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Serie Gladbacher Lesebuch (38): Garten und Feld ernährten die Familie

Serie Gladbacher Lesebuch (38) : Garten und Feld ernährten die ganze Familie

Der Autor erinnert sich daran, wie seine Mutter Lebensmittel haltbar machte, was auf den Teller kam und an Süßigkeiten der Kindheit.

Die Speisekarte meiner Kindheit war bei weitem nicht so reichhaltig wie in der heutigen Zeit. Das lag daran, dass es nach dem Krieg noch nicht soviel gab und die modernen Fertiggerichte mangels Nachfrage erst Jahrzehnte später auf den Markt kamen. Wie viele Neuwerker Familien hatten auch wir einen Nutzgarten. Der erste lag an der Asdonkstraße, links neben dem Haus der Familie Walbergs, deren Sohn Hans-Peter ein Schulfreund meines Bruders war. Er ist mit seinen Eltern nach Kanada ausgewandert. Das war natürlich für uns Kinder sehr abenteuerlich – hat aber nichts mit unserem Garten zu tun. Später pachteten meine Eltern und Großeltern ein Stück Feld von Bauer Stevens, dessen Hof auch auf der Nelkenstraße lag. Der Garten lag am kleinen Feldweg, der parallel zur Nelkenstraße verläuft, am Haus Nummer 49. Heute ist dort wieder Ackerland. Gartenzaun und -törchen, Wege, Sandkasten und auch die von meinem Vater aus Stein errichtete Gartenlaube sind längst wieder verschwunden.

Im Garten baute mein Vater einen großen Teil der Lebensmittel für den täglichen Speiseplan an: Früh- und Spätkartoffeln, Spinat, Wirsing, Rotkohl, Weißkohl, Grünkohl, Rosenkohl, Blumenkohl, Kohlrabi, Strauch- und Stangenbohnen, Erbsen, Tomaten, Möhren, Melde, Suppengrün, Zwiebeln und Sellerie. Auch blühten dort Löwenmäulchen, Wicken, Dahlien, Strohblumen, Rittersporn, Margeriten, Astern und andere Blumenarten. Für uns Kinder war die Hilfe bei der Gartenarbeit Pflicht. Beim Kartoffelsetzen mussten wir ran zum „Kartoffellegen“. Mit Hilfe einer Pflanzleine grub Vater in gleichmäßigen Abständen kleine Löcher, alle akkurat hintereinander an der Leine ausgerichtet. Den Abstand der Löcher legte ich mit dem Pflanzstock von etwa 40 Zentimeter Länge fest, ebenso den Abstand der Reihen. In die Löcher platzierte ich die Saatkartoffeln, mit dem größten gesprossenen Keim nach oben. Das musste sorgfältig gemacht werden, denn die Keime brachen sehr schnell ab. In manchen Jahren gab es eine Kartoffelkäferplage. Dann mussten wir die Schädlinge von den reifenden Pflanzen sammeln. Die steckten wir in eine Glasflasche.

Auch beim Kartoffelausmachen wurden mein Bruder und ich als Erntehelfer zwangsverpflichtet. Mit einer Mistgabel grub Vater die reifen Pflanzen aus, schüttelte die Erde ab, und wir Kinder lasen die Kartoffeln auf. Die mussten dunkel lagern, damit sie nicht so schnell keimten. Dafür hatten wir im Keller an der Engelblecker Straße eine große Kartoffelkiste. Kartoffeln stellten das Grundnahrungsmittel dar, denn sie kamen zu fast jedem Mittagessen auf den Tisch. Auch in Gemüseeintopfgerichte gehörten Kartoffeln. Pommes Frites oder Kroketten waren seinerzeit bei uns unbekannt. Die Mittagessen bereitete in der Sommerzeit unsere Mutter erntefrisch zu. Es gab zum Beispiel Spinat mit Kartoffelpüree und Spiegelei. Den Spinat holte Mutter frisch aus dem Garten. Nach dem Rupfen der Blätter von den faserigen Blattadern wurden diese gewaschen und gekocht, danach in der „Küchenmaschine“ zerkleinert. Zu guter Letzt gab Mutter den Brei in einen Topf zum Würzen und Abschmecken. Der Kartoffelpüree wurde folgendermaßen zubereitet: Kartoffeln schälen, kochen, mit dem Kartoffelstampfer unter Zugabe von Milch zerkleinern. Der modernere Stampfer seinerzeit war eine runde Eisenplatte mit vielen Löchern von vielleicht fünf Millimetern Durchmesser, rechtwinklig zum Holzgriff montiert. Wir hatten noch ein gusseisernes Vorkriegsmodell. An Stelle der gelochten Platte befand sich dort ein in einer Ebene schlangenlinienförmig gebogenes Metallstück. Bei jedem Stampfvorgang drückten sich die gekochten Kartoffeln durch die Löcher der Platte oder durch die eng gewundene Metalldrahtschlange. Es wurde so lange gestampft, bis der Kartoffelbrei eine sämige Konsistenz aufwies.

