Würden Sie noch einmal Pastor werden? Ein Interview zum Priesterjubiläum

Krefeld : „Jeder ist in schwebender Haltung“

Vor 50 Jahren wurde Karl-Heinz Teut zum Priester geweiht. Ein Gespräch über Beruf und Berufung.

Karl-Heinz Teut feiert in diesem Jahr seine Priesterweihe vor 50 Jahren im Jahr 1969 im Aachener Dom. Er ist 76 Jahre alt und war 34 Jahre Priester in der Kirche Herz Jesu an der Friedrich-Ebert-Straße. Er ist in Korschenbroich aufgewachsen; sein Vater war Schreiner. Seine Eltern waren religiös geprägt und gut katholisch; der sonntägliche Gang zur Kirche gehörte für Teut zu den Selbstverständlichkeiten seiner Kindheit und Jugend.

Zum Priesterberuf kam er unter anderem durch Kapläne, die ihn mit ihrer Haltung geprägt und beeindruckt haben. In der Schule, berichtet er, gehörte zu den faszinierenden Lektüren die Auseinandersetzung mit dem Philosophen Albert Camus, der einerseits Atheist war, andererseits eine unbedingte Ethik der Mitmenschlichkeit vertrat.

Sie haben einen Beruf gewählt, der besonders anstrengend ist, weil man in hohem Maße berufen sein muss und weil man dauernd mit jemandem zu tun hat, der kein einfacher Partner ist: der liebe Gott, auch weil er oft in einer Weise verborgen ist, die einen ratlos, verzagt, verärgert, verzweifelt zurücklässt. Wie wird man damit über 50 Jahre damit fertig?

Teut Sehr unterschiedlich. Es gab und gibt immer wieder überraschende, tiefe Gespräche, die einen doch ermutigen, dass Gott nahe und nicht nur verborgen ist.

Mir sind Menschen immer dann unheimlich, wenn sie so tun, als hätten sie gerade noch mit Gott am Gartenzaun geplaudert, oder wenn sie so tun, als wüssten sie ganz genau, dass Gott nur ein Märchen ist. Die Mitte heißt: in der Schwebe sein zwischen Zweifel und Glauben. Wo stehen Sie?

Teut In dieser schwebenden Haltung bin ich immer. Ich glaube, da ist jeder Mensch. Wir haben als Schüler mit großem Interesse Camus gelesen; die Theodizee-Frage (wie kann Gott das Leid in der Welt zulassen?) hat uns Schüler sehr bewegt. Dieses Schwebende ist übrigens nicht nur der Gottesfrage vorbehalten. Auch im Zwischenmenschlichen stellt sich etwa bei Liebe und Freundschaft immer mal wieder die Frage: Ist es denn so, ist es real?

Wie sehen Sie Menschen mit großen Gewissheiten in religiösen Fragen?

Teut Da verschließt sich in mir etwas, denn ich frage mich immer: Woher nehmen sie diese Gewissheit? Ich habe auch den Eindruck, dass solche Leute mehr gefährdet sind als andere, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Auch biblische Geschichten berichten eher von schwebenden Erkenntnislagen. Mose zum Beispiel schwankte immer, ob und wie er mit diesem Gott, der sich ihm da offenbart, zurechtkommt. Das ist für mich lebendiger Glaube. immer wieder neu ringen.

Sie haben es ausgehalten; würden Sie den Beruf noch einmal ergreifen?

Teut (lacht) Ich habe es ausgehalten und würde den Beruf auch wieder ergreifen.

Sie haben in diesen fünf Jahrzehnten eine fast dramatisch zu nennende Wende erlebt – von relativ intakten katholischen Strukturen hin zu zunehmender Entkirchlichung. Wie haben Sie das erlebt?

Teut Ja, wir haben zunächst die Arbeiter verloren, später auch viele andere. Das ist aber bis heute in vielen Gemeinden auch unterschiedlich. Ich habe aber den Eindruck, dass Menschen in schwierigen Lebenslagen wieder die Nähe zur Kirche suchen. Bei einem Abendgottesdienst in St. Dionysius ist mir aufgefallen, dass dort viele Menschen saßen, denen im Gesicht abzulesen war, dass sie eine schwierige Geschichte hinter sich haben. Ich hatte das Gefühl, dass man auf viele zugehen und fragen müsste, ob und wie man helfen kann. Das ist eine neue Situation.

