Neusser Mosaike: Besuch im Geschwister-Scholl-Haus an der Leostraße

Geschwister-Scholl-Haus Neuss : Ein Jugendzentrum mit viel Geschichte

Die jüngste Tour im Rahmen der Reihe „Neusser Mosaike“ führte zum Geschwister-Scholl-Haus. Für einige Gäste war es ein Zeitreise.

Bei vielen Teilnehmern der „Mosaike“-Tour von Neuss-Marketing wurden am Samstag  alte Erinnerungen wach: „Hier habe ich 1956 beim Tanzen meinen Mann kennengelernt“, sagte Margret Broeckmann (77) – und meinte das Geschwister-Scholl-Haus. Das ist noch heute ein Anziehungspunkt für junge Leute ab dem Grundschulalter. Durch das Gebäude führte Werner Michels (62), der das Jugendzentrum an der Leostraße seit 1982 leitet. Er hat nie woanders gearbeitet.

Seine Ursprünge hat das Haus in den 1940er Jahren. Es wurde als Haus für die Hitlerjugend geplant, ist aber erst 1952 fertiggestellt worden. Der erste Eindruck: Viel ist an der Bausubstanz seitdem nicht verändert worden.  Die Kinder und Jugendlichen scheint´s nicht zu stören: „Von Montag bis Freitag kommen hier jeden Tag rund 80 bis 120 Kinder und Jugendliche hin“, berichtet Michels, der auch die großformatigen Gemälde im Eingang erklärte. Thema sind die Geschwister Sophie und Hans Scholl von der Widerstandgruppe „Weiße Rose“. Man sieht sie beim Verteilen von Flyern, während des Verhörs in einem düsteren Kerker, und ihre Hinrichtung hat der Maler auf sehr abstrakte Weise umgesetzt: Es scheint, als würde die Welt untergehen.

Nein, die Hitlerjugend ist hier nie gewesen. Und die jungen Besucher kommen mittlerweile aus aller Herren Länder. „Ich lege Wert darauf, dass hier Deutsch gesprochen wird“, erklärte Michels. Davon ausgenommen seien lediglich neu Zugezogene, die der Sprache noch nicht mächtig sind. Ungeachtet davon wird von allen ein respektvoller Umgang mit dem Haus und den anderen Besuchern erwartet.

Bevor das Geschwister-Scholl-Haus ein Haus der offenen Tür wurde, hatten dort unter anderem die Pfadfinder und die Deutsche Landjugend ihr Domizil. 80 Prozent der Kinder, die das Haus besuchen, sind Schüler einer der umliegenden Schulen. Und längst nicht alle kommen aus geordneten Verhältnissen: „Viele wollen gar nicht nach Hause“: Diese Erfahrung macht Werner Michels immer wieder. Dank der Hilfe der Neusser Tafel gibt es jeden Tag etwas zu essen. Und eine Bar gehört auch zur Ausstattung der Jugendfreizeiteinrichtung. Besonders begehrt seien die Plätze hinter der Theke, wo ein Glas Wasser für 20 Cents oder eine Apfelschorle für 40 Cents angeboten wird. Die Teilnehmer der Mosaike-Tour staunten über die Kreativwerkstatt, in der ein afrikanischer Schneider die Kids zum Nähen animiert. In diesem Raum ist so manches tolle Karnevalskostüm entstanden. Den Raum zum Zocken sollte es eigentlich gar nicht geben: „Das ist nicht meine Welt – aber die Welt der Kinder und Jugendlichen“, erklärte der Diplom-Pädagoge. Die Nachfrage sei so groß gewesen, dass man ihr habe nachgeben müssen, um die interessierten Jugendlichen nicht an andere Jugendfreizeiteinrichtungen zu verlieren.

Auf der ersten Etage können sich in erster Linie die Grundschulkinder frei entfalten. Barrierefreiheit ist noch kein Thema, und wer den Gang ganz durchgeht, stößt auf den großen Raum mit den deckenhohen Spiegeln: Dort hatten sich Margret Broeckmann und andere einst dem Volkstanz verschrieben und ganz nebenbei den Partner für´s Leben kennengelernt. Der Blick aus dem Fenster auf den Fußballplatz wird bald Geschichte sein: „Da wird die Stadt eine Kindertagesstätte errichten“, kündigte  Michels an. Er kann damit gut leben, weil die Stadt versprochen hat, vor dem Haus einen Bolzplatz zu schaffen.

Mehr von RP ONLINE