Albert Camus "Pest" sorgt in Moers für den Perspektivwechsel.

Premiere am Schlosstheater Moers : Die Pest sorgt für den Perspektivwechsel

Das Schlosstheater in Moers ist mit einer eindringlichen Inszenierung von Albert Camus’ Roman „Die Pest“ in die neue Spielzeit gestartet.

Am Ende geht die Pest, wie sie gekommen ist: leise, einfach so. Sie hinterlässt eine Stadt, die den absoluten Ausnahmezustand erlebt hat, mit Hunderten von Toten, sich selbst überlassen und abgeschottet von der Außenwelt. Und ein Teil des Schlosstheater-Publikums sitzt mittendrin: Rücken an Rücken auf langen Stuhlreihen, in einem Zelt isoliert von den anderen Zuschauern, die im sicheren Dunkel des Theaterraums das Geschehen verfolgen. Das Licht in dem Zelt ist gleißend unangenehm, ein tiefes Brummen erfüllt den Raum - bis einer nach dem anderen heraus geführt wird. Übrig bleiben die Leerstellen.

Das Schlosstheater ist am Donnerstag mit seiner Inszenierung von Albert Camus‘ Roman „Die Pest“ in die neue Spielzeit gestartet und lädt zu einem fürs Publikum ungewohnten Perspektivwechsel ein. Das Spiel, das Regisseur Ulrich Greb auf die Moerser Schlossbühne bringt, ist eindringlich und bedrückend. Keine leichte Kost. Es lässt den Zuschauer nachdenklich zurück. Der Regisseur hat ein meterlanges Zelt in die Schlossbühne einbauen lassen.

Es mutet wie eine sterile Isolierstation an. Es gibt ein Innen und ein Außen. Dort entrollt er für alle Zuschauer die Chronologie einer verheerenden Pestepidemie. Bald überschlagen sich die Nachrichten, immer neue Tote werden gezählt. Wie in einer klinischen Versuchsanordnung untersucht Ulrich Greb nüchtern, wie sich die Figuren in dieser absurd gewordenen Welt zueinander verhalten, Desinfektionsmittel und Nebelschwaden inbegriffen: Jesuitenpater Paneloux, der die Seuche als Geißel Gottes sieht, Tarrou, der eine Schutzgruppe gründet, oder Journalist Rambert, der nach Algerien kam, um einen Artikel über die „arabische Frage“ zu schreiben, jetzt aber Fluchtwege sucht. Und bricht doch mal die Emotion in der Dokumentation der Ereignisse heraus, erstickt ein mehrstimmiger Chor dies im Keim. Denn: „Ein Chronist hat nur die Aufgabe, zu sagen, was ist.“ Ulrich Greb bedient sich in der Inszenierung zweier Kunstgriffe. Es gibt nicht nur einen Chronisten, sondern sechs weitere: Es sind die Ratten, die die Pest in die Stadt hineingetragen haben. Die Schauspieler Frank Wickermann, Lena Entezami, Elisa Reining, Patrick Dollas, Matthias Heiße und Roman Mucha tragen Rattenköpfe und weiße Kittelschürzen, die bald vom Blut der Kranken befleckt sind. Sie meistern das Spiel unter erschwerten Bedingungen bravourös. Gleichzeitig wird das Ensemble zu Puppenspielern. Denn mit Dr. Rieux gibt es einen siebten Chronisten, den wir aus Camus’ Roman bereits kennen.

Der Arzt ist der tragische Held, der aus großem Mitgefühl alles versucht, um die Seuche einzudämmen. Die kettenrauchende Puppe im Trenchcoat stammt aus der Werkstatt von Patrick Maillard. Joost van den Branden vom Theater Tieret in Belgien hat die Schauspieler im Puppenspiel gecoacht. In der Moerser Inszenierung mutet sie wie die Verkörperung einer oberen Instanz an. Den Zuschauern in den Arm gelegt, wirkt sie zugleich wie das an der Pest verstorbene Kind. Besonders stark ist die Soundkulisse, die Improviser in Residence Emilio Gordoa für die Inszenierung geschaffen hat: Sie changiert zwischen einem bedrohlichen Grundrauschen, Spieluhren-Klängen sowie Tanzmusik und vermittelt im sterilen Bühnenbild von Birgit Angele eine irritierende Atmosphäre.

Für Ulrich Greb wirft der Stoff, den Camus vor 70 Jahren aufgeschrieben hat, auch aus heutiger Perspektive Fragen auf: Befinden wir uns in Europa innerhalb oder außerhalb der heutigen Krisenregion? Wo ziehen wir die Grenzen? Wer sind die Infizierten? Und wieviel Solidarität und Mitgefühl wollen wir uns leisten? Diese Fragen richtet er ans Publikum. Beantworten muss sie jeder für sich selbst – vielleicht mit einer Handvoll Erdnüssen aus der Distanz heraus. Die gibt es in der Camus-Inszenierung übrigens auch.

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