Zum Kartoffelpüree gehörte die „Milchsoße“. Die ging so: Zwiebel und Speck würfeln. Den Speck kauften wir damals am Stück in der Metzgerei, entweder „durchwachsen“ oder „fett“. Auf´s gebrauchsfertige Maß gewürfelten Speck gab´s noch nicht. Nach dem Ausbraten des Specks gab Mutter die Zwiebeln hinzu. Waren diese glasig, rundeten ein Schuss Milch und fein gehacktes Schnittlauch die Soße ab. In den Kartoffelpüree machten wir mit einem Löffel ein „Külleken“, in das die Soße geschüttet wurde. Die Zubereitung der Spiegeleier war im Gegensatz zu der Plackerei vorher eine Lachnummer. Manchmal gab es aber statt der Spiegeleier auch „Falsches Kotelett“ dazu. Das waren Bauchfleischscheiben, in Ei gewendet, paniert und in der Pfanne gebraten. Sah aus wie Kotelett, schmeckte auch gut, war aber nicht so teuer. Als Eintopfgerichte standen Bohnensuppe, Erbsensuppe, „Quer durch den Garten“, Linsensuppe, Graupensuppe, Grünkohl und Möhren auf dem Küchenzettel. Freitags gab es Fisch oder Milchreis. Der Reis wurde zu einem dicken Brei verkocht, bei weitem nicht so flüssig wie die Reissuppe, die es oft zum Abendbrot gab. War der Reis gar, wurde er zum Abkühlen in tiefe Teller geschüttet und dann auf die Fensterbank gestellt. Zwischenzeitlich vermischten wir Kinder in einem kleinen Tellerchen Zimt und Zucker, und bestreuten damit die Oberfläche vom Reis. In die Mitte gab Mutter noch einen Stich „Gute Butter“.

Sonntags war Puddingtag. Auch dessen Zubereitung nahm Zeit in Anspruch. Das Puddingpulver wurde mit Milch erhitzt, durfte aber nicht „überkochen“, denn dann quoll die Milch aus dem Topf auf die heiße Herdplatte. Das stank nicht nur gewaltig, verursachte auch noch erheblichen Dreck. Während Puddingpulver und Milch auf dem Herd standen, schlug meine Mutter mit einer Gabel in einer Schüssel Eiweiß mit Zucker zu „Eischnee“. Man musste schon sehr schnell die Gabel durch das Eiweiß rotieren lassen, damit die Flüssigkeit fest wurde. War der „Eischnee“ fertig und der Pudding aufgekocht, mussten beide Teile mit einem Löffel untereinander gehoben werden, damit die Puddingmasse den „Eischnee“ nicht zerdrückte. Der Pudding stand danach dampfend auf der Fensterbank zum Abkühlen. Vier Geschmacksrichtungen standen zur Auswahl: Vanille, Karamell, Himbeere oder Schokolade. Der war mein Lieblingspudding. Denn dazu gab es Vanillesoße. Die anderen Geschmacksrichtungen wurden mit Himbeersaft übergossen.

Zum Nachtisch öffnete Mutter auch mal ein Glas „Eingemachtes Obst“, auch „Eingekochtes Obst“ genannt. Eingekocht für die frischobstlose Winterzeit wurden Äpfel, Birnen, Pfirsiche, Kirschen, Erdbeeren, Pflaumen und Stachelbeeren, aber auch Gemüse, wie Bohnen. Beim Obsteinkochen half ich immer gern, denn es war viel Einmachzucker nötig, eine spezielle Zuckerkörnung, gröber als der normale Zucker. Die Früchte wurden gewaschen, Kernobst vom Kern befreit, Äpfel und Birnen geschält und in kleinere Würfel zerteilt. Nach Abschuss der Vorbereitungen befüllten wir die Einmachgläser. Nach jeder eingelegten Lage Obst streute Mutter Zucker darüber. War das Glas voll, legte sie zwischen Glas und Deckel einen Einmachring. Jeder wusste, was mit diesen Bezeichnungen, die heute nur noch Ältere kennen, gemeint war. Zwischenzeitlich hatte meine Mutter den großen Einkochkessel mit Wasser zum Erhitzen auf den Herd gestellt. Zum Einkochkessel gehörte der Einsatz, dessen gelochte Bodenplatte genau in den Kessel passte. In der Mitte des Einsatzes waren senkrecht vier Eisenstäbe angebracht, etwas niedriger als die Höhe des Einkochkessels, die in einem Handgriff endeten. Auf die Bodenplatte des Einsatzes stellte Mutter vier Einkochgläser. Den Gläserdeckel verschloss sie mit Hilfe eines Stahlfederblechstreifens, der mit einem Ende genau in der Mitte des Einkochglases auflag. Das andere Ende mit der halbkreisförmigen Aussparung steckte Mutter in einen Stab des Einsatzes. Zwischen Glasdeckel und Federblech legte sie ein Stück Korken zur Federung, denn durch Druck auf die Stahlfederbleche wurden die Deckel fest auf das Glas gepresst. Der Einsatz mit den Gläsern kam nun in den mit Wasser gefüllten Einkochkessel der schon zum Kochen auf dem Küchenherd stand.

