Neuss: Neuss: Bluttat traf Zufallsopfer

Neuss : Neuss: Bluttat traf Zufallsopfer

Bei der Suche nach dem Motiv für die tödliche Messerattacke auf eine Arbeitsvermittlerin in Neuss hat die Polizei erste Erkenntnisse: Die 32-Jährige wurde das zufällige Opfer der blinden Wut eines Arbeitslosen.

Als "Nichtigkeit" bezeichnen Kripo und Staatsanwaltschaft den Grund, aus dem der mutmaßliche Täter A. S. am Mittwoch eine 32-jährige Sachbearbeiterin in ihrem Büro im Jobcenter Neuss erstochen hat. Irene N. starb, weil der mutmaßliche Täter Missbrauch seiner persönlichen Daten befürchtete. Überdies wollte er in der Angelegenheit gar nicht zu seinem späteren Opfer, sondern zu einem Kollegen. Doch der war an diesem Tag nicht im Hause.

Seit gestern sitzt der geständige marokkanischstämmige Mann in Untersuchungshaft, wird von Staatsanwältin Britta Zur und der Kriminalpolizei vernommen. Ihren Ermittlungen zufolge war Irene N. ein Zufallsopfer.

A. S., ein 52-jähriger Arbeitsloser, der seit 2001 in Neuss lebt, war mit zwei Messern bewaffnet zum Jobcenter aufgebrochen. Als er seinen eigentlichen Ansprechpartner zur Rede stellen wollte, traf er ihn nicht an. Erst vor einigen Tagen hatte die Sachbearbeiterin S., der seit dem März ihr Klient war, an ihren Kollegen verwiesen. Der nahm die Daten des Hartz-IV-Empfängers neu auf, ließ ihn einen Lebenslauf schreiben, verlangte die Unterschrift unter eine Datenschutzerklärung. Aber A. S. glaubte nicht, dass die Daten nur für den internen Dienstgebrauch bestimmt sein sollten. "Er hatte vor allem Angst, dass jemand mit seinem Foto Millionen verdienen könnte", erläuterte die Staatsanwältin. Ein Psychologe soll ihn nun auf seinen Geisteszustand überprüfen. Einen desorientierten Eindruck mache er jedoch nicht, meinte Guido Adler, Leiter der Mordkommission.

In ersten Vernehmungen gab der Neusser an, er habe den Sachbearbeiter mit dem Messer nur einschüchtern wollen. Das glauben ihm die Ermittler nicht. "Wir werden ihm den Vorsatz nachweisen", sagt die Staatsanwältin. Der Mann habe nach eigenen Angaben schon "vor Wut gekocht", als er das Büro betrat. Zur geht von einer Tötungsabsicht aus und spricht von Mord: "Irene N. war arg- und wehrlos." Das Opfer weise keine Abwehrverletzungen auf. Zweites Indiz für sie: A.S. habe seinem Opfer die 20 Zentimeter lange Klinge eines Küchenmessers zweimal in Brust und Bauch gestoßen, nachdem ihm ein erstes Messer abgebrochen war.

Die Gewerkschaft Verdi verlangt nun eine Überprüfung der Sicherheitsmaßnahmen in allen Jobcentern. Die Beschäftigten seien immer wieder bedrohlichen Situationen ausgesetzt. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) will allerdings aus dem Vorfall vorerst keine unmittelbaren Konsequenzen ziehen. "Wir müssen immer über die Sicherheit in unseren Dienststellen nachdenken", sagte BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt: "Verhindern lässt sich so was nicht, auch wenn man Sicherheitsvorkehrungen über das jetzt schon vorhandene Maß hinaus trifft", fügte Alt hinzu. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sprach von einem "abscheulichen Verbrechen".

(RP)
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