Langenfeld Bettine-von-Arnim-Gesamtschule Carina über ihr Brasilien-Jahr

Langenfeld : „Das Strahlen der Brasilianer ist jetzt mit mir hier“

Carina Heesen, Schülerin an der Bettine-von-Arnim-Gesamtschule in Richrath, über ihr Austauschjahr in Lateinamerika

Warum bist Du nach Brasilien gegangen?

Carina Ich wollte unbedingt ein Schuljahr im Ausland verbringen und noch eine vierte Sprache lernen. Ich spreche Englisch, Französisch und fließend Spanisch, weil meine Mutter Mexikanerin ist. Zunächst fand ich Asien sehr interessant, erkundigte mich und wusste dann, dass das für mich mit der Sprache und der Kultur schwierig werden könnte, weil beides so ganz anders ist. Für mich kam dann eher Brasilien in Frage, weil ich auch gerne Portugiesisch lernen wollte.

Carina mit ihrer brasilianischen Gastfamilie. Foto: RP/Privat bzw. ZDF

Konntest du denn zumindest etwas Portugiesisch?

Carina Nein, gar nicht. Ich habe im Internet einen kleinen Sprachkurs gemacht und konnte danach ein paar Standardsätze. Dadurch, dass meine Gasteltern auch kein Englisch gesprochen haben, war das erst einmal nicht so einfach, aber man kommt da sehr schnell rein, weil man das wirklich den ganzen Tag über hört, sieht und liest. Wir haben uns erst über Zeichensprache verständigt. Meine Familie hatte sehr viel Geduld und Humor.

Ein typisches Fest: Carina lernte in ihrem Austauschjahr auch das Brauchtum ihres Gastlands kennen. Foto: RP/Privat bzw. ZDF

Wie hast du dein Jahr dort organisiert?

Carina Ich war im Nordosten des Landes, in Teresina, einer Stadt, die ungefähr 800.000 Einwohner hat, was für Brasilien relativ klein ist. Ich bin im Rahmen des Rotary-Jugenddienstes dorthin gegangen. Die Organisation ist nicht kommerziell. Ich kann sie wirklich empfehlen, denn die Leute dort machen alles ehrenamtlich und fördern den Kulturaustausch zwischen vielen Ländern. Rotary hat mir die brasilianische Familie, die selbst schon sechs Kinder hat, vermittelt. Wir haben uns anfangs über Skype kennengelernt und waren uns alle auf Anhieb sympathisch. In Brasilien gehörte ich vom ersten Tag an als Familienmitglied sofort wie eine weitere Tochter ganz selbstverständlich dazu. Das war schön. Besonders gut habe ich mich mit meiner Gastschwester verstanden.

Blick auf den Zuckerhut, neben dem Corcovado mit der berühmten Christusstatue das Wahrzeichen von Rio. Foto: RP/Privat bzw. ZDF

War es schwer, sich zu bewerben?

Carina Die schulischen Leistungen sind gar nicht so entscheidend, sondern die Initiative, die man zeigt. Es kommt bei einer Bewerbung eher darauf an, ob man sich sozial engagiert und ob man wirklich Lust darauf hat, eine andere Kultur kennenzulernen und sich einzubringen. Im Gegenzug nimmt die eigene Familie auch einen Austauschschüler aus einem anderen Land auf. So lernte meine Familie etwas über die japanische Kultur kennen. Denn, während ich in Brasilien war, hatten meine Eltern eine junge Japanerin als Gastkind zu Hause.

Carina vor der Jesusstatue von Rio. Foto: RP/Privat bzw. ZDF

Wie teuer ist so ein Austausch-Jahr?

Carina Wir haben für das Jahr rund 7000 Euro gezahlt. Das ist günstiger, als mit anderen Organisationen ins Ausland zu gehen. Die Kosten hängen davon ab, wo man hingeht. Auf jeden Fall muss man die Reise- und Versicherungskosten bezahlen. Wenn das Geld nicht reicht, dann kann man sich auch um ein Stipendium bewerben.

Carina bei einem Treffen, das die Austauschorganisation Rotary Jugenddienst organisierte. Foto: RP/Privat bzw. ZDF

Wie hast du den Schulalltag bewältigt?

Carina Ich war in der elften Klasse dort in der Oberstufe. Da war ich 15 und wurde dann sofort 16 Jahre alt. Am Anfang habe ich gar nichts verstanden, das war aber auch nicht so entscheidend, denn der Hauptfokus des Programms liegt auf dem kulturellen Austausch und nicht so sehr auf den schulischen Leistungen. Ich war natürlich sehr stolz, als ich dann endlich anfing, Dinge zu verstehen und dem Unterricht zu folgen. Interessant fand ich, dass die Schüler besonders in den Naturwissenschaften viel besser vorbereitet sind und mehr machen als wir. Englisch spielte beispielsweise keine so große Rolle. Das hat mich erstaunt.

Die Langenfelderin genießt die Sonne am Strand von Rio de Janeiro. Foto: RP/Privat bzw. ZDF

Was war noch anders als in Deutschland?

Carina Das brasilianische Schulsystem hat auch 13 Schuljahre. Man hat aber nicht danach, wie bei uns, das Abitur, sondern geht danach zu einer Eingangsprüfung an eine Universität. Es gibt viele private und öffentliche Schulen. Ich war auf einer Privatschule, weil das für Austauschschüler sicherer ist. Die öffentlichen Schulen sind leider grundsätzlich nicht so gut, deswegen schicken viele Eltern, die sich das leisten können, ihre Kinder auf Privatschulen. Die meisten bereiten sich dort drei Jahre lang auf den Eingangstest für eine Universität vor, um dann Ingenieur, Arzt oder Anwalt zu werden. Mein Gastvater ist auch Anwalt.

