Heinrich Campendonk aus Krefeld und die Revolution

Ausstellung in Bayern : Heinrich Campendonk und die Revolution

Plötzlich war er Revolutionär in der Münchener Räterepublik, ohne es zu wissen. Der in Krefeld geborene Künstler Heinrich Campendonk war von Kollegen aus dem Umfeld einer Berliner Galerie zur so genannten Novembergruppe gemeldet worden. In Anlehnung an die Soldaten- und Arbeiterräte wollte sie deutschlandweit Künstlerräte einrichten. Der Rheinische Expressionist unterzeichnete sogar ein Manifest.

Die Rolle des Krefelder Malers Heinrich Campendonk als politischer Mensch nimmt die aktuelle Ausstellung des Museums Penzberg in Bayern in den Fokus. Das ihm anheftende Etikett als jüngstes Mitglied der Blauen Reiter beschreibe ihn völlig unzureichend, betonen die Kuratoren der besonderen Werkschau mit dem Titel „1919: Campendonk und die Revolution“, die noch bis zum 3. November zu sehen sein wird.

Campendonks politisches Denken und Handeln begann nicht erst in der Zeit des Nationalsozialismus. Die Abneigung der brauen Herrschaft gegen seine Art der Kunst wurde im schnell gewahr. Er emigrierte in die Niederlande. In Düsseldorf musste er zuvor seinen Posten als Professor an der Staatlichen Kunstakademie räumen, mehr als 80 Arbeiten von ihm wurden als entartet beschlagnahmt, mehrere in der Nazi-Sonderschau als entartete Kunst vorgeführt.

In Büderich traf Campendonk im Schloss Meer Gleichgesinnte. Die Gruppe zu der unter anderem die Kollegen Ewald Mataré, Heinrich Nauen, Immeke Mitscherlich, Geistliche und Industrielle gehörten und sich die Kerzianer nannten, liebten ein freies Wort. Deshalb zogen sie sich für ihre regelmäßige Treffen aus der Öffentlichkeit in den privaten Rahmen zurück. Widerständler im eigentlichen Sinne waren die Kerzianer nicht. Gleichwohl darf ihre standhafte Haltung gegen den damals offiziellen Kunstbegriff bewundert werden.

Der Arbeitsrates für Kunst nutzte Campendonks Blumenbild. Foto: Museum Penzberg

Bislang unbekannt war das Engagement Campendonks nach dem Ersten Weltkrieg im Zuge der Novemberrevolution. Fast überall hatten sich in Deutschland Arbeiter- und Soldatenräte gebildet. Doch der Widerstand gegen die sozialistisch orientierte Räterepublik war groß und sorgte für bürgerkriegsähnliche Zustände.

Campendonks Gemälde „Kuhstall“ entstand um 1920. Foto: Museum Penzberg

Die Novemberrevolution von 1918 versprach eine bessere Zukunft, die sich die Menschen nach den jahrelangen Kriegswirren ersehnten. Mit gleich zwei Ausstellungen nähert sich das Museum Penzberg – Sammlung Campendonk dieser turbulenten Zeit: Das Verschwinden der alten Ordnungen wurde besonders von den Künstlern als eine Chance gesehen. Diese Hoffnungen verarbeiteten sie in eindrucksvollen Kunstwerken. Während der Münchner Räterepublik verfolgten Heinrich Campendonk, Georg Schrimpf und Fritz Schaefler aufmerksam das revolutionäre Geschehen. Einen Einblick in diese Bild- und Gedankenwelt zeigt die Ausstellung „1919. Campendonk und die Revolution“.

Campendonk weilte von 1916 bis 1922 in Seeshaupt am Starnberger See und setzte sich in dieser Zeit intensiv mit der Bergarbeiterkolonie Penzberg auseinander, die im März 1919 das Stadtrecht erhalten hatte. Die Stadterhebung veränderte elementar die Rechte und Lebensverhältnisse der Bergleute. Die Ausstellung rückt erstmals Campendonks Engagement für eine Neuausrichtung der Kunst, des Künstlers und der Gesellschaft in den Fokus. Themen wie die „Lebensrealität nach dem Ersten Weltkrieg“ oder die „Flucht in Utopien“ werden zusätzlich illustriert von Werken der Künstler Otto Mueller, Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Stuckenberg. Ergänzt werden diese durch Werke von Conrad Felixmüller, Georg Schrimpf, Albert Bloch sowie Fritz Schaefler, die sich in München politisch engagierten.

Campendonk zeichnete mit der „Frau am Ofen“ Arbeitermilieu. Foto: Museum Penzberg

Campendonks Grafiken und Malereien sowie Plakate, Postkarten und Dokumente der bewegten Zeit sind auf zwei Stockwerken des Museums chronologisch und thematisch angeordnet. Der Rundgang ermöglicht es, die vielfältigen, in einer kurzen Schaffensphase entstandenen Werke vor dem Hintergrund dieser Umstürze zu lesen. Wie viele andere Vertreter der künstlerischen Avantgarde vertrat Campendonk während der Rätezeit ein proletarisches Kunstverständnis.

Im Dezember 1918 erfuhr er, dass er als Mitglied des Kreises um die Berliner Galerie „Der Sturm“ zur „Novembergruppe“ angemeldet worden war. Damit war er zugleich dem „Arbeitsrat für Kunst“ beigetreten. In Anlehnung an die Soldaten- und Arbeiterräte hatten sich deutschlandweit Künstlerräte gebildet, die eine Neuausrichtung der Kunst erstrebten. Obwohl er die Mitgliedschaft wohl nicht beabsichtigt hatte, unterzeichnete Campendonk das erste Manifest des „Arbeitsrats für Kunst“ und beteiligte sich an einer Umfrage, die 1919 in der Schrift „Ja! Stimmen des Arbeitsrates für Kunst“ veröffentlicht wurde. Campendonks Antwortschreiben belegt eindrucksvoll seine Vorstellungen von der Bedeutung der Kunst, der Ausbildung des Künstlers und der Zukunft des Kunstbetriebs. Eine maßgebliche Rolle spielte hierbei seine eigene Ausbildung an der Krefelder Kunsthandwerkerschule. Für die Publikation reichte er das Gemälde „Blumenbild“ ein, welches als Leihgabe in und als Titelbild der Ausstellung zu sehen sein wird.

Der Arbeitsrat für Kunst war ein Zusammenschluss von Architekten, Malern, Bildhauern und Kunstschriftstellern, der sich 1918 in Berlin gründete und bis 1921 bestand. Er war als Reaktion auf die zu dieser Zeit gegründeten Arbeiter- und Soldatenräte entstanden und hatte sich zum Ziel gesetzt, die aktuellen Entwicklungen und Tendenzen in der Architektur und Kunst einer breiten Bevölkerung nahezubringen. Die Gruppe arbeitete eng mit der Novembergruppe und dem Deutschen Werkbund zusammen. Einige der im Arbeitsrat vertretenen Architekten schlossen sich später zur Gläsernen Kette, einem Korrespondenzzirkel, zusammen oder waren ab 1926 Mitglied im Ring. Diese gelten als wichtiger Impulsgeber für die Gründung des Bauhaus. Einzelne Mitglieder unterrichteten an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe Breslau, neben dem Bauhaus die wichtigste Kunsthochschule der Zeit.

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