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Monheim Vater Rhein erzählt Geschichten

Heimat : Vater Rhein erzählt Geschichten

Für seine Themenführung schmeißt sich MonGuide Holger Franke in Schale: Kostümiert wie ein alter Tabaluga-Drache, an dem Muscheln, Moos und Steine haften, weiß er einiges zu berichten vom Strom und seinen Ufern.

Ein Stadtführer ist kein bunter Hund. Jeans, Outdoor-Jacke, eine größere Umhängetasche mit Mappe für historische Ansichten zum Herumreichen – das ist üblicherweise die Uniform eines Guides. Doch der Mann hier ist Schauspieler. Deshalb empfängt er seine Gruppe als „Vater Rhein“. Nicht neptungleich mit Rauschebart und Dreizack, wie der Alte auf zahllosen Brunnen, Denkmälern und Nostalgiekarten daherkommt. Aber doch unübersehbar als Personifikation des großen Stroms: Kostümiert mit Rhein-Accessoires wie Muscheln oder Steinen. Und auf dem Kopf eine Art Legionärshelm mit Kamm aus Ufergrün – schließlich ist der Urahn von Vater Rhein der römische Rheingott Rhenus.

„Der Vater Rhein beschäftigt mich schon lange“, sagt Holger Franke. Mindestens seit einem Vierteljahrhundert. Solange nämlich lebt der heute 64-Jährige im Rheinland. Die TV-Serie „Unter uns“ mit Drehort in Köln lockte ihn in den Westen der Republik. Der Mime bekam da eine feste Rolle. Aufgewachsen ist er – unüberhörbar – in Berlin. Weißensee, im Nordosten der damaligen „Hauptstadt der DDR“.

Populär wurde der original „Vater Rhein“ vor rund 200 Jahren in der Rheinromantik. Besonders die Bildende Kunst machte ihn zum Promi. In der Literatur taucht er ebenfalls auf, hatte da aber nur Kurzauftritte, ob bei Clemens Brentano oder in Heinrich Heines „Wintermärchen“. Das breite Publikum von heute dürfte ihn indes eher als Karnevalsschlager im Ohr haben, als olle Kamelle von 1960. „Der Vater Rhein ist keine ausgewachsene dramatische Figur, sondern der stille Beobachter, der den Leuten seit vielen hundert Jahren zuhört“, sagt Holger Franke über sein Vorbild.

Der MonGuide aus Baumberg, sonst noch in Sachen „Bier-Äquator“ und „Monheim von seiner Schokoladenseite“ unterwegs, erweckt den Vater Rhein nun zum Leben. Am Schiffsanleger empfängt er die Teilnehmer seiner Führung, unweit des Gasthauses, das passenderweise den Namen „Zum Alten Rhein“ trägt. Von dort geht es bis zu anderthalb Stunden den Rheindeich entlang über den großen Wasserspielplatz bis zum Alten Markt in der Altstadt. Vater Rhein erzählt Anekdoten, verteilt Rheingold in Form von Schokoladentalern, stellt Quizfragen und ermuntert zu Lockerungsübungen, vom Wellenschritt bis zur La-Ola-Welle.

Ob sagenhaft oder historisch verbürgt – lehrreich ist das meiste, was der Vater Rhein erzählt. So sei er nicht ganz unschuldig daran, dass der Kölner Erzbischof als weltlicher Herr keinen Zugriff auf Monheim und Umgebung bekam. „Ich habe mich damals sehr dünn gemacht“, erzählt er vom Jahr 1288. So konnten die bergischen Bauern durch ihn hindurchwaten und in der Schlacht von Worringen ihrem Grafen und dessen Verbündeten zu Hilfe eilen. Der unterlegene Kölner Erzbischof Siegfried von Westerburg soll eine Nacht im Wehrturm von St. Gereon eingekerkert worden sein, ehe er zu Schloss Burg verbracht wurde – und Monheim blieb fortan bis in die Neuzeit hinein Teil der von Kurköln unabhängigen Herrschaft Berg (ab 1388 Herzogtum), berichtet der Vater Rhein.

