Nettetal: Gigaliner für kleine Runden auf dem Hof

Nettetal: Gigaliner für kleine Runden auf dem Hof

Die Spedition Gebr. Sauels hat 2007 an einem Feldversuch mit Gigaliner teilgenommen. Seitdem das Land ausgestiegen ist, kann der Lkw nicht mehr eingesetzt werden. Geschäftsführer Knut Lappen wirbt in der Politik um Verständnis.

Ganz vorsichtig biegt Helmut Winkel um die scharfe Kurve. Während er im Führerhaus seines Lastwagens die Biegung längst passiert hat, sieht er im Außenspiegel, wie ihm der Rest des Lkw erst ganz gemächlich folgt. Helmut Winkel steuert keinen normalen Lastwagen, sondern einen Gigaliner. Diese Lkw sind 25 Meter lang und dürfen mit ihrer Last maximal 44 Tonnen schwer sein. Ihre Zulassung ist sehr umstritten.

"Da die zwei Elemente durch eine spezielle Gelenkachse miteinander verbunden sind, ist das Lenken sehr gut möglich", erklärt Winkel. Das Nettetaler Speditionsunternehmen Sauels kaufte die spezielle Gelenkachse schon vor vielen Jahren für etwa 38 000 Euro. In NRW gab es 2007 einen Testbetrieb mit den extrem langen Lkw. Während der Testphase fuhr der Gigaliner der Firma Sauels jede Nacht von einem Lager zum Nächsten. "Wir hatten während der Zeit keine Probleme, Unfälle oder sonstige Vorfälle", berichtet Geschäftsführer Knut Lappen. Auch der TÜV, der regelmäßig die Fahrten begleitete, hatte nichts zu beanstanden.

Mit dem Gigaliner kann das Speditionsunternehmen auf einer Fahrt etwa 50 Prozent mehr transportieren. Also fahren wesentlich weniger Lkw auf den Autobahnen, argumentieren Befürworter. Die Groß-Lkw bräuchten nur unwesentlich mehr Sprit, sagt Knut Lappen. Das schone doch die Umwelt. Im Gegensatz zur schwarz-gelben Vorgängerregierung lehnt Rot-Grün die Zulassung ab. Der Testbetrieb seinerzeit wurde nicht verlängert, das Land NRW nimmt auch nicht am bundesweiten Feldversuch der Gigaliner teil.

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"NRW ist das transitstärkste Bundesland. Da kann man sich nicht vor Neuerungen verschließen, sondern muss vorweg gehen und am Versuch teilnehmen", bedauert der Landtagsabgeordnete Marcus Optendrenk (CDU) die Einstellung des Testbetriebs. Nun darf der Gigaliner nur noch auf dem Firmengelände seine Runden drehen. Sogar eine Sondergenehmigung, um in die nur einen Kilometer entfernten Niederlande fahren zu können, bleibt dem Speditionsunternehmen verwehrt. Dort sind die Gigaliner erlaubt.

"Ich werde bei der Landesregierung nachfragen, warum für die kurze Strecke keine Ausnahme möglich ist", verspricht der SPD-Bundestagsabgeordneter Udo Schiefner. Der 55-jährige Politiker vertritt den Kreis Viersen unter anderem im Verkehrsausschuss in Berlin. Er blickt unvoreingenommen auf die Thematik. "Ich kenne alle Vorteile, aber man muss erst den Zwischenbericht abwarten, um Nachteile richtig einschätzen zu können", sagt er. So ist noch nicht klar, ob die Infrastruktur für die großen Trucks ausgelegt ist. "Sind die Brücken stabil genug? Gibt es entsprechende Parkplätze? Hält der Straßenbelag die großen Lasten aus?" nennt Schiefner Fragen, die noch beantwortet werden müssen. Auch das Unfallrisiko müsse geklärt werden. "Das Thema wird uns jedenfalls noch lange beschäftigen", verkündet Schiefner. Die Politiker lassen sich technische Details des Gigaliners von Helmut Winkel erklären. Der Kraftfahrer ist seit einem Monat Rentner. Mehr als sechs Millionen Kilometer ist er während seines Berufslebens gefahren. "Beim Gigaliner kribbelt es wieder in den Fingern, da wäre ich gerne noch einmal jung. Es ist schon Wahnsinn, was die Technik heute alles kann", sagt er und fährt auf dem Firmengelände die nächste kleine Runde mit dem großen Lkw.

(mat)
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