Jörg Hilbert liest aus Ritter Rost und abends Verse von Ringelnatz

Literarischer Sommer in Neuss : Der höchst wandelbare Jörg Hilbert

Im Rahmen der Reihe „Literarischer Sommer“ bot der Erfinder der „Ritter-Rost“-Geschichten erst große Unterhaltung für kleine Bücherwürmer, bevor er in das Erwachsenen-Programm „Ringelnatz & Co“ auch eigene Verse einstreute.

Alle kennen ihn. Fast alle. Aber die Zahl der Arme, die bei der Frage „Wer kennt ihn nicht?“ hochschnellen, ist an einer Hand abzuzählen. Ritter Rost ist schließlich der Held in vielen Kinderzimmern, und dass ihn besonders die Kinder ab vier Jahren lieben, zeigt sich an diesem Nachmittag, als sie dem Ritter persönlich, mehr aber noch seinem Schöpfer Jörg Hilbert, in der Stadtbibliothek begegnen.

Abends gastierte Jörg Hilbert in Begleitung des Instrumentalisten Dominik Schneider beim Literarischen Sommer mit Versen von Ringelnatz. Foto: Andreas Woitschützke

Die Lesung für Kinder ist die zweite in den 20 Jahren „Literarischer Sommer“ und beweist auch schon zum zweiten Mal, dass es sich allein zahlenmäßig lohnt, die jüngsten Buchfreunde einzubeziehen. Der Veranstaltungssaal in der Bibliothek ist nämlich voll. Wobei der Eintritt allerdings frei ist.

Nachmittags stellte Jörg Hilbert seinen „Ritter Rost“ vor. Foto: Helga Bittner

Hilbert stellt seinen Ritter Rost nicht zum ersten Mal vor einem jungen Publikum vor. Seine Stimme bleibt ruhig. Bestimmt, aber höflich bittet er zum Beispiel kleine Störenfriede, Ruhe zu geben – und schafft es auch. Schließlich will jeder wissen, warum Ritter Rost aussieht, wie er aussieht. Ein Roboter ist er, das stimmt, und er besteht aus Blech. Aber warum und wieso? „Ich habe mir mein Auto angeschaut ...“, sagt der Autor, und schon war die Idee da: Der Ritter bekam Augen wie Scheinwerfer sowie Mund und Nase wie ein Kühlergrill. Eine alte Ladenkasse ist das Vorbild für den Körper, und auf dem Kopf wackelt ein Vögelchen wie der Wetterhahn auf dem Kirchturm.

Ritter Rost ohne Musik ist auch nicht vorstellbar – schließlich ist jedem Buch eine CD von Felix Janosa beigelegt –, und so greift Hilbert zu seiner (elektronisch verstärkten) Ukulele und singt erst mal das Ritter-Rost-Lied. Damit holt er auch den letzten kleinen Zuhörer ab. Fasziniert lauschen sie der Geschichte „Ritter Rost und die neue Burg“, deren Bilder per Beamer auf eine Leinwand geworfen werfen.

Das 17. Abenteuer ist zwar die jüngste Neuerscheinung, sagt Hilbert, aber verspricht auch, dass es nicht letzte ist. Denn Hilbert schreibt schon wieder an einem neuen Abenteuer seines Ritters und verspricht, dass das Bilderbuch bald herauskommt.

Die Geschichten von Ritter Rost gehören zu den erfolgreichsten auf dem Kinderbuchmarkt Deutschlands überhaupt. Eine Million Exemplare hat Hilbert bereits verkauft, das erste Buch erschien vor rund 15 Jahren. Kein Wunder also, dass es bereits  einen Kinofilm gibt und auch ZDF und Kika schon Serien aufgelegt haben. Und dass Hilberts Wortschöpfungen („Büroklammermüsli“) auch Erwachsenen Spaß machen, zeigt sich bei der Lesung an den lachenden Gesichtern der Mütter und Väter.

Abends tauscht Hilbert dann Ritter Rost, Burgfräulein Bö und Drache Koks gegen die Figuren, die Joachim Ringelnatz’ Gedichte bevölkern.  Dass Jörg Hilbert nicht nur eine überaus erfolgreicher Kinderbuchautor und –illustrator ist, wurde am Freitagabend in der Stadtbibliothek deutlich: Rund 70 literaturbegeisterte Besucher lernten einen ganz anderen Jörg Hilbert kennen: Den Rezitator und den Autor von Versen für Erwachsene. Dass Joachim Ringelnatz dabei eine große Rolle spielte, musste einfach sein: Schließlich ist er der Ururgroßonkel von Jörg Hilbert.

Aufgelockert wurde die Lesung immer wieder von Dominik Schneider. Der Essener, der als Klangästhet gilt, streute mit Flöte und einer selbstgebauten Quinterne immer wieder musikalische Improvisationen ein.

Jörg Hilbert versprach ein unterhaltsames Programm und er sollte dieses Versprechen auch halten. Gestik, Mimik und seine Stimme – alles passte perfekt. Aber der Mann mit dem berühmten Vorfahren setzte nicht nur das um, was Ringelnatz und andere namhafte Autoren geschrieben haben: Er präsentierte auch Lyrik aus der eigenen Feder. Dabei ging es unter anderem um ein Federvieh, einen höchst eitlen Hahn. Der hatte sich beim Frisör ein Rundum-Angebot gegönnt und wirkte damit so verstörend, dass selbst dem Fuchs der Appetit verging. Der Autor hielt mit diesem Werk Menschen einen Spiegel vor, die übermäßigen Wert auf ihr Aussehen legen und dabei jedes Maß verlieren.

Joachim Ringelnatz lieh Hilbert seine Stimme unter anderem für das Gedicht vom Fußballwahn, das wahrscheinlich aktueller ist denn je: „Ich kenne einen, der litt akut an Fußballwahn und Fußballwut“, heißt es da.

Christian Morgenstern schrieb einst ein Gedicht, das Vegetariern gar nicht schmecken dürfte und Moralaposteln allgemein auch nicht: Es handelt von einem Hecht. Der beschloss einst, sich „am vegetarischen Gedanken moralisch emporzuranken“. Das brachte ihm einen schlimmen Durchfall ein. Durch die flüssigen Exkremente verendeten 500 Fische. Fast ein wenig märchenhaft: Das Gedicht von Christian Morgenstern, in dem ein Butterbrotpapier im Schnee friert und aus Angst plötzlich zu denken und zu fühlen beginnt – um dann vom Specht verschluckt zu werden.

Heinrich Heine und Kurt Tucholsky durften natürlich in dem Programm „Ringelnatz & Co“ auch nicht fehlen, in ihren Gedichten ging es um die permanente Unzufriedenheit selbst derjenigen Menschen, die im Grunde alles haben. Und dass es kein totales Glück gibt. Total glücklich waren die Zuhörer damit, dass Jörg Hilbert mit einem der bekanntesten Gedichte von Heinz Erhardt das Programm beendete, mit „Die Made“. Schade, schade, dass der Ausflug in die Lyrik und in die Welt der Klänge schon zu Ende war.

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