Niedrigwasser war auch bei der Sage vom Spielmann im Spiel. Der fahrende Musikant unterhielt die Monheimer halbjährlich mit seiner Fidel. 1615 soll auch er, von der Zonser Seite kommend, durch den Rhein gewatet sein. Das brachte Monheimer Dominikanermönche auf die Idee, dem Spielmann Teufelswerk zu unterstellen. Denn ihnen missfiel, dass er die Monheimer zum Tanzen brachte und möglicherweise zu weiteren damit einhergehenden Lotterheiten. Doch der Spielmann hatte Glück: Der Amtmann, der damals weltlicherseits in Monheim das Sagen hatte, wollte ihn ganz und gar nicht auf dem Scheiterhaufen sehen und sperrte ihn deshalb wegen „groben Unfugs“ im Schelmenturm ein. Die Monheimer sammelten darauf flugs das Lösegeld für den Spielmann und nach ein paar Tagen kam er frei. Zwar ward der Fidler danach in Monheim nie wieder gesehen (was ja auch verständlich ist, Scheiterhaufen braucht niemand), doch die Moral von der Geschicht‘, die an Luthers rettende Einkerkerung auf der Wartburg erinnert, hat bis heute überdauert: Gegen religiösen Fanatismus, für rheinische Liberalität!

Der Vater Rhein erzählt das – und natürlich auch die Geschichte von der Gänseliesel, die dem Schnattervieh mit dem Finger an den Lippen ein „Psst!“ bedeutet. Anders als manch ein Monheimer glaubt, hat das Monheimer Wappenmädel eigentlich nichts mit dem Spielmann zu schaffen. Aber auch dafür findet der Vater Rhein eine Lösung, indem er die Sage ausschmückt. Demnach begab sich der Spielmann, soeben in Monheim angekommen, auf die Suche nach seiner Gänseliesel. Da Monheim damals nur rund 60 Seelen zählte, war das Finden auch ohne Smartphone nicht allzu schwer. Als die Gänseliesel ihren Spielmann erblickte, legte sie den Finger auf den Mund. Will sagen: Ich/wir habe(n) was zu verbergen! So die Schilderung des Vaters Rhein. Damit wird aus dem Wahlspruch auf dem vögtlichen Siegel, sich allgemein vor Geschwätzigkeit zu hüten, doch noch eine Geste der Vertrautheit zwischen zweien, die sich offenbar doch etwas näher kannten, als sittsamst überliefert ...

Der Vater Rhein ist eben auch ein Schelm, auch bei neueren Geschichten wie der von „Mobby Dick“, dem Belugawal, der 1966 den Rhein hinaufschwamm. Das war kein Irrtum, weiß der Vater Rhein: Denn Mobby Dick wollte die Nacktbadenden sehen, die die Monheimer Gemeinderäte in den 50er Jahren in Wallung gebracht hatten. In einer Geheimsitzung befassten sie sich damals mit einem Fall früher FKK-Bewegung und erwirkten ein Verbot. „Das wurde später jedoch für den Abschnitt zwischen Rheinkilometer 713 und 714 wieder aufgehoben“, erinnert sich der Vater Rhein. Und fügt augenzwinkernd hinzu: „Wer weiß, vielleicht hat der eine oder andere Ratsherr genau in diesem Abschnitt gewohnt.“ Zwei Führungen als Vater Rhein hat Holger Franke jetzt hinter sich. Und sieht weiteres Potential in der Figur. „Als Walking Act auf Weinfesten kommt der bestimmt auch gut“, glaubt er. Der Schauspieler in ihm wird dabei helfen. „Ein bisschen als Darsteller zügeln muss ich mich aber schon, denn im Vordergrund stehen ja die Geschichten.“ Sonst jedoch gilt: Vater Rhein, das ist „genau“ sein „Ding“.