Sie waren auch an Schulen tätig. Welche Erfahrungen haben Sie mit Schülern gemacht?

Teut Ich war lange Jahre an der Stephanus-Hauptschule aktiv, und das war sehr interessant. Die Schüler dort waren nicht antichristlich oder kämpferisch-atheistisch, im Gegenteil. Die haben mit mir sehr interessante Gespräche geführt, weil sie spontan sind und unbefangen und direkt aus ihrem Empfinden heraus reden und denken. Es hat mir, je länger, desto mehr Freude gemacht, mit ihnen zu diskutieren. Die reden frei von der Leber weg. Auch das hat mich immer bestärkt, und oft habe ich gedacht: Das war ein schöner Morgen. Die Frage für die Kirche ist, wie man solche Gespräche weiterführt.

Man hat den Eindruck, dass sich Kirche und Leute in wichtigen Fragen sehr weit voneinander entfernt haben. Familienplanung zum Beispiel ist heute für auch gute Katholiken kein ethisches Problem mehr, obwohl sie streng genommen gegen die Lehre der Kirche verstoßen. Diese Situation kann nicht gutgehen.

Teut Das ist ein Problem. Die Leute haben ein religiöses Selbstbewusstsein entwickelt, aus dem heraus sie solche Fragen ernsthaft vor ihrem Gewissen entscheiden. Das ist auch in Ordnung. Und es ist leider so: Wir haben uns als Kirche von dieser Entwicklung abgekoppelt. Mit der Pillen-Enzyklika Humanae Vitae waren wir für viele Menschen keine kompetenten Gesprächspartner mehr.

In den Gemeinden sind solche Fragen meinem Eindruck nach auch kein Thema mehr, auch nicht für die Priester.

Teut Stimmt. Andererseits hat sich die Einstellung zum Ehesakrament dadurch auch verändert. Wenn Leute heute kirchlich heiraten, dann nicht, weil sie die Erlaubnis zum Zusammenleben brauchen, sondern weil sie glauben: Zum vollen Glück fehlt noch etwas, nämlich Gottes Segen. Ähnlich ist es bei der Taufe. Auch wenn Leute nicht sehr fromm sind, gibt es das Bewusstsein, dass ein Kind unter Gottes Segen stehen muss. Die Anfrage bleibt für die Kirche: Wie führen wir ein solches Gespräch fort?

Ich sehe dort ein Buch über den Zölibat. Man hat bei Priestern, die ein erfülltes berufliches Leben aus­strahlen, nicht den Eindruck, dass dieses Thema beherrschend ist. Teilen Sie den Eindruck?

Pastor Karl Heinz Teut. Foto: Jens Voss
„Ich habe auch den Eindruck, dass solche Leute mehr gefährdet sind als andere, den Boden unter den Füßen zu verlieren“: Pastor Teut im RP-Gespräch. Foto: Jens Voss
Pastor Karl Heinz Teut. Foto: Jens Voss
Pastor Karl Heinz Teut. Foto: Jens Voss
Pastor Karl Heinz Teut. Foto: Jens Voss

Teut Das sehe ich auch so, auch bei mir selbst. Man wächst da rein. Am Anfang steht die Begeisterung für den Beruf aus Berufung. Nicht der Zölibat war die Berufung, eher stand die Frage im Raum, ob man sich ein zölibatäres Leben zutraut. Ich hätte auch gerne Familie gehabt; aber je länger man im Beruf ist, desto mehr wird der Zölibat zur Selbstverständlichkeit. Wenn ich irgendwann hätte heiraten können, hätte ich mein Leben wirklich sehr umstellen müssen. Der Priesterberuf ginge doch sehr auf Kosten einer Familienführung. Ich glaube allerdings nicht, dass die Kirche sich auf Dauer nur auf diese kleine Gruppe von zum Zölibat berufenen Männern stützen kann. Es gibt sicher auch Berufungen unter verheirateten Männern.

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