Erste Abiturienten des Werner-Jaeger-Gymnasiums in Nettetal-Lobberich erinnern sich

Lobberich : Die ersten Abiturienten erinnern sich

1969 erhielt der erste Abschlussjahrgang am Werner-Jaeger-Gymnasium in Lobberich Abiturzeugnisse. Vier von ihnen berichten, woran sie sich von damals erinnern und wie ihre Lebenswege seitdem verlaufen sind.

Bernd Timmers „Ich kam ans Werner-Jaeger-Gymnasium, weil das Pro-Gymnasium in Lobberich die nächstgelegene weiterführende Schule war. Daraus hat sich später die erstmalige Chance ergeben, ohne Schulwechsel die Oberstufe bis zum Abitur zu besuchen und das mit dem Privileg einer vier Jahre lang jeweils obersten Klasse.

Wenn ich an meine Schulzeit denke, erinnere ich mich an die Aufnahmeprüfung und die Wahlmöglichkeit der Sprachfächer. Die Schule begann für mich, warum auch immer, mit Latein. Später kamen Englisch und Französisch dazu. Das bedeutete viele Nachhilfestunden.

Zum Schulleben gehörten natürlich auch Klassenfahrten und Wandertage. Wandern hieß am WJG immer wieder: nach Hinsbeck, auch mehrtägig war einmal Kleve Nahziel. Oft wurden Kartoffeln und Würstchen am Lagerfeuer gegrillt, meistens ziemlich schwarz, aber es war einfach toll. Mit unserer Kunstlehrerin fuhren wir immer wieder gerne in eine Kunstausstellung in Düsseldorf, natürlich mit einem Abstecher in die Altstadt, die Touren waren sehr beliebt. Unsere großen Abschlussfahrten gingen nach Berlin und Paris und das funktionierte beim Freigang auch ohne Handys. Manchmal mussten wir einfach mal aufeinander warten.

Wenn ich meine Schulzeit nun mit Abstand betrachte, fällt mir dazu vor allem ein: Wir hatten auch Lehrer, die uns außer Lernstoff viele Hilfen in der Persönlichkeitsentwicklung mitgegeben haben, dafür bin ich noch heute sehr dankbar.

Als mittelmäßiger Schüler bin ich ins Studium gestartet, heute kann ich auf ein sehr abwechslungsreiches und spannendes Berufsleben als Bauingenieur zurückblicken.

Mit 50 Jahren Vorsprung möchte ich jungen Menschen Folgendes mit auf den Weg geben: Erst eine breit angelegte Ausbildung ermöglicht im späteren Berufsleben immer wieder neue Weiterentwicklungen, auch wenn man vermeintlich manchmal vieles einfach nicht zu brauchen glaubt. Und unabhängig von der Fachrichtung sollte man in jedem Fall die sprachliche Ausbildung über die schulischen Sprachkenntnisse hinaus fortführen und vertiefen.“

Erika Littmann. Foto: Erika Littmann

Erika Littmann „Es war die Zeit der Beatles und der Rolling Stones, die Zeit der langen Haare und der kurzen Röcke, die Zeit der politischen Proteste und der Hippie-Bewegung. Es herrschte eine neue Jugendkultur, und man war nicht mehr bereit, den Kriterien und Idealen der älteren Generation zu folgen. Wenn ich mir Fotos des damaligen Lehrerkollegiums und solche unserer Klasse anschaue, fällt mir einerseits auf, wie konservativ Kleidung und Habitus der Lehrer im Vergleich zu heute waren und andererseits, dass die Haare der Jungen gar nicht besonders lang und ungepflegt wirkten. Dennoch waren Haarlänge und Frisur ein ständiger Stein des Anstoßes bei Eltern und Lehrern.

Die damalige Strenge der Lehrer hatte wohl auch mit den großen Schulklassen zu tun; so waren Ohrfeigen und Boxen auf den Oberarm in den Klassen 5 bis 8 bei den Jungen gängige Mittel der Disziplinierung. Mädchen wurden als unreifer und geistig etwas zurückgeblieben angesehen. So begannen die Jungen in der 5. Klasse mit Latein und die Mädchen mit Englisch, denn ihr Gehirn wäre angeblich für die komplexe Grammatik (noch) nicht ausgerichtet. In der 8. Klasse durften die Jungen zwischen Französisch und Griechisch wählen, die Mädchen zwischen Französisch und Hauswirtschaft. Ich empfand diese Wahlmöglichkeiten als ungerecht. Dann fiel mir aber auf, dass mich die lebendige französische Sprache und Kultur mehr interessierte als altgriechische Mythologie und Philosophie.