Die richtige Wassertemperatur zeigte das Einkochthermometer an. Das war ein Stab, der genau in die Öffnung des Deckels vom „Einkochapparat“ passte. Diesen Begriff benutzte mein Vater immer für den Einkochkessel. Zeigte das Thermometer die richtige Temperatur, wurde der Einsatz mit den Gläsern herausgenommen. Zur Probe zog Mutter nach dem Erkalten leicht an den Einmachringen: Gingen sie nicht auf, war die Arbeit offensichtlich erfolgreich. Die Keimfreiheit des Einmachgutes konnte damit jedoch nicht geprüft werden. So kam es öfter vor, dass nach einiger Zeit manche Gläser Schimmelpilze auf der Oberfläche ansetzten. Deren Inhalt musste leider weggeschüttet werden. Außergewöhnliche Gaumenfreuden für uns Kinder waren die Süßigkeiten. Außergewöhnlich deshalb, weil diese vom schmalen Haushaltsgeld der Familie finanziert wurden. Eine Gaumenfreude stellte die „Ahoi-Brause“ dar, die es heute noch gibt. Sie gab es als Pulver in Tütchen oder in einem gepressten Block, jeweils zu fünf Pfennige das Stück. Man hatte die Wahl zwischen roter, grüner oder gelber Brause, die jeweils nach Himbeeren, Waldmeister oder Zitrone schmeckte. Das Brausepulver löste ich mit Wasser zu einer köstlich prickelnden Limonade auf, oder saugte es mit einem Strohhalm direkt aus der Tüte. Die Brauseblocks leckte man mit der Zunge ab. Das tat nach einiger Zeit aber weh. Zerbiss man den ganzen Block auf einmal, dauerte der Genuss zwar nicht so lange, dafür aber schäumte die Brause im Mund.

Unseren Süßigkeitsbedarf deckten wir bei „Tilla´s Büdchen“ an der Kreuzung Dünner und Asdonkstraße. Damals kauften wir dort für fünf Pfennig Salmiakpastillen. Die waren rautenförmig, und wir klebten sie mit Spucke sternförmig auf unsere Handrücken. Diese Hoheitszeichen kannten wir von den „Ami-Autos“. So flogen wir in der „Venne’ Jazz“ mit ausgebreiteten Armen hin und her. Etwas ganz besonderes war „echter Lakritz“. Den gab es in Stangen, war aber leider nicht beim „Büdchen“ erhältlich. Ich weiß nicht mehr, woher damals die Rarität kam, weiß aber noch genau das Rezept für diesen Gaumenschmaus: Ich zerkleinerte eine Stange Lakritz, und zwar nur diesen „echten“, gab das Gebrösel in eine Flasche und füllte diese mit Wasser. Über Nacht löste sich der Lakritz auf und durch heftiges Schütteln der Flasche bildete sich Schaum auf der Flüssigkeit. Den saugte ich genüsslich ab. „Schümke trecke“ hieß das auf Plattdeutsch. Welche Art von Flasche sich dafür besonders eignete, war damals kein Diskussionspunkt: Es gab nur die Bierflasche mit Bügelverschluss, der beim Schütteln dicht hielt.

Bei einem Spaziergang fiel mir auf auf, dass links des Weges die Brombeersträucher voll reifer Früchte hingen. In meiner Kindheit wäre ich nach Hause gelaufen und mit unserer Milchkanne bewaffnet zum Pflücken zurückgekehrt. Denn aus Brombeeren kochte meine Mutter Gelee. Den gab es meist nur sonntags. Auf Weißbrot mit „Guter Butter“ war das eine Gaumenfreude. Oft radelte ich zum Brombeerpflücken zur Donk. Auch Kamille habe ich gesammelt für unsere Hausapotheke.