Nach tödlichem Angriff: Neusser Jobcenter wird bewacht

Nach tödlichem Angriff : Neusser Jobcenter wird bewacht

Dienstag öffnet das Jobcenter in Neuss zum ersten Mal nach dem tödlichen Angriff auf eine 32-Jährige – mit erhöhten Sicherheitsstandards. Drohungen gegen Arbeitsagentur-Mitarbeiter nehmen zu: Montag wurde deshalb das Jobcenter in Mönchengladbach für kurze Zeit geschlossen.

Dienstag öffnet das Jobcenter in Neuss zum ersten Mal nach dem tödlichen Angriff auf eine 32-Jährige — mit erhöhten Sicherheitsstandards. Drohungen gegen Arbeitsagentur-Mitarbeiter nehmen zu: Montag wurde deshalb das Jobcenter in Mönchengladbach für kurze Zeit geschlossen.

Eine E-Mail blinkte Montag um 15.20 Uhr im Posteingang aller Mitarbeiter im Jobcenter Mönchengladbach auf. Der Inhalt: Es habe eine Drohung gegeben, der Haupteingang sei abgeriegelt. Ein 48-jähriger Mann hatte in einem Telefonat gegenüber seiner Sachbearbeiterin angekündigt, mit einer Schusswaffe zu kommen. Die Polizei traf den Mann zu Hause an, fand keine Pistole und gab Entwarnung — nur ein Trittbrettfahrer. Für die Angestellten im Jobcenter bedeutete diese Aktion jedoch Momente der Angst. "Zum Glück ist er nicht aufgetaucht", sagt eine Mitarbeiterin (34). "Nach diesem Tag habe ich keine Lust, morgen wieder zur Arbeit zu gehen."

Seit dem tödlichen Angriff auf eine 32-Jährige im Jobcenter Neuss in der vergangenen Woche nehmen solche Drohungen gegen Mitarbeiter landesweit zu. "Wir sind entsetzt über zahlreiche, ungerechtfertigte Äußerungen, die an Zynismus nicht zu überbieten sind", sagt Werner Marquis, Sprecher der Regionaldirektion NRW der Bundesagentur für Arbeit. So wären seit der Tat aggressive Sprüche häufiger zu hören, zum Beispiel "so etwas wie in Neuss" könne auch andernorts geschehen. Kommentare wie "Das musste einmal in einem System wie Hartz IV passieren", die das Geschehene relativieren, kann Marquis, stellvertretend für die 18 000 Angestellten, nicht nachvollziehen. "Hier wird ein Täter als Opfer eines angeblichen Unrechtssystem dargestellt", stellt Marquis fest.

Heute öffnet das Jobcenter an der Neusser Stresemannallee zum ersten Mal seit dem tödlichen Angriff seine Büros für den Publikumsverkehr. Es gelten hohe Sicherheitsstandards: Polizeistreifen werden im Stundentakt patrouillieren. Mitarbeiter eines privaten Sicherheitsdienstes würden bedarfsabhängig eingesetzt, erklärt Christoph Janßen, Sprecher des Jobcenters im Rhein-Kreis Neuss. Das Objekt werde derzeit rund um die Uhr geschützt, zu anderen Geschäftsstellen schweigt er. Wenig Informationen gibt auch der Neusser Polizeisprecher Hans-Willi Arnold preis. Er spricht nur von "verstärkten Kontrollen".

Das Thema Sicherheit kommt in den Gesprächen, die die Kollegen der Getöteten und Augenzeugen der Tat auch gestern mit Psychologen und Notfallseelsorgern führten, immer wieder neu zur Sprache. Auch weil es in den Büros auf den angemieteten Etagen an der Stresemannallee keine Zwischentüren für den zweiten Fluchtweg und keine Eingangskontrolle gab, sondern "nur" ein elektronisches Notrufsystem. Mit dem kann jeder seinen Kollegen einen Hilferuf auf den Monitor schicken, damit die dann Hilfe organisieren. Eine Direktleitung zur Polizei gibt es nicht, denn, so Janßen, "nicht jede Situation bedarf der Einschaltung der Polizei". Dass die Tastenkombination für diesen Alarm — "Esc" und "F4" müssen gleichzeitig gedrückt werden — gerade in bedrohlichen Situationen zu kompliziert sein könnte, mag Janßen nicht glauben: "Das System wird regelmäßig genutzt. Es ist unrealistisch anzunehmen, dass das nicht funktioniert."

Solch eine Tastenkombination haben viele Jobcenter als Alarm installiert. "Wir denken allerdings drüber nach, sie farbig zu markieren, damit sie im Notfall schneller ins Auge springen", sagt Jürgen Hennigfeld, Sprecher des Jobcenters Düsseldorf. Andere haben ein Kästchen auf dem Computer-Desktop, das den Alarm aktiviert. "Wir haben aber 20 Symbole auf dem Desktop, im Notfall ist es schwierig, das sofort zu finden", betont die Arbeitsvermittlerin (34) aus Mönchengladbach. In Duisburg, so berichtet Geschäftsführer Norbert Maul, arbeiten die Jobcenter mit einem Sicherheitsdienst zusammen. Der begleitet zum Beispiel Kunden, gegen die wegen aggressiven Verhaltens ein Hausverbot ausgesprochen wurde, während ihres Besuchs im Gebäude. Sicherheitsdienste haben fast alle Jobcenter —doch sagt das wenig über den Schutz der Angestellten aus. "Bei uns gibt es eine Kraft für fünf Etagen mit langen Fluren", sagt die Mönchengladbacherin. "Da kann es in einem Notfall drei bis fünf Minuten dauern, bis Hilfe kommt."

Schon am Freitag bleiben alle Dienststellen im Rhein-Kreis Neuss wieder geschlossen. Die Mitarbeiter sollen Gelegenheit bekommen, in Düsseldorf an der Trauerfeier für ihre getötete Kollegin teilzunehmen. Am Sonntagabend zog ein Trauerzug zum Jobcenter an der Stresemannallee. Seit Freitagabend wurde versucht, kurzfristig möglichst viele Menschen zusammenzutrommeln. Zum Schluss zählten die Veranstalter um David Saroglou und Sonja Papendick 150 Teilnehmer, darunter auch Kollegen. "Enttäuschend war", so Papendick, "dass von Politik und Verwaltung keiner gekommen ist."

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(RP/top/csi/url/jco)
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