Die Protesthaltung nahm in der Oberstufe großen Raum ein. Sie richtete sich hauptsächlich gegen alte Autoritätsstrukturen. Die Tatsache, dass es keine offizielle Abiturfeier gab und nicht einmal ein Abiturfoto, deutet ebenfalls darauf hin, wie sehr wir Traditionen und Formalitäten ablehnten. Dazu kam unser vehementes Eintreten für ein Raucherzimmer – obwohl ich selbst nie geraucht habe. Es ging um etwas Grundsätzliches; wir wollten selbstbestimmt handeln und dazu gehörte unser Recht zu rauchen. Am Ende war unsere Aktion von Erfolg gekrönt und der kleinste Klassenraum, in dem hauptsächlich der evangelische Religionsunterricht stattfand, wurde zum Raucherzimmer für Schüler.“

Manfred Lindenau. Foto: Manfred Lindau

Manfred Lindenau „Ich habe mich entschieden, am Werner-Jaeger-Gymnasium das Abitur zu machen, weil die Alternativen Dülken, Viersen, Kempen, Mülhausen keine entscheidenden Vorzüge boten, die den Fahraufwand gerechtfertigt hätten. Dazu etwas Pioniergeist, Vorfreude auf weitere drei Jahre als höchste Klassenstufe und auf mehr Lehrer der ,neuen’ Generation.

Ich erinnere mich an den Gemeinschaftsgeist in unserer Klasse, in der jeder von uns völlig selbstverständlich respektiert war, unterschiedlich und vielfältig, ob engagiert an der Spitze des damaligen Zeitgeistes, ob stramm konservativ oder brav angepasst, ob aus bescheidensten Verhältnissen oder aus den großen Lobbericher Textilimperien. An die legendären ersten Oberstufenpartys im Foyer, die ,Hops’, mit der privat mitgebrachten Dual-2x8-Watt-Anlage, Sgt. Pepper, Magical Mystery Tour, Death of a Clown, Nights in White Satin. An unsere Abiturfeier (die erste in Lobberich!), die wir betont unkonventionell gestaltet hatten: keine langen Reden, Kritik statt braver Dankeschöns, Jazz statt Klassik. An den frischen Wind, den die damals neue Generation Lehrer in die Schule brachte.

Meine persönliche Anekdote: Für den Schulleiter muss der Aufbau vom Pro- zum Vollgymnasium mit viel bürokratischem Aufwand und mit entsprechend hoher Belastung einhergegangen sein. So kam er denn ab und zu in die Klasse, drückte mir sein Lateinbuch in die Hand, er habe viel zu tun und ich möge für ihn den Unterricht in der Klasse soundso übernehmen. Hat geklappt und Freude gemacht – danke für das Vertrauen – und wurde zur Initialzündung für meine Berufsentscheidung: Es folgten 40 Jahre als Lehrer, die ich nicht bereue. Mein Weg dahin verlief nach dem Abitur gerade und direkt – direkt im zeitlichen Sinn eher nicht. Ich habe mir die Zeit gelassen, mehr und länger als nötig zu studieren und nach dem Examen noch an der Uni zu arbeiten. Mein Tipp: Lasst euch nicht zerreiben, richtet euren Lebensstandard so ein, dass ihr mit Teilzeitarbeit klarkommt, spätestens ab Mitte 40. Rückblickend kann ich sagen: Schön, dass ich gerade im damaligen Jahrgang Schüler war. Glück gehabt!“

Sabine Schmidt. Foto: Sabine Schmidt

Sabine Schmidt „Für das Werner-Jaeger-Gymnasium habe ich mich entschieden, weil es kein anderes Gymnasium in Nettetal gab. Unsere Klasse war die erste, die im bisherigen Pro-Gymnasium diese Möglichkeit hatte.

Wenn ich an meine Schulzeit zurück denke, erinnere ich mich vor allem an die Lehrer, kaum Lehrerinnen. An den autoritären Stil von vielen und die unkritischen, zum Teil begeisterten Erzählungen über ihre Teilnahme am Zweiten Weltkrieg. Neueste Geschichte (Erster Weltkrieg, Nationalsozialismus und so weiter) kam im Unterricht nicht vor. Junge Lehrer und Lehrerinnen mit neuen Ideen hatten es extrem schwer und verließen teilweise nach kurzer Zeit die Schule.

Ich erinnere mich, dass sehr viele Schülerinnen und Schüler aussortiert wurden, ganz offensichtlich nach ihrer Herkunft. Erste Versuche von Kritik waren die Schülerzeitung „Die Brennnessel“; für kurze Zeit ein „Republikanischer Club“, in dem wir unter anderem forderten, Noten zu begründen; die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus wie Demonstration gegen einen Auftritt Kiesingers sowie die Beschäftigung mit dem Vietnamkrieg.

Mein Weg nach dem Abitur verlief gerade und direkt mit Kurven und Überraschungen. Es folgte zunächst ein Studium der Geschichte und Germanistik an der Universität Freiburg, danach standen das erste und zweite Staatsexamen an. Dann kam für mich die Umschulung zur Rechtsanwaltsfachgehilfin. 25 Jahre lang war ich Fremdsprachensekretärin am Historischen Seminar der Universität, daneben begann ich ein Studium des Faches Kunst an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Anschließend folgte eine freiberufliche Tätigkeit als Korrekturleserin/Lektorin.

Geschichte 1882 wurde die Rektoratsschule gegründet – später eine gymnasiale Zubringeschule, danach Pro-Gymnasium –, aus der 1967 das Werner-Jaeger-Gymnasium hervorgegangen ist. 1969 legten zehn Schülerinnen und Schüler dort das erste Abitur ab. Nach Anton Glaab, Hans-Jakob Pauly und Elisabeth Ponzelar-Warter leitet nun Hartmut Esser das Gymnasium mit zurzeit 900 Schülern.

(RP)
Mehr von RP ONLINE