Schlosstheater Moers führt Horváths "Zur schönen Aussicht" auf.

Moers: Schlosstheater inszeniert Horváth als Parabel zu Europa

Drei Inszenierungen hat Ulrich Greb aus dem reichhaltigen Stücke-Repertoire Ödön von Horváths in seinem bisherigen künstlerischen Leben hervorgebracht: 1998 „Geschichten aus dem Wiener Wald“ am Landestheater Innsbruck, 2003 zum Start seiner Intendanz am Schlosstheater Moers „Die Unbekannte aus der Seine“ und jetzt zur Spielzeiteröffnung 2018/2019 „Zur schönen Aussicht“.

Am Freitag war Premiere. Dass gerade dieses Werk des auf Deutsch schreibenden ungarischen Dichters nun auf dem Spielplan steht, kommt nicht von ungefähr. Dazu Greb: „Horváth ist wie ein Seismograf einer unsicheren und von Widersprüchen bestimmten Zeit. Seine Dramen haben alle eine ungemein visionäre Kraft.

Und über seine Stücke sagt er: Im Grunde seien sie Tragödien. Sie würden nur komisch werden, weil sie unheimlich sind. „Ich meine: Wenn also Wahrheit und Realität immer mehr zur Disposition stehen, dann sollte man entschieden auf die Macht der Fiktion setzen.“ So setzt Greb bei dieser, seiner Inszenierung sowohl auf die Kraft von (Horvaths) Sprache, den Fluss des Spiels und der Szene als auch auf die Macht der Bilder – alles klug und hintersinnig erdacht, eingefädelt und mit einem vorzüglichen künstlerischen Stab (Birgit Angele, Elisabeth Weiss, Larissa Bischoff) und Ensemble (Roman Mucha, Frank Wickermann, Lena Entezami, Matthias Heße, Patrick Dollas, Magdalene Artelt, Elisa Reining) umgesetzt. Dabei legt er den Text teils stichwortgebend für dessen szenische Umsetzung an: Die Komödie wird zur Groteske (Emanuel: „Das ist ja grotesk!“) – ganz im Sinne von Horváth –, das gesprochene Wort wird sichtbar gemacht (Emanuel: „Bewegung, bitte!“ / Karl: Die kommt gleich.“) – und schon bewegt sich der Tisch – oder die Anmerkung „Ich sehe alles doppelt“ (Emanuel) – die das Bühnenbild als Spiegel verarbeitet.

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Meisterlich gar setzt Greb Horváths Drama von 1926, das erst 1969 uraufgeführt wurde, als Parabel zu einem kommenden Europa aus der visionären Perspektive seiner Entstehung um. Im Stück ist der Spielort nur ein tristes Hotel „am Rande eines mitteleuropäischen Dorfes“, so heißt es im Originaltext. In der Inszenierung dagegen ist der Ort der Handlung zugleich auch eine Metapher auf das heutige Europa, das in sich zerstritten, abschottend gegenüber Drittländern, umweltausbeutend bis umweltzerstörend ist.

Der Horváthsche Text bleibt weitgehend erhalten und wird dramaturgisch nicht umgestellt. Nur ein paar aktuelle Zitate, unter anderem von der ehemaligen Tagesschausprecherin und heutigen Publizistin mit rechtspopulistischen Thesen, Eva Hermann, sind eingebaut. Auch das siebenköpfige Personal des Dramatikers lässt Greb bestehen. Nur aus dem Herrn Vertreter Müller macht Greb die Frau Generaldirektorin Müller. Und zum Schluss – anders als im Original – erschießen sich fast alle. Ein langanhaltender Schlussapplaus zu Recht. Die nächste Vorstellung ist am Freitag, 28. September um 19.30 Uhr.

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