Am Amazonas im brasilianischen Regenwald. Foto: RP/Privat bzw. ZDF

Und die genannten Berufe sind auch die Favoriten bei den jungen Brasilianern, deren Familien sich Privatschulen leisten können?

Carina Nicht unbedingt. Als ich erzählte, dass ich vielleicht Journalistin werden oder in den diplomatischen Dienst gehen wolle, und nachfragte, was die anderen machen möchten, kam heraus, dass einige eigentlich lieber etwas mit Mode, Design, Floristik oder Gärtnerei machen würden. Es gibt in Brasilien aber nicht so ein Ausbildungssystem wie in Deutschland, und so bleibt das für viele nur ein Hobby.

In der ZDF-Sendung „Volle Kanne“ berichtete Carina von ihrem Brasilien-Jahr. Mit am Tisch: Moderatorin Nadine Krüger und Musiker Adel Tawil. Foto: RP/Privat bzw. ZDF

Brasilien hat mit sehr viel mehr Kriminalität zu kämpfen als Deutschland. Wie war das für dich?

Carina Die Kriminalität kann man in Brasilien nicht leugnen, und sie ist extremer als in Deutschland. Um das Haus meiner Familie sowie um unsere Schule war eine Mauer gebaut, und es gab Sicherheitspersonal, aber ich habe mich in keinem Moment unsicher gefühlt, weil insbesondere meine Gastfamilie sehr gut auf mich aufgepasst hat und sie mich auch überall hingefahren hat. Die Schere zwischen Arm und Reich ist tatsächlich sehr groß in Brasilien.

Farbenfrohe Hausfassaden: Carina Heesen unterwegs in einer brasilianischen Stadt. Foto: RP/Privat bzw. ZDF

Was hat dich in dem Jahr beeindruckt?

Carina Ich fand es ganz toll, dass mein Gastvater sich zu seinem Geburtstag Lebensmittel gewünscht hat, die er dann mit einem großen, vollgepackten Einkaufswagen an einem Ort für Bedürftige mit uns zusammen verteilt hat. Die Menschen waren sehr dankbar dafür und haben sich sehr gefreut. Das war für mich ein einschneidendes Erlebnis, und mir ist wirklich das Herz aufgegangen.

Brasilien hat ein subtropisches, teils sogar tropisches Klima. Wie bist du damit zurechtgekommen?

Carina Ich habe in der Tat in einer der heißesten Städte Brasiliens gelebt. Wir hatten im Sommer 47 Grad, und das war selbst für Brasilianer, die Hitze gewohnt sind, sehr ungewöhnlich. Ohne Klimaanlagen wäre es nicht gegangen. Ich war auch im Amazonas und habe dort im brasilianischen Regenwald gesehen, wie wichtig die Natur für uns Menschen ist. Ich habe mich damit auseinandergesetzt und gelernt, dass der Regenwald für den Sojaanbau und für die Viehzucht abgeholzt wird. Ich habe über meinen Fleischkonsum nachgedacht und bin schließlich dazu gekommen, dass ich als Vegetarierin leben möchte. Das tue ich seitdem.

Du warst sowohl in Deutschland als auch in Brasilien im Fernsehen. Wie ist es dazu gekommen?

Carina Ich hatte Kontakt zum ZDF in Düsseldorf, weil ich dort ein Praktikum gemacht hatte. Die Redaktion von „Volle Kanne“ hatte die Idee, dass ich in Form einer kleinen Beitrags-Miniserie über meinen Auslandsaufenthalt berichten könnte. Ausgestattet mit meinem Handy, einer kleinen Kamera, einem Mikrofon und Tipps habe ich immer mal wieder meinen Alltag, besondere Ereignisse und Feste gefilmt und darüber selbst berichtet. In Brasilien wurde ich sogar in ein Fernsehstudio eingeladen, um über meinen Auslandsaufenthalt als Deutsche in Brasilien zu erzählen. Das hat wirklich Spaß gemacht.

Was hast du persönlich für dich aus dem Jahr mitgenommen?

Carina Ich denke jetzt, egal, was mir passiert, dass ich es bewältigen kann. Ich bin viel positiver und dankbarer für alles. Ich habe auch gelernt, Deutschland mehr zu schätzen. Ich habe das Strahlen der Menschen in Brasilien, ihre Liebenswürdigkeit, Offenheit und Herzlichkeit für immer mitgenommen, und ein Stück meines Herzens ist in Brasilien geblieben. Ich werde weiter Kontakt zu meiner Gastfamilie halten.

Welche Tipps würdest du für einen Auslandsaufenthalt geben?

Carina Ich würde allen Schülern sagen, die vorhaben, ins Ausland zu gehen, dass sie auf ihr Herz hören und sich einfach etwas trauen sollten. Natürlich gibt es auch immer mal Höhen und Tiefen, aber das ist ganz normal. Viele möchten ja gerne ins englischsprachige Ausland, aber es gibt auch noch Lateinamerika, Asien oder sogar Afrika, Kontinente, die viel zu bieten haben. Man sollte sich ausreichend informieren und schauen, was sich für einen richtig anfühlt, und es dann einfach ausprobieren, um seinen Horizont zu erweitern. Es ist eine wunderbare Möglichkeit, andere Kulturen kennenzulernen und etwas für den Weltfrieden als Botschafterin aus Deutschland zu tun.