Neuss/Düsseldorf: Ein Traum, der in Sekunden zerriss

Neuss/Düsseldorf: Ein Traum, der in Sekunden zerriss

Irina N., die vor zehn Tagen im Jobcenter erstochen wurde, wurde am Freitag in Düsseldorf-Unterrath beigesetzt. Pfarrer Olaf Schaper zeichnete in seiner Grabrede das Bild einer jungen Frau, die daran glaubte, dass man es durch Fleiß, Ausdauer und gute Ausbildung zu etwas bringen kann.

In einem schneeweißen Sarg italienischer Fertigung wurde gestern Irina N. auf dem Friedhof in Düsseldorf-Unterrath beigesetzt. Schneeweiß als Zeichen ihrer Jugend, ihrer Offenheit und ihrer Schönheit, wie Pfarrer Olaf Schaper die Symbolik dieser Farbwahl übersetzte. Italienischer Herstellung, weil die 32-Jährige dieses Land und die Lebensart seiner Menschen liebte.

Die Frau, die am vergangenen Mittwoch in ihrem Büro des Jobcenters an der Stresemannallee von einem 52-jährigen Arbeitslosen erstochen worden war, hatte die Enge des kasachischen Dorfes ihrer Jugend weit hinter sich gelassen. Sie wollte etwas machen aus ihrem Leben, etwas erreichen — und sie hätte beim Jobcenter sicher Karriere gemacht, wie Peter Clever hervorhob, der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Bundesagentur für Arbeit.

Die Dienststellen des Jobcenters im Rhein-Kreis blieben gestern geschlossen. Die Angestellten, die zum Teil Augenzeuge der Bluttat geworden waren, sollten Gelegenheit bekommen, an der Beisetzung ihrer Kollegin auf dem von Polizei und Ordnungsdienst vor allzu neugierigen Augen abgeschirmten Friedhof teilnehmen zu können. Viele machten auch davon Gebrauch, darunter Geschäftsführerin Wendeline Gilles und Erik Lierenfeld, Kollege und stellvertretender Bürgermeister der Stadt Dormagen.

Die Träger des Jobcenters vertraten Landrat Hans-Jürgen Petrauschke und sein Stellvertreter Jürgen Steinmetz sowie Doris Schillings, Geschäftsführerin der Agentur für Arbeit Mönchengladbach, und Christiane Schönefeld, Vorsitzende der Geschäftsführung der Regionaldirektion NRW dieser Behörde. Ralf Braucksiepe war gekommen, parlamentarischer Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, und Roland Matzdorf, Leiter der Abteilung Arbeitspolitik im Landesarbeitsministerium, nahm in Vertretung von Minister Guntram Schneider teil. Sie alle wurden Teil der gut 400 Köpfe zählenden Trauergemeinde.

Irina N. stand kurz davor, viel von dem zu erreichen, was ihr als Kind in Kasachstan unerreichbar scheinen musste. Im Dezember wird das Haus bezugsfertig, das sie sich mit ihrem Mann, den sie vor zwei Jahren heiratete, und ihrem Sohn gebaut hat. Weitere Kinder waren geplant, wusste Pfarrer Schaper zu berichten. Und auch beruflich war sie in der Erfolgsspur. Im Jobcenter war der Frau, die neun Monate selbst das Schicksal der Arbeitslosigkeit ertragen musste, ein fester Arbeitsvertrag zugesagt. "Dieser Traum zerriss in Sekunden", sagte Schaper traurig.

Zerstört wurde er von einem Arbeitslosen, der nicht aus materieller Not, sondern weil er Missbrauch seiner Daten fürchtete, zum Täter wurde. "Nichtig" hatte Guido Adler, der Leiter der Mordkommission, dieses Motiv genannt. Und er war erschrocken, dass die Attacke gar nicht Irina N., sondern einem anderen Sachbearbeiter gelten sollte. Irina N. war daher nach Überzeugung von Staatsanwältin Britta Zur "arg- und wehrlos", als sie angegriffen wurde. Sie hatte keine Chance, jede Hilfe kam zu spät. Schaper: "Was in Neuss passiert ist, ist ein Alptraum. Ein Fall, wo man sich schämt, zur Gattung Mensch zu gehören."

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Eine Woche hatte Schaper die Angehörigen begleitet, hatte sie still erlebt und schreiend in ihrem Schmerz. Er erfuhr aber auch viel über das Opfer — und wie sie von Kollegen und Freunden gesehen wurde. Er hörte die Geschichte einer jungen Frau, die daran glaubte, dass man es durch Fleiß, Ausdauer und eine gute Ausbildung zu etwas bringen kann.

Eine Bildungsaufsteigerin, die an ihrem 14. Geburtstag im November 1993 Land, Leute und Freunde in Kasachstan zurückließen, um als Deutsche in Deutschland zu leben. Eine Frau, die nicht zuletzt durch den Tod von zweien ihrer vier Geschwister früh erlebte, was Leid bedeutet, und die trotzdem — oder gerade deshalb — von einem ungebrochenen Lebenswillen und Optimismus erfüllt war. "Schlechte Laune hat sie in ihrem Umfeld nicht zugelassen", hörte Schaper von allen Seiten.

Die Frau, die nach oben will, Ziele und Ehrgeiz hatte, war schon als Kind zielstrebig. Als ihr in der neuen Heimat von den Behörden der Weg zum Gymnasium zunächst verwehrt wurde, "gab sie Gas", wie es Schaper formulierte. Sie schloss die die Realschule mit Prädikat ab und kam so doch aufs Gymnasium. Ihr Erfolgsrezept damals wie such später im Jobcenter: Sie machte die Arbeit gerne.

Davon zeigte sich auch Peter Clever überzeugt, der aus Nürnberg angereiste Verwaltungsratsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit. Der sprach von einem Verlust und von dem Ziel, dass die über 100 000 Köpfe zählende Mitarbeiterschaft der Arbeitsverwaltung noch vielfältiger wird. "Ich wünsche mir dazu mehr Menschen mit Migrationshintergrund. Menschen, die Arbeitslosigkeit selbst erlebt haben. Menschen, die andere Kulturen kennen." Menschen, die als Sachbearbeiter wissen und nachempfinden können, was ihr hilfesuchendes Gegenüber bewegt.

Menschen wie Irina N., die zwar in Deutschland heimisch wurde, der es aber wichtig war, dass ihr Sohn um die russische Herkunft seiner Familie wusste. Auch deshalb wurde Familienurlaub in Lettland und nicht auf Mallorca gemacht. Und nicht zuletzt war Irina N. wichtig, das ihr Kind in jüdischen Traditionen aufwächst. So betete gestern neben Pfarrer Schaper auch der Rabbiner Aharon Ran Vernikovski mit der großen Gemeinde in der viel zu engen Aussegnungshalle.

(NGZ/das/ac/rl)
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