden. In der Phase der "Stationären Motivierung" kann sich der Betroffene entscheiden, ob er eine Reha-Maßnahme durchführen möchte. Diese dauert dann 16 Wochen. "Wichtig ist, dass alles nahtlos geschieht, dass es keine Lücken aufgrund von Antragsfristen gibt, in denen der Kranke auf sich selbst gestellt ist", sagt Aufnahmeleiterin Susanne Maaß. Mit dem aktuellen Konzept funktioniert diese lückenlose Hilfe. Die Erfolge sind bemerkenswert: Etwa 60 Prozent der Personen, die eine "Stationäre Motivierung" durchlaufen haben, entscheiden sich für die Therapie. "Ohne diese Motivierung sind es etwa zehn Prozent", sagt Bernd Wessel.

Der Kampf gegen die Alkoholsucht ist schwer. Dauerhaft "trocken" bleiben 40 bis 50 Prozent, schätzt der Einrichtungsleiter. "Am schwierigsten ist das erste Jahr."

In den meisten Fällen stecke hinter der Alkoholkrankheit ein ungelöster Konflikt oder ein traumatisches Erlebnis. "Die Betroffenen haben oft schlechte Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht, bei einigen fing das bereits in der Familie an, etwa durch sexuellen Missbrauch", erklärt Christine Toth, die stellvertretende therapeutische Leiterin der Fachklinik. Männer sind häufiger betroffen als Frauen, das Lebensalter in den meisten Fällen liegt zwischen 45 und 60 Jahren.

Es ist aber nie zu spät, gegen seine Sucht zu kämpfen. "Früher neigte man dazu, hohen Alkoholkonsum im Alter zu verharmlosen", sagt Wessel. Nach dem Motto:"Lass dem Opa doch sein Gläschen". Das Bewusstsein für das Problem des Senioren-Alkoholismus ist jedoch gewachsen.

Alkohol ist trotz seiner tödlichen Risiken in der Gesellschaft akzeptiert. "Er ist billig und überall zu haben", sagt Christine Toth.

Sie hofft, dass sich die Politik eines Tages entscheidet, die Preise für alkoholische Getränke zu erhöhen. "Bei den Alkopops hat es ja etwas bewirkt."

(s-g)